Archiv: Perfect Harry

Autorin Petra Reski begibtsich bei Cipriani inLondon – Europas Hotspotder Rich and Famous –auf Legendensuche. 

Es war fast wie in Venedig – mitten in Londons Westend. Wir standen an der Bar, warteten auf unseren Tisch und tranken Bellini. An der Decke hingen kleine Muranoglasleuchter, der Boden war mit dem gleichen Travertin ausgelegt, mit dem auch Harry’s Bar in Venedig ausgelegt ist. Und die Stühle und Sesselchen waren die gleichen niedrigen Modelle wie in Venedig. 

Die Kellner waren Italiener. Wie in Venedig trugen sie weiße Dinnerjacketts. Sie sprachen Englisch mit einem Akzent, der klang, als hätten sie alle im „Paten“ mitgespielt; eben Männer, die nichts mehr zu verlieren haben. Als sich an den Fenstern ein Blitzlichtgewitter vorbeischob, schauten sie nicht hin. Sie blickten auch nicht auf, als die Tür aufging und inmitten einer Flut von ernsten Männern und blonden Frauen ein Hüne in den Saal des Cipriani gespült wurde. Athletisch, blond, blauäugig und mit einem beängstigend breiten Unterkiefer. 

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„Ru... irgend etwas“, sagte ich, „mir liegt es auf der Zunge.“ 

„Ich habe ihn auch schon mal gesehen“, sagte meine Freundin. 

Der hünenhafte Mann durchquerte lächelnd den Saal, und die Kellner trugen Zitronenbaisertorte an uns vorbei, was meinen Blick kurz ablenkte. Ciprianis Zitronenbaisertorte ist die beste der Welt. 

„Ru... Ru....“, sagte ich, „vielleicht Ruther? Ruther something?“ 

Das war der Augenblick, als uns der Maître zu unserem Tisch führte – weshalb wir die Tür und die Bar und den Mann mit dem beängstigenden Unterkiefer aus den Augen verloren. Der Maître hatte uns zuvor an einen Tisch gegenüber von der Bar setzen wollen, und ich hatte abgelehnt – nicht aus Prinzip, sondern aus Überzeugung. Eine Dame setzt sich nicht so nah an die Tür. Erst in diesem Augenblick bemerkte ich, dass es Dummheit gewesen war. Denn die Tische gegenüber von der Bar sind die begehrtesten. Man sieht jeden und wird von jedem gesehen. 

Die straffe Dame, die an der Bar nach Rosé-Champagner verlangte, „as soon as possible“, die Russin mit dem zu langen Hals, die beiden jungen Italiener, die sich gegenseitig darauf aufmerksam machten, noch mal mit einem Taschentuch über die Nasen zu wischen, der Truman-Capote-Wiedergänger mit dem gefärbten Haar, der Typ mit brillantenbesetzten amerikanischen Flagge am Revers und der Begleiterin mit den sehr, sehr großen Händen – sie alle waren sicher nicht nur wegen der Linsensuppe zu acht Pfund gekommen. Oder wegen des iranischen Osietra Gold Caviar für 220 Pfund; sondern weil sie Teil einer Legende sein wollten. 

Die Legende nahm ihren Anfang 1929 in Venedig, als ein gelangweilter amerikanischer Junge nicht genug Geld hatte, um sein Hotelzimmer und die Bar-rechnung zu bezahlen: Jener Harry Pickering, den seine wohlhabende Bostoner Familie auf Europareise geschickt hatte, um ein frühes Stadium von Alkoholismus zu überwinden und dem Giuseppe Cipriani, der Barmann des Hotels Europa, seinerzeit genug Geld lieh, um wieder nach Hause reisen zu können. Solche Großzügigkeit sollte ihm Harry später reich vergelten – so reich sogar, dass Giuseppe Cipriani eine eigene Bar eröffnen konnte – die er nach seinem Gönner benannte. Und seinen ersten Sohn gleich mit: Arrigo heißt Harry auf Italienisch. Dann kam Ernest Hemingway und wurde Stammgast. Truman Capote machte aus den Sandwiches von Harry’s Bar Literatur, und Orson Welles lachte in Harry’s Bar so laut, dass man ihn bis an das Ende der Calle Vallaresso hörte. Harry’s Bar wurde zur Wallfahrtsstätte des Ruhms, bis heute. 

Ob die Russin mit dem langen Hals den Ursprung der Legende kennt? An der Bar liegen die Bücher aus, die Arrigo Cipriani geschrieben hat: die Geschichte seines Vaters und die von Harry's Bar, diverse Kochbücher, eine Kulturgeschichte des Essens, Erzählungen. Und wenn der bienenfleißige Arrigo Cipriani nicht gerade schreibt, dann macht er neue Restaurants auf, in New York gibt es vier Cipriani, in Hongkong den Cipriani-Club, auf Sardinien das Cipriani Porto Cervo. Und überall hoffen Besucher auf einen Hauch von Hemingway. 

„Ruther? Oder Rutger?“, fragte ich den Kellner. 

„Sorry, Signora“, sagte er, „leider kann ich Ihnen über unsere Gäste keine Auskunft geben.“ Er blickte gequält wie ein Pfarrer, dem man sein Beichtgeheimnis entreißen will. 

„Ru...“, beharrte ich, „irgendwas mit Ru..., mir liegt es ...“ 

„Es tut mir Leid“, sagte der Kellner streng. 

Das hat man davon, wenn man sich nicht als Journalistin outet, sondern zur Undercover-Recherche ins Cipriani geht. Meine Freundin hatte den Tisch bestellt, mit ihrem einwandfreien britischen Akzent. Nicht, weil ich als Journalistin befürchtete, bestochen zu werden. Ganz im Gegenteil. Ich befürchtete vielmehr, nicht bestochen zu werden; dass Arrigo Cipriani, mit dem ich am nächsten Tag verabredet war, nicht den geringsten Versuch unternehmen würde, mich zu kaufen. Von wegen Bellini und Zitronenbaisertorte. Er ist dafür berüchtigt, Journalisten in Harry’s Bar zuweilen so lange bei Mineralwasser sitzen zu lassen, bis sie ihn daran erinnern, dass es sich um ein Interview für die Rubrik „Ein Essen mit ...“ handelt. Erst dann bestellt er einen Risotto. 

„Ru...“, sagte ich, „Science-Fiction- oder Actionfilm, so etwas in der Art.“ 

Der Kellner schwieg vorwurfsvoll. Schließlich gaben wir auf und vergaßen Ruther-something über Artischocken-salat, Spaghetti mit Tomaten und Basilikum in schwarzer Tintenfischsauce. Wie in Venedig waren die Servietten aus feinem Leinen, und wie in Venedig gab es Blätterteigbrötchen statt Brot. Und wie in Venedig war das Essen aufrichtig. Wer eine geradlinige Tomatensauce einem Délice von Kirschtomaten an getrüffelter Ingwerfantasie vorzieht, isst hier richtig. Wahrer Luxus liegt in der Einfachheit. Das ist die Philosophie der Cipriani. 

Es ist eine Einfachheit, die ihren Preis hat. Doch Engländer kann man mit einer 250-Euro-Rechnung für zwei Personen nicht aus der Ruhe bringen. Immerhin ist der Ruhm oder zumindest der Blick darauf im Preis inbegriffen. Auch an diesem Abend lungerten zwei Fotografen vor der Tür herum und warteten auf Beute. Auf Stammgäste wie Madonna und ihren Mann, auf Leonardo DiCaprio und Sir Elton John samt Gatten, auf Miramax-Chef Harvey Weinstein, auf Kate Moss und den chinesischen Designer David Tang, der das Cipriani eingerichtet hat, auf Naomi Campbell, von der es heißt, dass sie sich weigerte, ihr Essen zu bezahlen, weil ihr Ex-Freund Flavio Briatore Teilhaber des Cipriani ist, auf David Beckham und seine Frau Victoria. Wobei sich Letztere sogar beim Händewaschen in der Damentoilette hatte fotografieren lassen, von einer Goldman-Sachs-Mitarbeiterin, für die diese Begegnung den Höhepunkt desCipriani-Besuchs darstellte. Schließlich gilt Victoria Beckham als Inbegriff jenes neuen, viel fotografierten Menschentypus, der über viel Geld, aber wenig Kultur verfügt, neue Brüste und enge Jeans trägt und ein untrügliches Gespür für Orte hat, an denen man sich zeigen muss. 

Das Restaurant selbst gibt sich eher britisch bedeckt. Von außen nimmt man kaum mehr wahr als einen rosafarbenen Schimmer, der aus dem Saal auf die Straße fällt. Das Cipriani fügt sich so nahtlos in das elegante Londoner Westend ein, als befände es sich nicht erst seit zwei, sondern seit 100 Jahren an dieser Stelle in der Davies Street: als eine der Ikonen des schönen Scheins – die zu Mayfair gehören wie die Säulen vor die weißen Stadtpaläste. Oxford und Bond Street sind nicht weit, das legendäre HotelClaridge’s liegt gegenüber, Sotheby’s befindet sich nur eine Straße weiter. Es ist eine Welt der schmiedeeisernen Stiefelabtreter und der Pförtner im Frack. Nachts erleuchten Fackeln die Stadtvillen und lodern wie olympische Feuer in Opferschalen. 

„Ru...“, sagte ich und bestellte Zitronenbaisertorte. „War er nicht der sibirische Boxer in Rocky IV?“ 

Und der Kellner wiederholte: „Signora, es tut mir wirklich leid, aber wir geben keine Auskünfte über unsere Gäste.“ 

Am nächsten Tag traf ich ArrigoCipriani. Er ist ein kleiner, sehr agiler Mann mit wachen Augen, Augen, denen nichts entgeht, kein Zwinkern, kein Klirren, kein Räuspern. Er ist 73 und hat sein Leben in Harry’s Bar verbracht – die Hälfte davon an der Seite seines legendären Vaters – den er, wie er sagt, bis heute vermisst. 

Auch zur Mittagszeit war das Cipriani bis zum letzten Tisch besetzt. Geschäftsmänner in Nadelstreifen und Damen mit Wangen, die wie rosige Äpfelchen aussahen. Arrigo Cipriani war glücklich beim Anblick der besetzten Tische – es habe noch keinen Tag gegeben, an dem das Lokal nicht bis an den letzten Platz ausgebucht gewesen sei, vom ersten Tag an. Und dennoch würde kein Gast abgewimmelt. Er halte Restaurants, in denen man drei Monate im Voraus reservieren müsse, für pathetisch, sagte er. Einen freien Tisch gebe es immer. Das habe ihn sein Vater gelehrt, der die Gäste sogar dazu gebracht habe, mit einem Bellini in der Hand draußen in der Gasse vor Harry’s Bar zu warten. 

Ich folgte Arrigo Cipriani an seinen Tisch, hinten links in der Ecke, vor den beiden Separees; es ist ein Tisch, von dem man sehr gut den ganzen Saal überblicken konnte. Und kaum hatte ich Platz genommen, rief der Kellner zu mir über den Tisch: „Ah, Signora! Hatten Sie gestern einen schönen Abend?“ 

Ich tat, als hätte ich ihn nicht gehört und lauschte angestrengt Arrigo Ciprianis Menüvorschlägen. Zuerst tranken wir Bellini. Dann Weißwein. Wir aßen Krebsfleisch. Und Pappardelle mit Kalbsragout. Und Sahnebaisertorte. Und ich fragte mich, wie ich mir jemals hatte einbilden können, dass Arrigo Cipriani einen Journalisten bei Mineralwasser sitzen lassen würde. 

Eine der apfelbäckigen Damen grüßte Arrigo Cipriani. Er sprang sofort auf und ging an ihren Tisch, um sie willkommen zu heißen. Wie in Harry’s Bar üblich, macht er auch in London eine Rundevon Tisch zu Tisch, um alle Gäste zu begrüßen. 

„Und was ist, wenn man Sie nicht erkennt?“, fragte ich ihn. 

„Dann sehen die Leute eben einen Alten, der von Tisch zu Tisch geht“, sagte er stoisch und fügte mit einer Spur Selbstironie hinzu: „Oder sie flüstern hinter meinem Rücken: Das ist Cipriani, die Legende!“ Er machte eine Pause und kicherte. 

Die lebende Legende tanzt jeden Morgen 20 Minuten lang zu Swingmusik. Allein. „Das Geheimnis meiner 47-jährigen Ehe ist, dass wir uns nie gesehen haben“, sagte er. Einmal im Monat fährt er nach London, um sich zu vergewissern, wie die Dinge im Restaurant laufen. Ob die Direktoren sich noch am Telefon mit „Cipriani“ melden und nicht etwa mit einem Vielen-Dank-dass-Sie-das-Cipriani-gewählt-haben-ich-bin-Luigi-womit-kann-ich-Ihnen-nützlich-sein, ob die Blätterteigbrötchen immer noch die luftig-leichte Konsistenz haben, ob der Risotto primavera immer noch ungekünstelt ist und der Koch nicht etwa plötzlich eine „Essenz-von-zwei-Erbsen-an“-Schrulle entwickelt hat. 

„Gehen Sie in ein französisches Restaurant, da werden Sie mit komplizierten Erklärungen belästigt! Die italienische Küche ist eine Küche der Einfachheit! Der Gastfreundschaft! Das ist es, was unsere Gäste schätzen! Mein Vater hat in einem französischen Restaurant gearbeitet – aber nur, um zu lernen, wie man nicht arbeiten soll! Der Mensch will frei sein!“, sagte er. 

Er sprach so schnell wie er aß, sprunghaft und mit Ausrufungszeichen. Von der Freiheit gelangte er zum Papst, die Welt bestehe aus der Menschheit und der Herde, und die Herde pilgere nach Rom, um einen Anachronismus zu besichtigen! Vom Papst kam er zum Denkmalschutz, unter dem das Stammlokal in Venedig neuerdings stehe, was zur Folge habe, dass er nichts mehr verändern dürfe, nicht mal sich selbst! Vom Denkmalschutz geriet er zu Prinz Charles, den er bei einem Abendessen davon überzeugt habe, dass das Ozonloch eine Erfindung der Medien sei. Von Prinz Charles ging er zum Kündigungsschutz über: In Italien sei es einfacher, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, als einem Kellner zu kündigen! Vom Kündigungsschutz kam er zu Woody Allen, der einmal, als er in Harry’s Bar Spaghetti mit Tomatensauce aß, aufstand, zu einer Dame ging und sie bat, ihn nicht weiter anzustarren. Und die vor uns stehenden niedrigen Weingläser erinnerten ihn an den Vertreter des Weinglas-Spezialisten Riedel, der beim Essen in Harry’s Bar seinen Wein jedes Mal in den mitgebrachten kinnhohen Gläsern aus seinem Musterkoffer trinkt und die Gläser dann schmutzig wieder einpackt – und der immer noch nicht begriffen hat, dass der wahre Luxus des Lebens in der Einfachheit liegt. 

Mit einem Seitenblick kontrollierte er die E-Mails auf seinem Blackberry. Sein Sohn Giuseppe betreibt in New York die Geschäfte, sehr erfolgreich. „Es ist eigenartig“, sagt Arrigo Cipriani, „mein ganzes Leben bin ich ein ‚von Giuseppe‘. Erst war ich nichts als der Sohn von Giuseppe, und jetzt bin ich nur noch der Vater von Giuseppe.“ 

Der Kellner servierte Espresso und lächelte noch mal sehr vertraulich. Arrigo Cipriani fand, dass der Kaffee etwas zu sauer schmeckte – und dass der Kellner etwas zu vertraulich lächelte. Überdies sei es unverzeihlich plump von ihm gewesen, darauf hingewiesen zu haben, dass er mich am Abend zuvor bedient hatte. „Darüber hat er Stillschweigen zu bewahren!“, sagte Arrigo Cipriani. „Vielleicht soll ja niemand erfahren, dass die Signora gestern Abend hier gegessen hat! So eine Indiskretion darf sich der Kellner nicht herausnehmen! Man weiß nie! Vielleicht war die Signora am Abend zuvor nicht mit ihrem Ehemann da!“ 

„Ja“, sagte ich, „vielleicht.“ 

Ich traf Ru... dann noch am gleichen Abend. Vor der Damentoilette. Er unterhielt sich mit dem Toilettenmädchen darüber, ob der Abend nun eigentlich langweilig sei oder nicht. Ich zögerte, dann sprach ich ihn an: „Entschuldigen Sie, aber ich frage mich schon die ganze Zeit, wer Sie sind, ich habe Ihren Namen auf der Zunge, fängt er nicht mit Ru... an?“ Über sein Gesicht ging ein Leuchten. Und dann sagte er: „Gestatten: Lundgren, ich heiße Dolph Lundgren. Sie sehen großartig aus.“ 

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