Archiv: Nie vergessen

Stefan Baron über China und die Vogelgrippe 

China ist ein Land der Superlative. Es hat das größte Wirtschaftswachstum, den größten Markt, das größte Zukunftspotenzial von allen (großen) Ländern dieser Welt – und den größten Hühnerhof. 13 Milliarden Exemplare des Federviehs werden hier jedes Jahr aufgezogen. „Ohne Huhn“, so ein chinesisches Sprichwort, „kein Festessen.“ 

Ohne Huhn aber auch kein H5N1 und keine Vogelgrippe. Der gefährliche Virus, der inzwischen die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen beginnt (siehe Titelgeschichte Seite 66), hat seinen Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem chinesischen Hühnerhof. 

Anzeige

In den vergangenen Wochen ist die Vogelgrippe nach Europa vorgedrungen. Obwohl Virologen schon seit Jahren davor warnen, dass sie sich zu einer weltweiten Pandemie ausweiten könnte, ähnlich der von 1918, bei der 50 Millionen Menschen starben, nahmen Politik und Öffentlichkeit hier zu Lande davon kaum Notiz. Umso größer ist jetzt die Panik. 

H5N1 ist so gefährlich wie kein anderes Virus in den vergangenen Jahrzehnten. Das Einzige, was ihm, gottlob, noch zum Auslöser einer Pandemie fehlt: Die Übertragung vom Tier auf den Menschen und von Mensch zu Mensch ist bisher nicht leicht. Doch diese letzte Hürde, so fürchten Virologen, könnte das Virus in diesem Winter nehmen, wenn es einen Menschen befällt, der zugleich die normale Grippe hat. 

Die Folgen wären verheerend. Einmal in eine Körperzelle eingedrungen, vermehrt sich das Virus binnen einer Stunde 100 000-mal, die Lunge füllt sich mit Flüssigkeit, dem Infizierten droht der Tod durch Ertrinken. Die Mortalitätsrate ist hoch. Von den bisher über 100 betroffenen Menschen starben mehr als die Hälfte. Bei der Grippe-Pandemie von 1918 waren es nur fünf bis zehn Prozent. 

Schafft H5N1 die letzte Hürde zur Pandemie, wären nach Schätzung von Experten mehrere hundert Millionen Tote und ein weltweiter Schaden in Billionen-Höhe zu erwarten. Die Asiatische Entwicklungsbank errechnete für den Fall, dass die Vogelgrippe auch nur einen Großteil von Südostasien und China überzieht, schon Schäden von 200 Milliarden US-Dollar. Ganze Branchen wie Tourismus, Gastronomie, Fluglinien oder Versicherungen würden kollabieren ebenso Immobilien- und Finanzmärkte. Die eng vernetzte Weltwirtschaft könnte in die schwerste Depression ihrer Geschichte stürzen. Vor einer solchen Katastrophe verblassen selbst die Gefahren des Terrorismus, zu dessen Abwehr in den zurückliegenden Jahren viele Milliarden ausgegeben wurden. 

Grund genug für alle Verantwortlichen, die Prioritäten neu zu bedenken und alles zu tun, um die drohende Pandemie zu verhindern oder zumindest einzugrenzen. Leider nehmen die staatlichen Abwehrmaßnahmen erst in diesen Tagen, da die Gefahr schon vor der Haustür steht, die nötige Fahrt auf. Und leider ist China, der Ort mit dem größten Gefährdungspotenzial, nicht dabei. Dort haben die Behörden aus SARS offenbar nicht viel gelernt: Als der weltweit geachtete Virologe Dr. Guan Yi von der Universität Hongkong öffentlich den Verdacht äußerte, China verschweige das wahre Ausmaß der Vogelgrippe im Lande, wurde er von Peking beschuldigt, „Staatsgeheimnisse verraten“ zu haben. 

Das ist auch ein Superlativ. Aber keiner, auf den China stolz sein kann. Im Fall der Fälle würde die Welt dem Land dieses Verhalten wohl nie mehr vergessen. 

PS Alle Abonnenten erhalten mit dieser Ausgabe kostenlos unser aktuelles Sonderheft zu China, das in zahlreichen Geschichten die ökonomische Lage und Zukunft des Landes wie der deutsch-chinesischen Beziehungen beschreibt. Einzelkäufer der WirtschaftsWoche können das Heft für drei Euro bei ihrem Zeitschriftenhändler erwerben. Viel Gewinn bei der Lektüre! 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%