Archiv: Perlen- Prestige

Mit der Himalia-Kollektion knüpft Cartier an seine große Perlen-Tradition an. 

Wohl um das Jahr 1560 fischt ein Sklave aus den Meerestiefen vor Panama eine Perle. Sie ist so schön, dass sie direkt zum spanischen König Philipp II. geschickt wird. Der nennt sie ob der langen Reise La Peregrina (die Pilgerin), und tatsächlich wandert die Perle von einer königlichen Hand zur nächsten weiter – bis sie im Februar 1969 schließlich auf einem Samtkissen bei Sotheby’s landet. Es ist kurz vor Valentine’s, und Richard Burton sucht noch ein Geschenk für Elizabeth Taylor. Er ersteigert die Peregrina für 37 000 Dollar und schenkt sie der Heißgeliebten. Die aber möchte sich um die Perle herum ein Kollier zaubern lassen, und trägt sie freudestrahlend zu Cartier. Wohin auch sonst. 

Perlen und Cartier – das gehört untrennbar zusammen. Vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts, als Perlen gerade ziemlich in Mode sind, kreiert der Pariser Traditionsjuwelier aus den Meerespretiosen Schmuckstücke, die in die Geschichte eingehen. So wie die zehnreihige Schärpe aus über 1000 Perlen und Diamanten für „La Belle Otéro“, die damals berühmteste Kurtisane von Paris, oder die perlenverzierten Diademe der Prinzessin Marie Bonaparte, der Großnichte von Napoléon. 

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Die Hocharistokratie gibt sich zu jener Zeit in der Rue de la Paix die Klinke in die Hand. Cartier hat es geschafft, in nur drei Generationen aus einem einfachen Schmuckgeschäft zum „Juwelier der Könige“ und zum „König der Juweliere“ aufzusteigen. Cartier ist Lieferant der Höfe von Großbritannien, Spanien, Portugal, Serbien, Belgien, Siam und Russland. 

Bald hat das Haus auch zwei Auslandsfilialen, eine in London und eine in New York. Die Standorte teilen sich die drei Enkel des Firmengründers Louis-François Cartier untereinander auf. Die Aufgaben auch. Während Louis in Paris die Geschäfte führt, kümmert sich Jacques um London und den Perlenankauf. Auf der Suche nach den schönsten Exemplaren reist er bis an den Persischen Golf und nachIndien, wo seinen raffinierten Schmuck-Entwürfen nicht wenige Maharadschas erliegen. Jacques ist es auch, der Perlen aus dem legendären Schatz der russischen Perlensammlerin, Fürstin Jussupow, erwirbt. 

Damals waren Perlen mehr wert als Diamanten. Die Perlenpreise wurden zu jener Zeit zusammen mit den Immobilienanlagen auf der ersten Seite der Börsenberichte notiert“, erklärt Pierre Rainero, Direktor für Strategie und Historie des Hauses. Doch dann purzelten die Preise. Warum? Dem Japaner Kokichi Mikimoto war es nach jahrelangen Versuchen gelungen, Perlen heranzuzüchten. 

Cartier stand den Zuchtperlen zuerst kritisch gegenüber. Doch echte Perlen werden heute immer seltener. Da kann sich kein Juwelier mehr erlauben, darauf zu verzichten. Die nun lancierte Himalia-Kollektion, mit der Cartier an seine reiche Perlenschmuck-Tradition anknüpft, besteht durchweg aus solchen an Austernbänken bis zu sechs Jahren herangereiften Kleinodien. 

Doch Zuchtperlen sind nicht gleich Zuchtperlen, es gibt gewaltige Qualitätsunterschiede. Cartier hat sehr hohe Standards. „Wir nehmen nur absolute Top-Perlen“, sagt Direktor Rainero. Daher könne es „manchmal jahrelang“ dauern, ehe die Einzelteile für ein Schmuckstück beisammen sind: „Die hohe Nachfrage auf diesem Markt macht es außerordentlich schwierig, außergewöhnliche Perlen in großer Anzahl zu bekommen.“ 

Lediglich zwei Prozent der Weltproduktion kämen für Cartier überhaupt in Betracht, und nur rund 0,1 Prozent würden letztlich verwendet, sagt Anne-Marie Vaubourg, zuständig für Cartiers Perleneinkauf. Wichtig sei vor allem die Harmonie der Perlen untereinander: Farbe, Form, Größe, Oberfläche und Lüster (der Glanz und Schimmer des Perlmutts) müssten perfekt zusammenpassen. Dies gilt vor allem bei den sogenannten Sautoirs, also den langen Perlenketten. 

„Beim Aussuchen der Perlen darf ich nichts Farbiges tragen, denn der Widerschein meiner Kleidung würde schon den Vergleich der Farbnuancen beeinträchtigen“, sagt die Einkäuferin. Kannte man früher vor allem weiße Perlen, so ist heute die Auswahl mannigfaltig: Südseeperlen sind weiß, Perlen von Australiens Küsten gold- oder cremefarben, Süßwasserperlen oft rosa oder mit einem Schimmer lila und Tahiti-Perlen (bedingt durch schwarze Vulkansande) grau bis schwarz, mit den Nuancen grün, auber-gine oder schokoladenbraun. Tahiti-Perlen gehören heute zu den teuersten. 

Richtig teuer wird es, sobald eine Perle-poire, also eine birnenförmige Perle im Spiel ist. Die berühmte Peregrina im Besitz von Elizabeth Taylor hat diese hoch begehrte Form. Die Einkäufer von Cartier suchen vor allem „Perlen, die nichts zu verstecken haben“, wie Madame Vaubourg erklärt. „Sie muss perfekt sein, damit wir sie in einer ganz kleinen Aufhängung in den Mittelpunkt eines Schmuckstücks stellen können.“ Denn anders als früher werden Perlen nicht mehr einfach aneinander- gereiht, sondern im wahren Sinne des Wortes in Szene gesetzt. In Cartiers aktueller Himalia-Kollektion ist die Perle der Star. „Die anderen Edelsteine um sie herum dienen eigentlich nur dazu, die Perle aufzuwerten“, sagt Vaubourg. Klar also, dass die Perlen absolut top sein müssen. Nach diesen Kabinettstückchen sucht die Einkäuferin zuweilen bis zu einem Jahr – und dann noch einmal genau so lang, um einen Zwilling zu finden, etwa für Ohrringe. 

Der Einkaufspreis einer solchen Perlenschönheit kann leicht 12 000 Euro erreichen. Dazu kommen dann noch die Kosten für den Ankauf weiterer Perlen und Edelsteine plus Hunderte von Arbeitsstunden für die Fassung und Ausarbeitung des Entwurfs. Einen konkreten Endpreis gibt es meist gar nicht, denn in der Haute Joaillerie, also in der Königsdisziplin der Juwelierkunst, sind die meisten Fertigungen bestellte Einzelstücke. Gefertigt werden diese Traumgeschmeide direkt in Paris, im hauseigenen Atelier. Dort, wo auch die Ideen für die „Parure“, also die Kollektions-Ensembles aus Collier, Ring und Ohrringen, entstehen. 

Beim Design greift Cartier gern auf Inspirationen alter Stücke zurück und setzt diese neu um. „Aktuelle Kollektionen beziehen sich fast immer auf alte Schmuckstücke“, sagt Rainero, „wir verstehen unter dem typischen Cartier-Stil eine moderne und zeitgenössische Umsetzung des eigenen Erbes.“ Deswegen bemüht sich das Haus auch seit Jahren mit Erfolg, alte Geschmeide zurückzukaufen. 

Rund 1300 Vintage-Perlengeschmeide lagern im Cartier-Safe, um mit der neuen Himalia-Kollektion auf Welttournee zu gehen. Darunter befinden sich auch die sagenhaften Ohrgehänge des Maharadschas von Patiala – ein Kleinod aus Perlen, Rubinen und Diamanten –, aber auch die berühmte Brosche mit Entenkopf-Motiv der Herzogin von Windsor von 1953, geformt aus einer Blisterperle mit einem Saphir-Auge. Der Herzog von Windsor, bei Cartier „Prince charmant“ genannt, war ein sehr guter Kunde des Hauses. Coco Chanel ebenso. „Sie trug keineswegs nur unechte Perlen“, verrät Rainero mit einem Lächeln, das vermuten lässt, dass im Safe wahrscheinlich auch eine von Cocos berühmten Perlen-Sautoirs liegt. Der Tresorschatz ist groß, aber noch längst nicht vollständig. Die Vermutung liegt denn auch nah, dass das Haus Cartier einer der ersten Bieter sein wird, der Liz Taylor ein Angebot unterbreitet – sollte sich die Hollywood-Legende jemals von der berühmten Peregrina trennen wollen. 

Barbara Markert 

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