Archiv: Recht mitzureden

Kai Peter Rath über die Rolle der Banken am Finanzplatz Frankfurt 

Eine kurze Geschichte aus der Börsenwelt: Jemand hat Aktien eines Unternehmens und verkauft sie zu Kursen zwischen 34 und 40 Euro. Knapp drei Jahre später kauft er sie zurück – für 110 Euro das Stück. Unten verkaufen, oben zurückkaufen – reich wird man so nicht. Die beiden Investoren, von denen die Rede ist, heißen Deutsche Bank und Commerzbank, die Aktie ist die der Deutschen Börse. 

Sicherlich, ums Geldverdienen ging es keiner der beiden Banken bei der Aktion. Vielmehr waren es zwei politische Signale: Das erste beim Verkauf der 9,3 Prozent Anteile im Oktober 2002 (Deutsche Bank) und gut vier Prozent im Juli 2003 (Commerzbank): Seht her, der alte Filz der Deutschland AG verschwindet, wir legen unsere Beteiligungspakete aus den Händen. Damals waren die beiden Banken zusammen mit HypoVereinsbank (inzwischen eine Tochter von UniCredit), Allianz und Dresdner Bank sowie BHF-Bank (inzwischen eine Tochter von Sal. Oppenheim) zu rund 30 Prozent an der Deutschen Börse beteiligt. Das reichte, um das Herz-Unternehmen des Finanzplatzes jederzeit kontrollieren zu können. 

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Das zweite Signal jetzt beim Rückkauf von einem Teil der Papiere: Wir stehen in unruhigen Zeiten zur Frankfurter Börse und unterstützen sie in ihrem Versuch, die Gemeinschaftsbörse Paris/Amsterdam/Brüssel/Lissabon (Euronext) zu einer Eurofusion zu bewegen – statt dass sich die Euronext der New Yorker Börse in die Arme wirft und der Finanzplatz Frankfurt endgültig ins Hintertreffen zu geraten droht. 

„Ich finde es schlecht für Europa, wenn wir nicht eine europäische Lösung finden, nur weil wir uns über ein paar weiche Faktoren nicht einigen können“, begründete Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die Kehrtwende seines Hauses. 

Bei der Frage, welche Börse in Europa mit welcher fusioniert, geht es um weit mehr als um die betriebswirtschaftliche Strategie eines einzelnen Unternehmens: Die in London gelisteten Unternehmen sind fast drei Billionen Euro wert, die von Euronext ebenfalls, die in Frankfurt nur rund 1,2 Billionen. Wenn die Deutsche Börse nach einer Achsenbildung Paris–New York noch weiter abgehängt wird, büßt zwangsläufig auch der Finanzplatz am Main internationale Bedeutung ein, fließen die Kapitalströme am Land vorbei. Ein pulsierender Kapitalmarkt ist aber unerlässlich für eine entwickelte Volkswirtschaft. 

Verständlich und richtig, dass Frankfurts Börsenchef Reto Francioni Helfer sucht, die ihm in Paris den Weg ebnen, nachdem sein geschasster Vorgänger Werner Seifert mit seinen rüden Auftritten alle ausländischen Börsenchefs gegen die Deutschen eingenommen hatte. 

Bleibt die Frage, warum die Banken einen solchen Schlingerkurs steuern: Erst raus, jetzt wieder rein – und beides weniger aus finanziellen als politischen Gründen. Die neuen Beteiligungen der Deutschen Bank und der Commerzbank an der Deutschen Börse betragen jeweils nur rund ein Prozent; das reicht bei Weitem nicht aus, um dem Mehrheitsblock der Aktionäre aus Hedgefonds in Hauptversammlungen etwas entgegenzusetzen. Fast wirkt es so, als hätten die Bankhäuser Angst vor ihrer früheren Courage bekommen, sich derart radikal von allen Beteiligungen getrennt zu haben. Sie stießen nicht nur sogenannte Randaktivitäten wie Heizungsbauer, Warenhäuser und Bauunternehmen ab, sondern auch strategisch sinnvolle Kontrollmehrheiten. 

Was aus dem Betreiber der Frankfurter Börse wird, geht die deutschen Banken im ureigensten Interesse etwas an. Dabei mitzureden ist ihr gutes Recht, vielleicht auch ihre Pflicht – jedenfalls kein Ausdruck ungebührlicher Machtballung. Womöglich kommt die Kurskorrektur aber zu zaghaft und spät. 

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