Archiv: Pocket-Design

Vertu-Chefkrea-tiver Frank Nuovo über Handys, zeitlose Rundungen und den Reiz der Alltagsformen. 

Kann man Menschen nach ihrem Handy beurteilen, Herr Nuovo? 

Ja, ich mache das schon. Ich kann daraus ablesen, wie sie mit der Technologie leben. Aber auch, ob sie eher cool und trendy, beschäftigt und sachlich oder kultiviert und elegant sind. 

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Braucht man zur Eleganz denn ein superteures Vertu, wo man Handys mit ähnlichen Funktionen fast umsonst bekommen kann? 

Gewiss, auch eine Uhr für fünf Euro zeigt die Zeit an, und auch ein billiges Auto fährt von hier nach da. Trotzdem erfüllen solche Gegenstände nicht den Wunsch nach einer exklusiven sinnlichen Erfahrung. Ein Vertu-Mobiltelefon adelt die Kommunikation. Wer es sich kauft, bekommt einen zeitlosen Wertgegenstand, der den Sinnen schmeichelt und einen Hauch von Luxus in den Alltag bringt. 

Ist denn Telefonieren ein Luxus? 

Im Grunde natürlich nicht. Es gibt ja Menschen, die besitzen gar kein Mobiltelefon. Und für andere ist es wichtig, das allerbeste auf dem Markt zu besitzen. Dazwischen liegen viele Stufen – ähnlich wie beim Auto. Irgendwann wird aus einem Gebrauchsgegenstand halt ein Statussymbol. 

Was macht Handydesign spannend? 

Als ich 1989 Designchef bei Nokia wurde, war das die Pionierzeit des Mobiltelefons. Es gibt heutzutage nur noch wenig Gebiete, wo man als Designer buchstäblich Neuland betritt. Als ich anfing, hatte das Kommunikations-Design noch keine Geschichte. Und so wurde ich der Typ, der sie prägen durfte – eine einzigartige Herausforderung. 

Was macht Ihre Arbeit für Vertu aus? 

Wenn man so will, habe ich für Nokia den modischen Aspekt des Handys entwickelt. Ich habe es vom technischen Gebrauchsgegenstand erst zu einem Objekt gemacht, das „fashionable“ wurde. Mit der Gründung von Vertu entstand die Möglichkeit, diese Wirkung noch erheblich zu potenzieren – also Technologie mit Stil, Emotion und Luxus zu verbinden. Um bei der Analogie zur Mode zu bleiben: Das eine ist Prêt-à-porter, das andere Haute Couture. 

Warum kommen technische Produkte oft so hässlich daher? 

Weil man zwischen Schnelllebigkeit und Zeitlosigkeit unterscheiden muss, zwischen Massenproduktion und High-End. Das eine lebt von der Kosten-Nutzen-Rechnung. Preis und Funktion stehen im Vordergrund und dominieren die Produktentwicklung. Für Ästhetik bleibt da nicht viel Spielraum. Das andere ist eine Spezialisierung auf höchstem Niveau für eine anspruchsvolle Elite. Da ist die Funktion selbstverständlich und der Preis irrelevant. Das Design aber muss in diesem Fall höchsten Ansprüchen genügen und zeitlos sein. 

Wieso wurde der unelitäre VW-Käfer dann zum Designklassiker? 

Es gibt nur ein paar Dinge in der Designgeschichte, die einzigartig, unverwechselbar und unwiederholbar sind. Dazu gehört der liebenswerte VW-Käfer mit seinen putzigen Rundungen. Auch die originelle Form der minimalistischen 2CV-Ente von Citroën gehörtin diese Kategorie. In beiden Fällen ging es nicht im Entferntesten um Luxus. Diese Autos waren vielmehr der gestalterische Ausdruck eines Zeitgeists. 

Heute sehen Autos oft langweilig uniform aus. Muss das sein? 

Je etablierter eine Produktkategorie ist, desto weniger Spielraum bleibt für Fantasie und Individualität im Design. Man produziert ganze Fahrzeugklassen für bestimmte Zielgruppen. Dazu kommen immer mehr technische Normen, die der Graus eines jeden Designers sind. Da wird etwa vorgeschrieben, wie hoch die Scheinwerfer zu sitzen haben, wie niedrig die Decke sein darf, wie das Armaturenbrett angeordnet sein muss. Dabei erlahmt zwangsläufig die Kreativität. 

Und wie befreit man sich aus dieser Langeweile? 

Durch Vielfalt. Ich besitze einen Bentley aus dem Jahr 1952, einen Porsche 911 Carrera Baujahr 2001, einen BMW 545, den ich 2001 kaufte, und einen Mini-Van von Honda. Ich liebe die Kurven des Bentley. Auch die klare ästhetische Entwicklung des Porsche 911 ist für mich unübertroffen. Dass ich den Mini-Van nicht des Designs wegen gekauft habe, versteht sich von selbst. Aber ich habe eine Frau und zwei Kinder. Mit diesem Wagen kann ich eine ganze Ladung von Kindern, Hunden und Getränkekisten transportieren. Und er hat diese wunderbar praktischen Türen, die sich automatisch öffnen und schließen. Es ist letztlich die Vielfalt, die das Leben spannend und leichter macht. Es ist der Luxus, wählen zu können. 

Für die neue Vertu-Linie inspirierten Sie sich vom Fliegen. Warum? 

Man sitzt ja ständig in irgendwelchen Flugzeugen. Man schaut aus dem Fenster und träumt, hat Zeit den Schwung der Tragflächen zu studieren und über das Mysterium des Reisens nachzudenken. Jeder Vielflieger, der in irgendeiner Schlange steht, wünscht sich die Muße, das Reisen einmal wirklich zu genießen. Darum habe ich das luxuriöse Gepäck von Goyard und die Ästhetik eines Flugzeugs aus den Vierzigerjahren als Vorbild genommen. Die neue Linie heißt Constellation, so wie die legendäre Lockheed-Propellermaschine, die als das schönste Flugzeug aller Zeiten gilt. 

Inspiriert Sie auch die Form der kleinen und alltäglichen Dinge? 

Klar. Ich bin total fasziniert davon. Nehmen wir nur einmal die Genialität der Büroklammer. Oder der Teppichklopfer; meine Schwiegereltern haben uns eine ganze Kollektion davon vermacht, die ich jetzt weiter ausbaue. Da gibt es welche aus gebogenen Zweigen, andere aus Metall oder aus Plastik, sogar aus Federkielen. Der Alltag bringt die besten Dinge hervor. Ich habe zum Beispiel eine Sammlung von Weinflaschen-Stöpseln. Unglaublich, wie viele Varianten dieses simplen Gegenstandes es gibt. Ich besitze auch ein paar Hundert Kugelschreiber und Drehbleistifte – nichts Teures, ganz einfache Stifte aus der ganzen Welt. Und ich bin besessen von diesen Dingern, mit denen man Teeblätter in heißes Wasser tauchen kann. 

Sie meinen Tee-Eier? 

Genau. Manche sind unglaublich elegant. Ich habe eines aus Dänemark. Man könnte es stundenlang betrachten und wüsste immer noch nicht, worum es sich eigentlich handelt. Es sieht aus wie eine Träne. 

Welche Designdekade war für Sie die spannendste? 

Ich mag die Vierziger- und Fünfzigerjahre wegen des technischen Aspekts. Mir gefallen die schwingenden organischen Linien des Art nouveau und die Klarheit des Modernismus. Aber die Siebzigerjahre waren ein dunkles Kapitel in der Designgeschichte: Die Autos sahen aus wie Müsli-Schachteln. Und dann die Mode. Und diese schrecklichen Farben! Ein Gräuel. 

Ihre Architektur-Präferenzen? 

Ich bewundere die Arbeit von Frank Gehry. Ich liebe seine Kurven und das gute Gefühl, das man hat, wenn man eines seiner Gebäude betritt. Er ist kein Blender, sondern arbeitet entspannt und schafft mit seinen Bauten eine emotionale, subtile Erfahrung – ganz anders als die Schock-Architektur, die nur auf Statements aus ist und die primär Aufmerksamkeit erregen will. 

Sie mögen Dinge, die in die Tasche passen. Sind sie Pocket-Designer? 

Das fasst meine Prioritäten schön zusammen. Klar würde es mich reizen, auch mal ein Hotel- oder Restaurantprojekt zu begleiten, ein Auto zu entwickeln oder ein Möbelstück zu designen. Aber im Prinzip habe ich ein Faible für Objekte, die klein genug sind, um eine ganz persönliche Beziehung zu ihnen zu knüpfen. Die Technologie erfindet ja ständig neue kleine Spielzeuge, die morgen schon heiß geliebt werden wollen. Es gibt also viel zu tun. 

Annette König 

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