Archiv: Östlicher Diwan

Das Oriental in Bangkok inspirierte mehr Schriftsteller als jedes andere Grandhotel. 

Sir V.S. Naipaul was not amused. In einem seiner Anfälle von Misanthropie verbarrikadierte sich der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2001 im Grandhotel Oriental in Bangkok grimmig hinter der Tür der Edel-Suite, die den Namen seines großen Vorbilds William Somerset Maugham trägt. 

Weder durch Schmeicheleien noch durch gutes Zureden war der Autor dafür zu gewinnen, der seit Stunden unten im Foyer geduldig ausharrenden Journalisten-Elite Südostasiens wenigstens ein paar Kurz-Interviews zu geben. Stattdessen schickte der Schriftsteller seine nicht minder resolute Frau vor. Sie tat den verblüfften Zeitungsschreibern und Fernsehmenschen barsch kund, als Gattin eines weltberühmten Romanciers könne sie schließlich ebenso gut alle Fragen beantworten. Und wem dies nicht genüge, dem sei es freigestellt, das Haus sofort zu verlassen. 

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Dies wiederum amüsierte das Hotelmanagement ganz und gar nicht: Gilt das Bangkoker Oriental doch seit alters her als ein Treffpunkt für Schriftsteller aller Kontinente. Immerhin reiste, sozusagen als Entschädigung, ein Jahr nach dem Naipaul-Eklat der nicht minder renommierte Peruaner Mario Vargas Llosa an, Nobelpreis-Aspirant, mit Dutzenden Romanen ebenso erfolgreich und mit würdig dosiertem Charme ausgestattet. „Oh my goodness, what a man“, erinnert sich noch vier Jahre später eine leitende Hotelangestellte an den hochgewachsenen, eleganten Latino-Gentleman mit dem Charakterkopf; dann bittet sie eindringlich – Hoteladel verpflichtet –, mit diesem Kommentar strikt anonym bleiben zu dürfen. 

Solche Geschichten, solche Protagonisten! Wäre das Hotel eine der üblichen Luxusherbergen, man hätte mir vielleicht stattdessen gesagt: Liz Taylor war hier. Mit Hündchen und damaligem Gatten, einem Truckfahrer. Man hätte gesagt: Lady Di, Michael Jackson und Michael Caine waren hier – und Roger Moore beim Dreh von „Der Mann mit dem goldenen Colt“. All das hätte mir wahrscheinlich irgendwer zu später Stunde an der Bar anvertraut, in der Absicht, so etwas wie Atmosphäre zu behaupten. Doch das altehrwürdige Hotel am Chao Phraya River, der sich als „König der Flüsse“ wie ein glitzerndes Diadem um die quirlige Metropole legt, hat sich eher die Stillsten unter den Stars als gute Hausgeister herausgesucht – die Ausnahme Naipaul bestätigt nur die seit über einem Jahrhundert von allen eingehaltene Regel. 

Zwar wird jenen guten Geistern nicht mit Schälchen voller Räucherstäbchen, Bananenblätter und Carambola-Stücke geopfert, wie vor den schmalen Hauseingängen der populären Viertel. Doch wer vor dem Hotel aus der Limousine steigt und durch das Spalier lächelnder, zutiefst unaufdringlicher Hotelangestellter in die gläserne, teppichbelegte und lichterfüllte Hotelhalle eintritt, wird zuerst einmal jenen typischen Oriental-Duft erschnuppern, der alle Flügel des Hauses erfüllt. 

Ein Hauch von Limone heftet sich an die Geruchsnerven, kühl und würzig; er gibt den Gedanken Struktur und die Ahnung einer großen Freiheit. Limone als das fernöstliche Pendant zum Geruch jener in einen Tee gedippten Madeleine, die dem Schriftsteller Marcel Proust so unverzichtbar war für den Moment des Erinnerns und den Akt des Niederschreibens. Die guten Geister des Hotels sind denn auch Schriftsteller und Autoren, die hier immer schon gern abstiegen. 

Wäre das Oriental – mit prestigeträchtigen Awards nur so verwöhnt – nun lediglich schick und elegant, es hätte die Wände in den teppichbelegten Etagen seiner mehrstöckigen River- und Garden-Trakte wahrscheinlich mit gerahmten Fotos eben dieser weltberühmten Novellisten, Erzähler und Dramatiker vollgehängt. Doch hier ist solches Prunken ganz und gar undenkbar, eine Sünde wider die Regeln guter Komposition. 

Am besten also, man betritt das Hotel gerade so, wie man die Lektüre eines guten, von Freunden empfohlenen Romans beginnt. Gelassen und neugierig zugleich, Schritt für Schritt, Seite für Seite. Da das Oriental herzlich wenig von Eigenwerbung hält, muss man sich erst ein wenig umschauen, um zum Kern des Hotels vorzustoßen – Limonenduft um die Nase und im Ohr das gedämpfte kosmopolitische Gäste-Gesumm und die Töne jenes Streichquartetts, das in der Empfangshalle abends Haydn oder Vivaldi spielt. 

Man geht am Streichquartett vorbei, schlägt den von Bougainvilleen und Ficusbäumen beschirmten Pfad neben dem schimmernden Swimmingpool ein. Im Schatten der Flügelgebäude liegt ein einstöckiges weißes Häuschen mit Balkongittern und grünhölzernen Fenster-Jalousinen. Es stand schon 1865 hier, diente als gehobene Seemanns-Unterkunft und war der Anfang des heutigen Oriental Hotels. 

Von sanfter Eleganz konnte damals freilich noch nicht die Rede sein: Als die englische Gouvernante Anna Leonowens, spätere Heldin von Margaret Landons mehrfach verfilmtem Buch „Anna und der König von Siam“, an dieser Stelle den Kapitän ihres Flussbootes zu ankern bat, erklärte ihr der Steuermann, jenes Männer-Domizil da oben sei vermutlich nicht gerade der beste Aufenthaltsort für eine Lady. 

Gleichwohl nächtigten damals dort im ersten Oriental keine trunkenen Matrosen, sondern deren würdige Vorgesetzte – unter ihnen im Jahr 1888 ein uniformierter Kapitän namens Józef Teodor Konrad Korzeniowski. Später machte er sich einen Namen in der Weltliteratur als Joseph Conrad. 

An Joseph Conrad erinnert heute nicht nur eine Suite seines Namens, sondern auch das nach seinem Romanhelden benannte Seafood-Restaurant „Lord Jim’s“. Wäre das Oriental nun wiederum ein normales Hotel, es hätte wahrscheinlich die Ausgabe gescheut, in eine veritable literarische Hotelchronik zu investieren. So aber erwartet jeden Gast im Zimmer ein feines, in blaues Leinen gebundenes Buch über die schreibende Klientel. 

Die Bücher aller der dem Oriental verbundenen Autoren – von John le Carré über Graham Greene und Iris Murdoch bis Jewgeni Jewtuschenko und Gore Vidal – stehen hinter den Glastüren eines Schränkchens am Eingang zur „Author’s Lounge“, einem palmenbestandenen Refugium abseits der Tropenhitze, gut sichtbar und griffbereit zur Lektüre: Keine ledergebundenen Bücher mit Goldschnitt, sondern schlichte, robuste Paperbacks. Unter ihnen auch William Somerset Maughams „The Gentleman in the Parlour“. 

Hereinspaziert also in die Somerset-Maugham-Suite! Blütenförmige, rotweißgemusterte Thai-Seide an den Wänden, Mahagonimöbel, zwei Baldachinbetten mit verziertem Aufbau. Im Badezimmer ruht eine altmodische Wanne mit goldenen Löwentatzen auf Marmorfliesen. Auf höchster Ebene gediegen, diskret und bei aller Stille durchaus möglichen Leidenschaften nicht abhold: Dies ist nicht nur eine Suite, dies ist eine Raum gewordene Rezension von Maughams Werk, die Entsprechung zur Gentleman-Prosa des großen Autors. 

Als Maugham nach einer ausgedehnten Reise durch das Königreich Siam hier in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals Halt machte, um sein Südostasienbuch „The Gentleman in the Parlour“ zu beenden, hatte er mit einem schweren Malariaschub zu kämpfen und wäre beinahe aus dem Hotel hinauskomplimentiert worden. Hotels haben nun einmal wenig übrig für moribunde Gäste. 1960 feierte der Schriftsteller dann im Oriental seinen 86. Geburtstag, fühlte sich ein wenig unwohl und schrieb später in einem Brief: „Ich wäre fast erneut des Hotels verwiesen worden, denn die Managerin wollte sich nicht ihr Geschäft dadurch ruinieren lassen, dass ich in einem ihrer Räume starb.“ Welches andere Weltklasse-Hotel besäße wohl die Souveränität, diese Episoden in der eigenen Hauschronik auszuplaudern? 

In der John-le-Carré-Suite dominieren weiße, grüne und Khaki-Farben, perfektes Pendant zur eher praktisch-nüchternen Geheimdienstwelt seiner Romane. Der Autor erinnert sich noch Jahre später an den Empfang in einem Haus, in welchem selbst der Blick der Pagen gänzlich frei ist von oberflächlicher Verschmocktheit: „Wir kamen von einer harten Überlandreise aus Laos, und obwohl wir aussahen wie Landstreicher, wurden wir empfangen wie Könige.“ 

Muss da extra noch erwähnt werden, dass die Barbara-Cartland-Suite ganz in Rosa gehalten ist? Womöglich ist es eine nicht ganz ironiefreie Hommage an die Herzschmerz- und Happyend-Welt der vor sechs Jahren verstorbenen britischen Vielschreiberin. Frau Ankana Kalantananda, hier im Hause nur respektvoll Khun (Dame) Ankana genannt, schweigt sich dazu aus. Die inzwischen 84-jährige, wenngleich beinahe alterslos wirkende Dame, steht seit sechs Jahrzehnten im Dienst des Oriental. Mit dem sorgfältig ondulierten schwarzen Haar, matt schimmernder Perlenkette und der von einem schmalen Schal drapierten hellblauen Seidenbluse könnte sie geradewegs einem Cartland-Roman entstiegen sein. 

Khun Ankana, die bereits hier arbeitete, als den Gästen noch Moskito-Netze ausgehändigt wurden und die heute so etwas wie das personifizierte Gedächtnis des Hotels ist, bittet den Gast auf die dunkelgrüne, mit Messingnägeln verzierte Ledercouch in der Gäste-Bibliothek. Die grazile Handbewegung, die sie dabei vollführt, scheint alle Schwerkraft des Zeitlichen mühelos hinwegzufegen. 

Natürlich erinnert sie sich an Somerset Maugham. Ein wahrer Gentleman sei er gewesen. „Die jungen Leute von heute sollten seine Bücher lesen“, sagt Khun Ankana, „damit sie sehen, wie man auch ohne akademische Zertifikate packend schreiben kann.“ Dies ist jetzt quasi beiseite gesprochen, in Richtung der fünf Jahrzehnte jüngeren PR-Managerin, die in respektvollem Abstand auf einem der hochlehnigen Stühle Platz genommen hat, ernsthaft nickt und die literaturkritische Kurzanalyse flugs einträgt in ihr Notizbuch mit dem goldaufgedruckten Fächer, dem Hotel-Logo. 

Wird Dame Ankana nun vielleicht doch erwähnen, dass Barbara Cartlands Roman „Die Siam-Saphire“ ihr persönlich gewidmet ist als „a very important and charming part of the best hotel in the world“? Nein, sie tut es natürlich nicht. Diskretion in Person, perlt von ihr auch die irgendwann gestellte, womöglich ein wenig gewagte Frage nach etwaigen Gästen der Gäste ab: Schließlich waren die Herren Maugham, Noël Coward und Yukio Mishima doch als Nachtschwärmer mit eindeutig gleichgeschlechtlicher Präferenz durchaus bekannt. 

Ein leichtes Heben der schmalen, oval geschwungenen Augenbrauen ist die einzige Antwort, lebendiges Pendant zu jener Illustration des perfekten Hoteliers, wie sie im blauleinenen Oriental-Buch abgedruckt ist: Ein freundliches Gesicht, in dem Mund und Lippen durch einen robusten roten Reißverschluss ersetzt sind. Immerhin ringt sich die alte Dame zu der Feststellung durch, der Schriftsteller Mishima habe extrem melancholisch auf sie gewirkt. Daher habe sie sich nicht gewundert, als sie später hörte, dass er sich in Japan mit dem Schwert entleibte. Die Erinnerung an solch dramatische Begebenheit lässt Dame Ankana im Gespräch kein bisschen die Stimme heben. 

Allenfalls kokettiert die weise alteDame ein wenig mit den eigenen kleinen Erinnerungslücken, etwa wenn sie zwei, drei Sekunden lang überlegt, ehe sie den Namen des französischen Erfolgsromanciers Romain Gary aus ihrem Gedächtnis zieht. Gary war der quintessenzielle, schnurrbärtige Frauenheld der Fünfziger- und Sechzigerjahre – der Typ von Womanizer aber auch, der mit distinguierten Damen von ihrem Schlage offenbar nicht allzu viel anzufangen wusste: „Ich war wahrscheinlich nicht sein Typ“, sagt sie heute und erinnert sich ein wenig wehmütig „an ein Dinner voller Schweigsamkeit.“ 

Auch James Michener fiel im Oriental nicht nicht gerade durch Geschwätzigkeit auf. An der Bar des Oriental gab sich der 1997 gestorbene amerikanische Verfasser dickleibiger Bestseller („Sayonara“, „Die Brücken von Toko-Ri“) betont wortkarg. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie Redefaulheit der Autoren anmutet, könnte jene schweigsame Selbsteinkehr gewesen sein, die dem Schreiben notwendig vorausgeht. „Für treues Schweigen gibt es sicheren Lohn“, sagte der römische Dichter Horaz. 

Im Oriental Bangkok wurde das Schweigen der Schreiber – ebenso wie ihre übrigen Idiosynkrasien – stets respektiert, mit Takt behandelt. Und der Lohn fiel reich aus. Vielleicht liegt darin ein Teil des Geheimnisses, warum sich die Großen der Literatur hier im Oriental immer wieder die Klinke in die Hand gaben. 

Luxusherbergen gibt es im Überfluss. Auch Hotels, die in dem einem oder anderem Roman zu Ehren kamen, sind nicht selten. Doch ein Hotel der Weltspitze, das als regelrechter Inkubator der Weltliteratur fungierte, gibt es nur einmal: auf der Oriental Avenue in Bangkok. 

Marko Martin 

The Oriental 

48 Oriental Avenue, Bangkok 

Tel. 00 66/2/6 59 90 00 

www.mandarinoriental.com 

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