Archiv: Pferde flüsterer

Luca Badoer hat einen Job, von dem andere nur träumen: Er testet Ferrari-Rennwagen. 

Rot, rot, alles rot. Die Wände, die Arbeitsbänke, das Auto, die Overalls. Nur der Helm, der aus dem roten Cockpit ragt, ist gelb-weiß und damit der einzige Kontrastpunkt in dieser roten Welt. Eine Hand reckt sich nach oben, ein Finger ragt heraus, und auf dieses Zeichen hin befeuern die Mechaniker das Auto. Der Lärm platzt in die geschäftige Betriebsamkeit wie eine Explosion. 

Luca Badoer steuert das Auto aus der Garage, so wie dutzende andere Male im Jahr. Er hat einen Job, um den ihn Millionen von Formel-1-Fans in der Welt beneiden: Rennfahrer bei der Scuderia Ferrari, dem legendären Rennstall im italienischen Maranello. Zwar rangiert er nach Michael Schumacher und Felipe Massa nur als die Nummer drei im Team. Doch der 1,70 Meter kleine, zierliche Mann, dem der Ex-Rennfahrer Eddie Ir-vine einmal „die Figur eines Jockeys“ bescheinigte, ist der einzige Italiener, der das tänzelnde Pferdchen, das Cavallino Rampante, bändigen darf – und einer von weltweit nur etwa 30 Fahrern, die überhaupt in der Lage sind, mit der ultimativen Rennmaschine umzugehen. 

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Mehr noch: Als Testfahrer bekommt Badoer die neuen Wagen aus dem Rennstall als Erster in die Hand, um sie auf Herz und Nieren zu testen. Er ist es, der den Daumen über Neuheiten hebt oder senkt. Als Testfahrer trifft er die Vorauswahl, wenn es darum geht, welche Neuerungen es wert sind, weiter entwickelt zu werden. Er spricht aus Erfahrung auch ein gewichtiges Wort mit, wenn über bestimmte Reifentypen entschieden wird. Erst sein Kopfnicken bedeutet, dass eine Zeitenverbesserung auch qualitativ ein echter Schritt nach vorne ist. Auf dem Fundament seiner intensiven Beschäftigung mit den technischen Details können die hauptamtlichen Fahrer der Scuderia erst ihren Ruhm aufbauen. Kein Wunder, wenn Schumacher und Badoer immer wieder lange am Telefon konferieren. Der Italiener ist es, der die Wagen für den siebenfachen Weltmeister vorbereitet, und der Deutsche wiederum vertraut den Einschätzungen und Ratschlägen des Testfahrers voll und ganz. 

Wenn die inbrünstig verehrte Scuderia Ferrari ein Kult ist, dann darf Luca Badoer als einer der Hohen Priester angesehen werden. Als er mit 21 Jahren Sieger der europäischen F-3000-Serie wurde, feierten ihn die italienischen Gazetten mit latinischem Überschwang als den kommenden Weltmeister. Dazu reichte es denn doch nicht ganz. In einem Sport, in dem Tausendstelsekunden den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen, ist die Auswahl rigoros. „Es braucht viele Zutaten zum Sieg, und mein Cocktail ist vielleicht nicht so perfekt wie der von Michael“, sagt der ehemalige Formel-1-Fahrer für Lola, Minardi und Forti selbstbescheiden. 

Luca Badoers Arbeit findet überwiegend im Hintergrund statt, abseits des glamourösen Umfelds dieses Sports. Was den Cheftester nicht im Geringsten stört. An der fachlichen Anerkennung seiner Teamkollegen und seines Arbeitgebers liegt ihm erklärtermaßen mehr als am Ruhm. „Es ist mir egal, ob die Öffentlichkeit meine Arbeit schätzt“, sagt der Italiener, „mit Sicherheit erkennt Ferrari sie an, sonst wäre ich nicht seit 1998 dabei.“ Er ist lieber Testfahrer bei Ferrari als offizieller Fahrer in einem kleinen, unbedeutenden Team: „Dort hast du keine Chance auf ein gutes Ergebnis, Ferrari dagegen ist top. Du bewegst dich auf dem höchstmöglichen technischen Niveau, und deine Arbeit hat konkrete Auswirkungen.“ 

Gewaltige Auswirkungen: Die Erfolgsserie der Scuderia zu Beginn dieses Jahrtausends ist schon jetzt Legende. Sechsmal in Folge gewann das Team die Konstrukteurs-WM in der komplexesten Motorsportklasse der Welt (1999 bis 2004), fünfmal in Folge gewann Schumacher den Weltmeistertitel bei den Fahrern. Kein Wunder, dass Ferrari im Fokus aller Rennfahrer-Sehnsüchte steht. Unzählige Rennsport- und Ferrari-Fans beneiden Badoer um seinen Job und um sein Können, auch wenn es sich meistens vor leeren Zuschauerrängen entfaltet. 

Dem Cheftester der Scuderia ist diese Verantwortung kaum anzusehen. Er wirkt eher jungenhaft, doch seine Stimme konterkariert den ersten Eindruck. Sie ist tief, und seine Worte fallen langsam und bedächtig. Der Fahrer aus Treviso, der den Rennsport schon als Junge im Blut hatte, ist nicht leicht zu beeindrucken. In der Position als verantwortlicher Mitarbeiter ist das immer ein nützlicher Charakterzug, erst recht, im Ferrari-verliebten Italien, wo die Scuderia seit mehr als einem halben Jahrhundert die Erfolgsfantasien der Nation befriedigt. 

Da ist es dem Italiener auch ganz lieb, dass Michael Schumacher als Formel-1-Star die Hysterien auf sich bündelt. Badoer empfindet diese „Arbeitsteilung“ als willkommenes Arrangement. „Es ist ein guter Kompromiss“, sagt er, „natürlich werde ich auch häufig genug erkannt, aber es herrscht nicht so ein Chaos um mich wie um Michael. Ich würde dabei verrückt werden.“ 

30 000 Testkilometer, drei Viertel einer Erdumrundung, absolvierte der zähe Fahrer allein im vergangenen Jahr. Jede Woche sitzt er drei bis fünf Tage im Cockpit – mehr als jeder andere Rennfahrer irgendeines Teams. Bei der extremen physischen Belastung, der Formel-1-Fahrer ausgesetzt sind, ist das eine unglaubliche Beanspruchung. „Am Ende des Jahres war ich wirklich sehr müde“, sagt der Held ohne Publikum mit einem Lächeln, das zwischen Verlegenheit und Stolz liegt. Etwas mehr auf der Seite des Stolzes, immerhin: Denn indem Ferrari ihm diesen Stress zumutet, adelt ihn der Rennstall zugleich. 

Brenda Lorenz 

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