Offener Dialog Heinrich v. Pierer über die Beziehungen zwischen Deutschen und Chinesen

Archiv: Offener Dialog Heinrich v. Pierer über die Beziehungen zwischen Deutschen und Chinesen

Welches Bild machen sich Chinesen über Deutsche und Deutsche über Chinesen? Das war ein Punkt auf der Agenda des Deutsch-Chinesischen Dialogforums, das vor einigen Tagen in Anwesenheit von Staatspräsident Hu Jintao und Bundespräsident Horst Köhler in Berlin gegründet wurde. Ein solches Forum von Unternehmern, Wissenschaftlern, Kulturschaffenden und Journalisten aus beiden Ländern ist ein Novum. Die Offenheit und Sachlichkeit des dort geführten Gesprächs unterscheidet sich frappant von dem immer noch häufig in der deutschen Öffentlichkeit gepflegten Bild Chinas als einem Land im Zangengriff von Partei und Staatsgewalt. 

Niemand, der den erreichten Grad an Offenheit Chinashervorhebt, würde behaupten, das Reich der Mitte sei auf einem zügigen Weg zu einer Demokratie und einem Rechtsstaat westlicher Prägung. Beides ist derzeit noch unvorstellbar. China wird seinen eigenen Weg gehen: mit hoher Bereitschaft, von der Außenwelt zu lernen, aber natürlich auch auf Basis der Jjahrtausendealten chinesischen Kultur und der konfuzianischen Ethik. Unterschiede stehen einem Dialog aber nicht entgegen. Sie legen ihn vielmehr nahe. 

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Was ist am Dialog der Zivilgesellschaften beider Länder so bemerkenswert? Erst einmal, dass er überhaupt geführt wird. Noch vor zehn Jahren wäre das ausgeschlossen gewesen. Die Sorge vor allen möglichen Unwägbarkeiten wäre bei Partei und Regierung in China viel zu hoch gewesen. Heute stehen die Regierungen beider Länder in stetigem Austausch. Dazu gehört auch der so genannte Rechtsstaat-Dialog – Verdienst eines systematisch aufgebauten und auch über schwierige Phasen aufrechterhaltenen Gesprächsfadens auf Spitzenebene, angefangen von den Kanzlern Helmut Schmidt, Helmut Kohl bis hin zu Gerhard Schröder, der sicher auch unter Angela Merkel weitergeführt wird. 

Die Gesprächsbasis wird zunehmend breiter. Heute kann man über Unterschiede und Berührungspunkte der politischen Systeme sprechen, zum Beispiel über die Rolle von politischen Parteien, das Wahlsystem oder Fragen der Gewaltenteilung. Wenn chinesische Teilnehmer in solchen Gesprächen in Anwesenheit westlicher Journalisten selbst darüber diskutieren, dass die Todesstrafe in ihrem Land künftig zwar noch verhängt, aber nicht mehr vollzogen werden müsse, ändert das noch nicht die heutige Praxis, belegt aber eine neue Freiheit des Denkens. 

Bei solchen Diskussionen fällt es westlichen Gesprächsteilnehmern bisweilen nicht leicht, der chinesischen Auffassung zu widersprechen, es gebe eben mehr als nur einen Weg im Umgang mit grundsätzlichen Fragen des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Zumal wenn es um Fragen geht, die selbst innerhalb des westlichen Kulturkreises schon unterschiedlich gehandhabt werden. Dialog eröffnet Einsichten, und er fördert gegenseitiges Verständnis ganz im Sinne des von Altbundespräsident Roman Herzog seinerzeit geprägten Grundsatzes vom Wandel durch Kennenlernen. Im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft sprechen wir in ähnlicher Weise vom Wandel durch Handel. Das wurde beim jüngsten Besuchs des chinesischen Staatspräsidenten in einigen Medien erneut als eine bloße Floskel und ein Feigenblatt kritisiert, das nur ungebremste wirtschaftliche Interessen rechtfertigen soll. 

Ich glaube, solche Äußerungen nehmen zu wenig Notiz von der Realität. Zum Beispiel davon, dass China mit großer Zielstrebigkeit die Internationalisierung seiner Wirtschaft betreibt und in diesem Zusammenhang Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) geworden ist. Natürlich aus Eigeninteresse, aber ebenso selbstverständlich mit der Pflicht, die WTO-Grundsätze sukzessive vollständig anzunehmen. Und es ist eben eine Tatsache, die sich in der Geschichte immer wieder gezeigt hat – auch in der europäischen: Wirtschaftliche und politische Freiheit lassen sich auf Dauer nicht voneinander trennen. Sie korrespondieren miteinander. Wenn ein Dialog zwischen der deutschen und der chinesischen Zivilgesellschaft begonnen wird, ist das ein weiterer Beleg dafür. Wenn westliche Unternehmen in ihren chinesischen Betrieben weit überdurchschnittliche Löhne zahlen und Ansätze betrieblicher Mitbestimmung praktizieren, dann sind auch das Mosaiksteinchen, die mit der Zeit das Bild verändern. 

Veränderung kann man nicht schlagartig und über Nacht erwarten. Wie sollte man sich das in einem Land mit 1,3 Milliarden Menschen denn auch vorstellen? Mich haben die Herausforderungen und Prioritäten immer beeindruckt, die mir hohe Repräsentanten Chinas im Gespräch genannt haben: Stabilität und Frieden im ganzen Land wahren, die Versorgung der gesamten Bevölkerung in Stadt und Land mit Lebensmitteln gewährleisten und die Ausbildung der jungen Generation kontinuierlich verbessern. 

Heute kommen neue Herausforderungen hinzu: das aufziehende demografische Problem Chinas als Folge der Ein-Kind-Politik. Also zunehmende Alterung der Bevölkerung in einem Entwicklungsstadium der chinesischen Gesellschaft, in dem Kapitalbildung und Sozialsystem noch weit von dem bei uns bestehenden Niveau entfernt sind. Oder der rapide steigende Rohstoff- und Energieverbrauch und die damit verbundenen Umweltlasten. Das alles wird realistisch gesehen – inklusive der weit über China hinausreichenden Effekte. 

Ein Dialog über den Umgang mit diesen Herausforderungen ist möglich. Und er ist notwendig. Natürlich geht es dabei auch um Wirtschaftsinteressen beider Seiten. Aber nicht in blauäugiger Weise. Sondern auf der Basis einer realistischen Einsicht in die Situation und in die Verhältnisse des jeweils anderen. Die legen nicht das Pflegen von Vorurteilen nahe, sondern Dialog und Handeln im gemeinsamen Interesse. 

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