Archiv: Refugiumim Reis

Inmitten javanischer Reisfelder findetein Kosmopolit seineHeimat wieder. 

Jaya Ibrahim gestaltet Luxushotels in den exklusiven Urlaubsorten dieser Welt. Sein eigenes Haus steht auf Java, zu Füßen eines erloschenen Vulkans, inmitten von Reisfeldern. Wer es bis dorthin geschafft hat, kann auf Fünf-Sterne-Service und Bulgari-Badeseife verzichten. 

Niemand hatte gehört, wie der Tisch gedeckt wurde. Nackte Füße waren geräuschlos über den kühlen Steinboden gehuscht, feingliedrige Hände konnten verräterisches Klappern verhindern. Nur ein zarter Duft von Curry und gedünstetem Fisch kündigte das bevorstehende Mahl an. 

Anzeige

Ein paar Freunde waren zum Essen gekommen. Man saß bei Portwein und indonesischen Nuss-Chips im kerzenbeleuchteten Hof der Villa, imposante Säulen warfen lange Schatten, draußen hing die untergehende Sonne wie ein blutroter Ball über den Reisfeldern von Java. Aus den offenen Türen drang leise eine Arie aus Mozarts weniger bekannter Oper „La Clemenza di Tito“, hin und wieder kreischte ein Affe dazwischen. 

Der Hausherr lacht, wenn man ihn auf die filmreife Inszenierung anspricht. Er weiß, wie sein Haus auf Besucher wirkt. „Dies ist Java“, sagt er bescheiden, „es ist das Licht, das Rauschen der Palmen, der Duft der Erde, ich kann nichts dafür.“ Was würde er wohl den Gästen des Hotels Setai in MiamiBeach erzählen, die auch dort völlig verzaubert im kerzenbeleuchteten Hof stehen, die filigranen Schnitzereien an monumentalen Holztüren bewundern, die dunkel schimmernden Teak-Möbel, die schweren Tonfiguren, das ganze diskrete fernöstliche Flair? 

Jaya Ibrahim schafft diese Welten, das ist sein Job. Der 59-Jährige ist Interior Designer. Egal, ob er sein Privathaus im Hochland bei Bogor gestaltet, das luxuriöse Setai in Miami oder die Villen des Four Seasons Hotels an Balis traumhafter Jimbaran Bay – die Menschen, die seine Arbeit zu sehen bekommen, werden sie nicht gleich vergessen. 

Als Jaya Ibrahim 1992 nach zwölf Jahren in London in seine indonesische Heimat zurückkehrt, weil der Vater gestorben und seine Mutter allein ist, beschließt er, ein Haus zu bauen, dass die zwei Welten, die ihm vertraut sind, vereint. Ein Haus, das groß, aber nicht mächtig, schön, aber nicht prächtig sein sollte, in dem seine Mutter leben und er selbst die Wochenenden verbringen konnte. Dass die Standortwahl auf das winzige Dorf Cipicong in der Nähe der kolonial geprägten Provinzstadt Bogor fällt, ist einem Gemälde des holländischen Romantikers Abraham Salm zu verdanken, auf dem eine Hochzeitsprozession zu sehen ist, die durch die Felder um den imposanten Mount Salek in Westjava zieht. Jahre zuvor hatte er vergeblich versucht, das Bild auf einer Londoner Auktion zu ersteigern. „Als ich dann beschloss umzuziehen, fiel es mir wieder ein“, erzählt er, „und ich dachte: Wäre es nicht schön, diesen Blick zu haben?“ 

Von der Aussicht einmal abgesehen, stammt fast alles an Haus Cipicong von ihm selbst: Der architektonische Entwurf des 600 Quadratmeter großen Anwesens mit 22 Zimmern und zwei Innenhöfen, die Stuckverzierungen an den vier Meter hohen Decken, die Muster im Steinboden, die Gestaltung der Bäder, die meisten Möbel, die Idee zu den wandhohen Türen. Gelernt hat er vieles bei Anouska Hempel, mit der er fast acht Jahre in London gearbeitet hat: Purismus und Opulenz, Stil und Spaß, Farbenpracht und Monochromatik – die Spielarten westlicher Wohnwelten sind ihm bekannt. 

Zu Hause auf Java erwartet den Designer eine raffinierte indoeuropäische Kultur mit kolonialen Gebäuden, polierten Hölzern und Tea-time um fünf. „Man kann sich diesem Charme nicht entziehen“, sagt Jaya, „auch meine Mutter, eine weit gereiste Frau wollte nicht in ein modernes Haus mit westlichem Komfort ziehen.“ Sie wollte glaslose Fenster, eine traditionelle Küche und strategisch positionierte Eingänge: einen im Westen, durch den, dem Volksglauben nach, das Glück kommt, einen im Norden, für den Intellekt, und einen im Osten, der der Wohltätigkeit zur Verfügung steht. 

Nur bei den Böden war es zu Uneinigkeiten gekommen. „Ich hatte Teak aus Sumatra vorgesehen, das Holz war bestellt und bezahlt“, erinnert sich Jaya, „doch es kam nie an.“ Sein Händler bekam fast einen Nervenzusammenbruch, der Bauherr gleichermaßen. Es musste eine Lösung gefunden werden, und da erinnerte sich der Bauherr der schlichten, polierten Steinböden im Haus seines Urgroßvaters: „Mama fand das furchtbar billig, aber ich setzte mich durch“. 

Nun sind die Böden in Jaya Ibrahims Haus zwar aus ordinärem Zement, aber alles andere als schlicht oder billig: Um die Schattierungen zu erhalten, wurden Farbpigmente in den Zement gerührt, antike, blau-beige-farbige Batikstoffe aus Yogyakarta dienten als Vorlage für die Muster, die dann Stück für Stück gegossen wurden, natürlich in Handarbeit. „Es dauerte ewig“, gibt der Innenarchitekt lachend zu. Viel Zeit brauchte es auch für die Schnitzereien an Tür- und Fensterrahmen mit rund 4000 stilisierten Blumen. 

Heute wirkt alles so, als habe es nie eine Alternative gegeben: ein Haus aus einem Wurf, wie es stimmiger nicht sein könnte. Wenn Jaya Ibrahim zu Tisch bittet, dann essen die Gäste von antikem Ming-Porzellan, aber nicht von den feinen, fast transparenten Tellern, die die chinesische Oberschicht benutzte, sondern von einer solideren, rustikaleren Variante, die damals fürs Personal bestimmt war. 

Authentisch lokal ist das Essen: Suppe, Reis, Gemüse, Fisch – alles stammt vom Dorfmarkt und wurde von Jayas betagten Bediensteten auf traditionelle Weise zubereitet: mit Kardamom, Knoblauch und Kaffirlimetten-Blättern, Ingwer- und Galgantwurzel, roten Zwiebeln, frischer Kokosnuss und grünem Chili. Typisch indonesisch ist auch die Einrichtung des achteckigen Esszimmers, das sich genau im Mittelpunkt der Villa befindet. Alle Teak-Möbel im Esszimmer wurden vom Besitzer entworfen und für Cipicong gebaut. 

„Es war nicht ganz einfach, passende Möbel für diese großen, hohen Räume zu finden“, sagt der Designer. Manches Stück hat er auf seinen Reisen entdeckt, wenn er nach Antiquitäten für die Einrichtung von Hotels suchte. Anderes hat er aus seinem Elternhaus und aus dem Besitz seiner Großeltern und vieles, wie die englischen Drucke, mit denen die Wände tapeziert sind, oder die venezianischen Glasobjekte, stammt aus seinen Jahren in Europa. 

Der Hausherr steht zu seiner fast schon manischen Sammelleidenschaft, die er früher, in London, bei Christie's wöchentlichen Auktionen austobte und der er nun auf seinen Reisen quer durch die Kontinente nachgeht. Er sammelt blau-weißes Porzellan, feine Leinenstoffe und alte Etagenpläne, javanische Möbel, indonesische Textilien und Familienerinnerungsstücke. Hunderte von Objekten sind in Gruppen geordnet auf Schränken, Truhen und Tischen zu sehen. Sie tragen viel zur einzigartigen Atmosphäre des Hauses bei. 

Es gibt einen javanischen Umzugsbrauch, nach dem man stets eine Hand voll Staub aus dem alten Haus mitnimmt und in der neuen Bleibe verstreut. „Genau dies habe ich in gewisser Weise getan“, sagt der Hausherr. Und die Säulen à la Palladio vor der Veranda? Wie passen die zur lokalen Architektur? „Ich weiß es nicht“, lacht er, „ich habe sie vermutlich irgendwo gesehen.“ Irgendwo gesehen hat er wohl auch die maurischen Fensterbögen, die sein Schlafzimmer zieren; die Leute aus dem Dorf glaubten anfangs, er baue eine Moschee. 

Überhaupt, die Leute aus dem Dorf... Zuerst einmal verfolgten sie mit Argwohn, was dort draußen in den Reisfeldern vor sich ging. Doch dann sahen sie, dass zumindest die Hausangestellten ganz normale, einfache Menschen sind und gute Kunden obendrein. Inzwischen haben sie sich an das große Haus gewöhnt – auch an den schweren Jeep, der immer wieder andere Fremde nach Cipicong bringt. Der Hausherr ist nur selten anwesend. „Doch wenn ich da bin, dann habe ich auch gerne Gäste um mich herum“, sagt er. Auf Dauer freilich kann und will der Kreative und Geschäftsmann in dieser ländlichen Abgeschiedenheit nicht leben, noch weniger arbeiten. Das kann er im 60 Kilometer nördlich gelegenen Jakarta, wenn er sich um seine Firma Jaya & Associates kümmert oder Projekte in Shanghai, Vietnam und den USA vorantreibt. 

In Cipicong jedenfalls hat sein Mobiltelefon noch immer keinen Empfang. So what? Der Hausherr lächelt und genießt diesen Luxus. Wo gibt es das schon noch? 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%