Papier SCHILLERNDE KÄFER

Archiv: Papier SCHILLERNDE KÄFER

Das Pariser Unternehmen Thibierge & Comar entwirft außergewöhnliche Papiere für Kenner. 

Er wollte samtiges Schwarz, schimmerndes Schwarz, schattiertes Schwarz – und bekam doch immer nur schlichtes Schwarz. „BeiStoffen gab es eine riesige Auswahl an Strukturen und Tönen“, erinnert sichEmeric Thibierge, „beiPapier nicht.“ Nach zahlreichen Spaziergängen durch den Pariser Stadtteil St. Germain, vorbei anden Auslagen der Textildesigner mit ihren immer neuen Kreationen, beschloss Thibierge Anfang der Neunzigerjahre, die Monotonie der Papiere zu beenden. Mit seinem Compagnon Jérôme Comar gründete er ein Unternehmen, das Papier mit Charakter entwirft. 

Zwölf Jahre später umfasst die Auswahl von Thibierge & Comar fünf Linien in insgesamt 136 Farbvarianten. Schwarze Papiere sind nur zwei darunter, aber was für welche: Cromático, ein leuchtendes, farbintensives, elastisches Blatt, und das matte, zartgeriffelte, feste Canevas. Sein Gespür hat Thibierge nicht getrübt: Für ausdruckstarkes Papier gibt es eine große Nachfrage. 

Anzeige

Mineralis, das mit seinem dezenten Marmoreffekt Solidität und Langlebigkeit ausstrahlt, gefällt vor allem Banken und Versicherungen. Das technisch wirkende Cromático kommt bei Industriekunden wie Audi und DaimlerChrysler gut an. Evanescent, ein perlmuttartig-schimmerndes Blatt in Puderfarben, heften Modehäuser wie Chanel in Haute-Couture-Kataloge. Canevas mit seinem zeitlosen, zarten Fischgrätenmuster wurde bei Givenchy Haute Couture zur Neujahrskarte geadelt. 

Thibierge, der das Unternehmen mit seinen 15 Mitarbeitern mittlerweile alleine führt, versteht sich als Papier-Kreateur, der ganz wie die Stoffdesigner, deren Auslagen er einst bewunderte, Entwürfe vorlegt. Die Produktion der Papiere führt Thibierge allerdings nicht selbst durch, dafür sucht er die jeweils passende Werkstatt. 

In Thibierges Büro versperren sieben Schachteln dem Besucher den Weg. In ihnen türmen sich Ausrisse aus Zeitungen und Magazinen, die ihn inspiriert haben. Die Sortierkriterien hat er längst vergessen, aber im Laufe der Zeit sammelt sich in den Boxen wie von allein, was zusammengehört. Oft dauert es Jahre, bis ein Bild in eine Idee mündet, die zu Papier wird. 

So wie bei „Dentelle“, seiner jüngsten Linie, die in Deutschland jetzt auf den Markt kommen wird. Vor vier Jahren blieb Thibierges Blick beim Durchblättern einer der Frauenzeitschriften, die er abonniert, an einem mehrschichtigem Spitzenkleid von Oscar de la Renta hängen. Wie da ein Motiv über einem anderen schwebte, dieser Anblick ließ ihn nicht mehr los. Das transparente Endprodukt erinnert nun an altmodische Tapeten. Thibierge hält „Dentelle“ für das sinnlichste seiner Papiere. 

Die Ideen kommen Thibierge oft unterwegs. Im Pariser Naturkundemuseum entdeckte er Käfer mit schillernden Panzern. Aus diesem Moment des Staunens entstand „Evanescent“, ein Papier so zart wie ein Libellenflügel, so flimmernd wie Blattgold. Ein Besuch bei den Glasbläsern im italienischen Murano inspirierte ihn zum transparenten, intensiv-farbigen „Cromático“. 

Thibierge & Comar möchte dem Zeitgeist immer ein paar Schritte voraus sein. So wie das bei „Cromático“ gelungen ist, das 1998 auf den Markt kam. Kurz danach entwickelte sich Transparenz zum Megatrend, am sichtbarsten verkörpert durch Apples i-Mac. Und seit Thibierge „Dentelle“ lancierte, sieht er Spitzenkleidung allerorten: „Andere machen Papier, wir nehmen Trends vorweg.“ 

Mittlerweile hat er zwei Ingenieure eingestellt, die aus dem Strom seiner Ideen die technisch umsetzbaren herausfiltern. Die passenden Produzenten sucht sich der 42-Jährige für jedes Projekt neu aus. Oft genug halten Hersteller seine Einfälle für exzentrisch und undurchführbar. „Canevas“ wollte er mit Filz prägen lassen, damit die Faser nicht zerdrückt wird. „Die Metallprägung verleiht Papier einen vulgären Touch“, erklärt Thibierge. Massenhaft winkten Produzenten ab, als er mit seinen Vorstellungen zu ihnen kam. Schließlich wurde er in der alten Papiermacherstadt Angoulême fündig. Heute entsteht das Papier dort in 100 Jahre alten Maschinen. Die kleinen Unregelmäßigkeiten auf der Oberfläche verraten die handwerkliche Herkunft. 

Für Thibierge ist jedes Papier ein Abenteuer, auch ein wirtschaftliches. Prototypen stellen die Produzenten für ihn nicht her. Fünf Tonnen ist das Minimum, das er abnehmen muss. Aber er kann abschätzen, welche Produkte sich verkaufen. So vertreibt er „Evanescent“ und „Dentelle“ auch als Briefbögen und -umschläge für Privatkunden in Papeterien, die rund 80 Cent bis einen Euro pro Blatt verlangen. Das zarte „Dentelle“ findet er zum Bedrucken mit einem Laserprinter zu schade. Er empfiehlt es für handgeschriebene Liebesbriefe. 

SILKE WETTACH/BRÜSSEL 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%