Archiv: PiratenSender

Hurra! Jetzt kann jedermann seinen Radiosender betreiben – und sich die Playlist vom iPod zur nächsten Anlage funken. 

Um eines gleich klarzustellen: Radio ist eine feine Sache, die Welt kommt zu dir – Nachrichten, Reportagen, Interviews. Aber wehe, die Sender spielen Musik. Sie haben sich abgesprochen, ewig dasselbe zu funken, und zwar auf allen Kanälen gleichzeitig: die Achtziger, Neunziger und das Beste von heute. Wo waren die Radio-Fritzen bloß in den letzten 20 Jahren? Was verstehen sie unter heute? Oder gar unter Musik? 

Früh nahm die Gegenbewegung gegen das Einheitsradio zwei radikal verschiedene Wege: Die einen machten Piratensender auf, am liebsten auf hoher See, wo sie vor den Behörden sicher waren. So wie der irische Musikproduzent Ronan O’Rahilly, der seine Bands nicht bei der BBC unterbringen konnte. Von der „Fredericia“, die vor der Küste von Essex ankerte, strahlte er „Radio Caro-line“ aus. Der erste Song 1964 war von den Rolling Stones: „Not fade away“. 

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Ausweg Nummer zwei war die Konserve aus eigener Produktion, die Musikkassette. 1979 wird der Walkman erfunden. Sony verkauft 330 Millionen Geräte – und befreit die Welt endgültig vom Diktat der Einheitsmusik. Anfang der Achtziger eine kurze Verirrung, der tragbare CD-Spieler: Toller Sound, aber nicht wirklich geländegängig. Dann kam Mitte der Achtziger das MP3-Format, ein geniales Verfahren, um Musik in handliche Dateien zu verwandeln. Apple erkennt das Potenzial der Erfindung auf Anhieb, am 23. Oktober 2001 stellt der Computerbauer seinen „iPod“ vor. 185 Gramm leicht, fünf Gigabyte Speicher für mehr als 1000 Songs. Ende 2005 sind bereits rund 42 Millionen der Winzlinge verkauft, Apples Marktanteil liegt bei 90 Prozent. Ein Kult ist geboren. 

Aber es kommt noch besser: Der iPod-Zubehörlieferant Griffin Technology bringt jetzt für ca. 40 Euro den iTrip auf den Markt. Das ist ein kleiner Sender, der mit einem Klick auf dem iPod einrastet und im Umkreis von fünf Metern auf UKW zu empfangen ist. Einfach im Radio eine Frequenz zwischen 87,5 und 108,0 MHz wählen, die nicht belegt ist; dann dieselbe Frequenz am iTrip einstellen, fertig. Die Fachpresse preist natürlich den Umstand, dass der iPod so ohne Kabelsalat mit jeder Stereoanlage – auch im Auto – kommuniziert. Aber damit hat sie den wichtigsten Effekt übersehen: iTrip hat es geschafft, die zweigeteilte Opposition wider das Mainstream-Radio endlich zu vereinen. iPod ist die Konserve mit der eigenen Musik, iTrip ist der Pirat im Meer der Frequenzen. 

In Deutschland erkannten die Behörden die subversive Kraft der Erfindung sofort und verweigerten dem Gerät erst einmal die Zulassung. Was aber, wenn man den iTrip eigenhändig aus Amerika importierte? Illegal, total verboten! Keine Sendelizenz, kein iTrip. Aber wer kann schon tausende Freibeuter kontrollieren, die das clevere Teil im Internet kaufen? 

Manche Käufer beklagen sich, der Apparat würde Musik nicht in CD-Qualität liefern, sondern wie Radio klingen, inklusive der üblichen Störgeräusche. Aber das ist ja gerade der Witz! iTrip erinnert uns permanent an den triumphalen Sieg über die Eintönigkeit, die von den großen Sendemasten strahlt. Wir haben die Hoheit über unsere eigenen Radios erobert. 

Im März hatte die Bundesnetzagentur ein Einsehen, der iTrip bekam seine Lizenz. Das Piratentum wird zur Volksbewegung. 

Olaf Kanter 

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