Archiv: Pochende Herzen

Die Top Ten neuer Ausnahmeuhren, die das Sammelfieber noch mehr schüren werden. 

Mediziner sammeln , Hoteliers ebenfalls, Private-Equity-Investoren sowieso. In Italien am leidenschaftlichsten, in Hongkong und Moskau am prestigeträchtigsten, in Deutschland am versiertesten – das Uhrenfieber hat berufsübergreifend den ganzen Globus gepackt. Unter Männern springt es schnell über, vereinzelt stecken sich inzwischen auch Frauen an. 

Das Hauptsymptom des Leidens: Die Zeitanzeige wird zur Nebensache. Viele der Infizierten verheimlichen dem Partner die Kollektions-Spesen. So kann ein entdeckter Auktionskatalog schnell zum Liebesentzug führen. Auch jener Münchner Sammler, der partout nicht den aufdringlich surrenden Uhrenbeweger vom Nachttisch verbannen wollte, weiß ein Lied davon zu singen. Ein Berliner Jurist brachte es sogar fertig, rund 40 000 Euro in seinen 14. Chronographen zu investieren und dafür die georderte Küche seiner Frau heimlich abzubestellen. 

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Was macht Mechanikuhren so begehrenswert? Es geht dabei um Technik, um Tradition, um Lebensstil, um Handwerk und um haptisches Vergnügen, weil man ihr Herz pochen fühlt. Es geht auch um die Begeisterung darüber, dass ein Uhrmacher über Monate ein kleines Präzisionswunderwerk aus mehreren Hundert Teilen fertigt. Wer weiß schon, dass die Unruh einer Uhr jährlich so viele Drehungen macht, wie die Räder eines Autos, das 500 000 Kilometer fährt? 

Ab wann jedoch ist die Schwelle vom ambitionierten Kollektor zum leidenschaftlichen Koller überschritten? Vier oder fünf Zeitmesser sind für einen stilsicheren Herren heutzutage ja nicht ungewöhnlich. Ab der sechsten Uhr wird es spannend. Kann man an jedem Wochentag eine andere Uhr ausführen, beginnen die Konflikte – mit der Partnerin und mit der Legitimation. Ein „die gefallen mir halt“, reicht da meist nicht mehr aus. Wertstabilität und Wertsteigerung müssen herhalten. 

Animiert von sensationellen Auktionsergebnissen, mutieren Sammler dann zuweilen zu Spekulanten und träumen von 300 Prozent Rendite. So geschehen bei der Rolex Daytona, die 1988 gekauft, heute fast das Vierfache erzielt. Unangefochtener Rekordbrecher: Die Patek Philippe World Time in Platin von 1939, die beim Uhren-Auktionshaus Antiquorum vor vier Jahren für über 4,5 Millionen Euro nach Asien ging. Wie konnte der neue Besitzer nur seine Frau beruhigen? Allein dieser Tipp wäre vielen Sammlern schon Gold wert. 

Zu den wertstabilen Objekten zählen die großen Klassiker nicht nur von Rolex oder Patek Philippe, sondern auch von Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und Audemars Piguet sowie Cartier. Glücklich, wer eine solche vom Großvater erbte. Beim Erwerb vor allem älterer Exemplare sollte man nicht blind auf Profit setzen. Der Markt ist abgegrast – nicht zuletzt auch von manchen Uhrenherstellern, die Raritäten für ihre Museen ergattern wollen. Ob für ein antikes Exponat oder ein modernes Modell, als zuverlässige Expertise gelten: Limitierungen oder Sondereditionen, ein fairer Preis, Pioniere einer Stil-Epoche und Komplikationen, sprich besonders ausgefallene Mechanismen, und deren Kombinationen. 

Eine andere Sammler-Riege betitelt ihre Vorliebe selbst als „passionierten Fetischismus“: Beispielsweise für Taucheruhren von Panerai, Pilotenuhren von IWC oder Kultuhren wie die Speedmaster alias „Moonwatch“ von Omega. Eine spezielle Gehäuse- oder Zifferblattvariante kann es ebenso sein. Neben den Design-Freunden gibt es die Technikfreaks. Sie ergötzen sich an den Raffinessen der Uhrmacherei – an Komplikationen wie ewiger Kalender, Minutenrepetition oder Mondphasen. Wieder andere verleihen ihrem Sammelsurium eine besonders persönliche Note. Das können Zeitmesser derselben Manufaktur wie Großvaters Erbstück sein oder Chronographen aus dem eigenen Geburtsjahr. 

Alle haben eines gemein – eine hochemotionale Beziehung zur ihrer Kollektion. Sie sind verblüffend gut informiert und lieben stundenlanges Fachsimpeln. Selbst Uhrenmanufakturen fürchten sich vor der Spezies „Schräubchenzähler“, wie sie manche intern nennen. „Seit drei Jahren, ruft uns jeden Werktag ein Sammler aus Zürich an: Mal geht es um das Gewicht der Spiralfeder, mal um die Glühdauer der Zeiger-Leuchtmasse“, stöhnt ein Servicechef, „bei solchen Anfragen versagt selbst unseren Konstrukteuren das Deo.“ 

Andererseits sind besessene Bescheidwisser den Firmen angenehme Kunden. Ihre hohen Erwartungen an Komplexität, Design und Perfektion fordern die Macher der Zeit heraus. Das wiederum fördert die Innovation. Aktuell ist in der Branche ein Wettrüsten um innovative Materialien und Verarbeitungstechniken entbrannt. Und seit in China Tourbillons für 50 Dollar hergestellt werden, verkünden einzelne Kenner schon die Epoche des Après-Tourbillons. Die meisten setzten weiterhin auf diese Komplikation, wenngleich auf besonders extravagante Versionen. Tourbillons bezeichnet die Frau des bereits erwähnten Münchner Sammlers übrigens als „rotierende Nervösmacher“. Und der umstrittene Uhrenbeweger steht jetzt im Arbeitszimmer. Der Berliner Jurist hingegen wurde von seiner Frau verlassen. Zu Recht. Leidenschaft hat Grenzen. 

MichElle Mussler 

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