Archiv: Positive Tendenz

Noch immer sind Banken die wichtigsten Geldgeber der Mittelständler. Doch die Form der Finanzierung ändert sich. 

Richard Fechner kann sich noch gut an die schweren Zeiten erinnern. Als vor einigen Jahren die heimische Stahlindustrie zum Abwicklungsfall zu werden drohte, stockte auch der Absatz der Mühlheimer Weerulin GmbH, die feuerfeste Stoffe für Hochöfen herstellt. Damals hatte Geschäftsführer Fechner alle Mühe, die nötigen Finanzmittel zusammenzukratzen. 

Heute sieht das ganz anders aus: „Wir werden als Mittelständler von Banken umworben“, sagt Fechner. Die Stahlindustrie hat sich vom Abwicklungsfall zur Boombranche gewandelt, und Weerulins Stoffe sind gefragt. Seit November des vergangenen Jahres hat der Mittelständler, der im Ruhrgebiet 65 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro macht, neben der Nationalbank und der Sparkasse Essen mit der Commerzbank einen dritten Finanzpartner. Doch die Frankfurter Großbank gibt nicht einfach einen zusätzlichen Kredit, sie versorgt Weerulin mit einem Schuldscheindarlehen. Solche Kredite, die als Anleihen am Kapitalmarkt platziert werden, sind eigentlich erst ab zweistelligen Millionenbeträgen üblich. Die Commerzbank vergibt nun bereits Darlehen dieser Art ab 500 000 Euro, bündelt sie danach über eine Zweckgesellschaft und platziert sie dann am Kapitalmarkt. 

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Zwar ist der Kredit für Peter Moog, Leiter der Commerzbank-Regionalfiliale in Oberhausen, noch immer das „Ankerprodukt“ der Verbindung zu mittelständischen Unternehmen. Doch der Charakter der Kredite ändert sich. „Die Tendenz geht weg von der einfachen, klassischen Unternehmensfinanzierung hin zu innovativen Finanzierungsinstrumenten mit maßgeschneiderten Kapitalmarktprodukten“, sagt Siegfried Jaschinski, Chef der Landesbank Baden-Württemberg. Kredite landen nicht länger stets in der » Bankbilanz, sondern sie werden an Investoren weitergereicht. Die Banken verdienen somit nicht nur an den Zinszahlungen der Unternehmen, sondern auch an den Provisionen der Investoren. Und die kleinen und mittleren Unternehmen bekommen auf diese Weise Zugang zu Finanzprodukten, die bislang nur Großkonzernen offen standen. 

Noch ist der Bankkredit die wichtigste Fremdkapitalquelle. Nach einer Analyse der Deutschen Bundesbank machen Bankdarlehen durchschnittlich 40 Prozent der externen Finanzmittel eines Unternehmens aus. Bei Mittelständlern dürfte der Anteil bei mindestens 60 Prozent liegen, schätzt Diethard Simmert, Professor an der International School of Management. 

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben vor allem Sparkassen und Kreditgenossenschaften diese Darlehen bereitgestellt. Die Deutsche Bank hat sich hingegen mit Krediten an kleine und mittlere Unternehmen in der Rezession zurückgehalten. In der Statistik der Bundesbank rutschte die Kreditsumme der Großbanken im Jahr 2003 auf einen Tiefstand. Die Landesbanken erreichten die Delle ihrer Ausleihungen erst ein Jahr später. Nun hat der Kreditzyklus „gedreht“, sagt Andreas Leimbach, Generalbevollmächtigter bei der Dresdner Bank. „Es gibt auf einmal so viele Gesprächswünsche von Banken“, bestätigt Eberhard von Rennenberg, Finanzchef des Autotuners Brabus, „wir können gar nicht alle Termine wahrnehmen.“ Das Bottroper Unternehmen, das Mercedes-Karossen aufpeppt, ist mit einer Eigenkapitalquote von 40 Prozent für jede Bank ein Top-Kunde. Jedes Kreditinstitut, das auf sich hält, will plötzlich Geschäft mit den Mittelständlern machen. Neben der Commerzbank verstärken auch Deutsche, Dresdner und HypoVereinsbank ihr Geschäft mit den Mittelständlern. War die Betreuung von kleinen und mittleren Kunden in der Sparkassen-Finanzgruppe jahrelang vor allem die Aufgabe der örtlichen Sparkasse, helfen nun die Landesbanken besonders gerne bei größeren Finanzierungsvolumen oder komplexen Problemen. 

Der Klimawandel bei den Banken stellt auch die Mittelständler vor Herausforderungen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit guter Bonität haben auf einmal die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Adressen. Es gibt durchaus Unterschiede in der Betreuung. Nach einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer (ASU) hat sich die Qualität der Beratung aller Banken leicht verbessert. Im Schnitt bewerten die befragten Mittelständler ihre Hausbank mit einem knappen Befriedigend. Besonders gut schneiden » Sparkassen und Kreditgenossenschaften ab. Von den Großbanken wird die Commerzbank gelobt. Auf den schlechtesten Wert kommt momentan noch die Deutsche Bank. Die Landesbanken tauchen in der Untersuchung des ASU noch nicht auf. „Wir nehmen sie vielleicht im nächsten Jahr als eigene Gruppe auf“, sagt Projektleiter Peer-Robin Paulus. 

Nach Selbsteinschätzung der Mittelständler werden sie in Zukunft eine interessante Kundengruppe bleiben. Schließlich erwarten nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young 40 Prozent der befragten Unternehmer eine positive Tendenz ihrer eigenen Entwicklung. Im Jahr zuvor waren nur elf Prozent optimistisch. Die verbesserte Wirtschaftslage ist ein Grund, warum Banken wieder vermehrt Interesse an Mittelständlern haben. 

Lange war befürchtet worden, dass die geplanten Eigenkapitalregeln für Banken – kurz Basel II genannt – kleinen und mittleren Unternehmen die Kreditaufnahme erschweren oder die Darlehen zumindest verteuern würden. Bislang hat sich das nur in Einzelfällen bewahrheitet. Obwohl die Regeln noch nicht offiziell in Kraft sind, halten sich viele Banken bereits daran. Sie bieten deshalb ihren mittelständischen Kunden meist eine Ratingberatung an. Schließlich entscheidet das Rating, das die Bonität des Kreditnehmers bewertet, künftig über die Höhe des Eigenkapitals, das die Bank für die Kredite bereithalten muss und damit über die Kosten des Kredits. Durch die Auseinandersetzung mit den Bestimmungen seien Banken und Unternehmen wettbewerbsfähiger geworden, meint Wilhelm von Haller, Firmenkundenexperte der Deutschen Bank. Zwar laufen viele kleine und mittlere Unternehmen nicht gleich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Produktangeboten über, aber sie sind Alternativen zum Kredit nicht mehr grundsätzlich abgeneigt. Auch Dresdner Banker Leimbach sieht eine größere Offenheit: „Die Mittelständler befassen sich mehr mit der eigenen Kapitalstruktur als früher.“ 

In Zukunft dürfte die Auswahl für die Mittelständler noch größer werden. Die Royal Bank of Scotland, die bislang in Deutschland vor allem Großunternehmen betreut hat, hilft inzwischen auch größeren Mittelständlern. Und auch die amerikanische Citigroup, die größte Bank der Welt, hat vor Kurzem in den USA eine eigenständige Sparte für das Mittelstandsgeschäft gebildet. Nun wird in Frankfurt überlegt, wie das Modell der „National Corporate Bank“ nach Deutschland übertragen werden kann. „Wir waren bislang allein auf multinationale Konzerne zugeschnitten und werden jetzt unsere Zielgruppe erweitern“, sagt Helmut Gottlieb, Vorstand der Citigroup in Frankfurt. In den kommenden Monaten sollen weitere rund 100 Unternehmen von den Firmenkundenbetreuern angesprochen werden. „Wenn die Ansprache der ersten Adressen erfolgreich ist“, sagt Gottlieb, „können wir uns auch vorstellen, den Zielmarkt weiter auszubauen, einschließlich großer Familienunternehmen.“ Dann wird auch die Citigroup in Deutschland verstärkt Kredite auslegen. Vielleicht bekommt Richard Fechner bald einen Anruf aus Frankfurt. 

stefanie.burgmaier@wiwo.de | Frankfurt 

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