„Noch eineAmateurin“

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Kommunikation » Der Berater HeinzGoldmann über die Fehler der Kanzler-kandidatin Angela Merkel im Wahlkampf. 

Herr Goldmann, hat Sie das Wahlergebnis überrascht? 

Im Gegenteil. Die Prognosen der Wahlforscher waren für mich nie stichhaltig. Ich hatte mit einem starken Abschneiden Gerhard Schröders gerechnet. 

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Warum? 

Weil er, abgesehen von der Entgleisung am Wahlabend, bewiesen hat, dass er ein Meister der Kommunikation ist. 

Die kommunikativen Fähigkeiten der Spitzenkandidatenhaben die Wahl entschieden? 

Natürlich! Ob uns das lieb ist oder nicht – wir leben längst in einer Mediendemokratie. 

Was heißt das? 

Es geht nicht darum, ob ein Herr Schröder oder eine Frau Merkel in der Lage ist, uns aus diesem Elend herauszuholen. Es geht um Fotogenität und kommunikative Fähigkeiten. 

Alle sprachen von Schicksalswahlen – Sie reden von Äußerlichkeiten? 

Gemessen an seiner Leistungsbilanz hatte Schröder miserable Karten. Seine kommunikativen Fähigkeiten hatten entscheidenden Einfluss auf das Abstimmungsverhalten vieler Wähler. Vor allem auf die große Zahl der Unschlüssigen. 

Was war Schröders Erfolgsrezept? 

Er tritt souverän auf, braucht kein Manuskript, sieht die Menschen an, sein Lachen wirkt nicht gekünstelt. Er signalisiert dem Wähler: Ich will Kontakt zu dir. 

Und dann kann er erzählen, was er will? 

Das nicht. Aber mit seiner gewinnenden Art schafft er es wie kaum ein anderer, dass die Leute ihm gern zuhören. 

Wie macht er das? 

Er kann Gedanken langsam entwickeln, setzt Kunstpausen, formuliert kurze, einprägsame Sätze. Und verfügt über eine erstaunliche Geistesgegenwart. 

Frau Merkel weiß auch, worüber sie redet. 

Ich will ihre Kompetenz in der Sache auch gar nicht absprechen. Aber sie hat es versäumt, Schröder bei seinem größten Schwachpunkt zu packen – seinem Versagen beim Bekämpfen der Arbeitslosigkeit. Dieses Manko hat sie nur verschämt angeschnitten. Dabei hätte sie darauf ihre ganze Kommunikation penetrant abstellen müssen. Ihre Vielzahl von Argumenten verwirrte nur. 

Hatte Sie die falschen Berater? 

Wohl zu viele. Schröder ist sich selbst genug, er zieht sein Ding durch. Frau Merkel verzettelt sich, lässt sich offenbar leicht beeinflussen. She’s a pleaser – jemand, der es möglichst vielen recht machen will. Obwohl sie scheinbar alle Trümpfe in der Hand hatte, war sie es, die sich permanent in die Defensive drängen ließ. Frau Merkel ist ehrlich, sachlich beschlagen – aber für mich noch immer eine Amateurin. 

Was war Schröders entscheidender Schachzug? 

Er hat es geschafft, trotz seiner schlechten Bilanz eine positive Botschaft zu formulieren und sie den Wählern gebetsmühlenhaft einzutrichtern. 

Welche? 

Etwas, womit schon Adenauer, Erhard und Kohl Wahlen gewonnen haben: keine Experimente – das Versprechen der Kontinuität. Das funktioniert in Wahlkämpfen immer noch. 

Merkel hat auf den Reformwillen der Wähler gesetzt. Warum war das nicht erfolgreich? 

Weil sie schlechte Nachrichten auch noch mangelhaft kommuniziert. Weil es nicht so sehr darauf ankommt, was man sagt, sondern wie man es sagt. Frau Merkel hat die Gesetze der Mediengesellschaft nicht verinnerlicht, ist keine gute Kommunikatorin. Ihre Körpersprache, ihre Mimik, ihre Art des Vortrags, wie sie auf Menschen zugeht, sie begrüßt – das wirkt alles aufgesetzt. Man merkt, dass sie sich in dieser Rolle nicht wohl fühlt. Sie ist eine kluge, anständige Person, aber sie kann keine Emotionen wecken. Sie wirkte spröde, fast unengagiert. Das können auch maßgeschneiderte Kleidung und Make-up nicht übertünchen. Sie strahlt Unsicherheit aus, aber auch Unnahbarkeit, etwas Oberlehrerhaftes. Die Wähler erwarten das Gegenteil: Sicherheit, Wärme, Souveränität, Einfühlungsvermögen. 

In der Sache hat Frau Merkel aber Recht. Passen Wahlkampf und Wahrheit nicht zusammen? 

Auf jeden Fall ist Wahrheit nicht die erste Wahlkampftugend. Die Wähler entscheiden nach anderen Kriterien. 

Nämlich? 

Gewählt wird, wer gut oder wenigstens sympathisch aussieht und populär ist. Die Wähler fragen sich: Ist mir der Kandidat sympathisch, mag ich ihn? Verstehe und mag ich seine Botschaft? Wer das nicht über die Medien vermitteln kann, wird nicht gewählt. Das hat Frau Merkel völlig unterschätzt. Und die Quittung dafür bekommen. 

Von Schröder lernen, heißt siegen lernen? 

Von Schröder lernen, heißt kommunizieren lernen. Das gilt nicht nur für unsere Politiker, sondern auch für unsere Topmanager. Wer von ihnen kann schon – außerhalb des eigenen Schutzgeheges Unternehmen, ohne Manuskript – in einen echten Dialog mit seinen Zuhörern treten? Viele sind es nicht. 

manfred.engeser@wiwo.de 

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