Rock’n’Rollauf Rädern

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Die verrückte Autorallye Gumball 3000 gleicht einer Selbstverwirklichungsgruppe für riesige Egos. 

Mitten auf der Motorhaube des knallgelben Hummer H2 prangt der mächtige Schädel eines Jaks – nicht als Abziehbild, sondern in natura, samt Hörnern. Wem diese eigenwillige Kühlerfigur noch nicht krass genug sein sollte, der braucht nur um den schweren Geländewagen herumzugehen. An der Stoßstange baumeln Stierhoden – aus Plastik. Der Besitzer des Autos will damit etwas ausdrücken: Wer am Gumball 3000 teilnimmt, kommt nicht ohne das aus, was die englische Umgangssprache balls nennt. 

Gumball 3000? Offiziell ist das kein Autorennen, sondern eine Rallye. Hart am Rande der Legalität, aber auch sonst immer am Limit. Was sich Sprösslinge des britischen Geldadels 1999 als Schnapsidee ausdachten, entwickelte sich inzwischen zum Riesenspektakel. Die Parade der Egos und der Autos, bei der sich Wahn und Wirklichkeit berühren, dient vornehmlich einem Zweck: Die Besitzer von Sportwagen in der Preisklasse von 150 000 Euro an aufwärts wollen zeigen, dass sie sich ihre Geschosse nicht bloß leisten, sondern sie auch fahren können – eben so richtig ausfahren. Eine wilde Jagd, bei der sich Cash auf Trash reimt. 

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Oder, wie es Organisator Maximillion Cooper (das „o“ im Vornamen ist kein Schreibfehler) gern ausdrückt: „Wenn Batman Urlaub bräuchte, würde er bei uns mitfahren.“ In der Tat, das Fledermausmobil würde nicht schlecht ins Feld der 120 zugelassenen Teilnehmerfahrzeuge passen, die sich am letzten Aprilsonntag in der Londoner Innenstadt auf den Weg machen werden. Das Motto der Rallye ist gewollt unbescheiden formuliert: In acht Tagen um die Welt. Dagegen wirkt Phileas Fogg wie eine lahme Ente. Laut Fahrplan werden die rasenden Fantasten bereits am Sonntag der folgenden Woche zum Finale in Beverly Hills erwartet. 

Insgesamt sind 3000 Meilen auf drei Kontinenten zurückzulegen, zunächst von London über Salzburg und Budapest nach Belgrad. Dort ist „Mission 1“ erfüllt. In riesigen russischen Transportmaschinen vom Typ Antonow geht es samt Autos weiter auf die Tropeninsel Langkawi und von dort die Strände Malaysias und Thailands hoch bis nach Bangkok. Etappenziel von „Mission 2“. Dort soll laut Fahrplan „die nächste große Party“ steigen. Die Ernüchterung folgt auf dem Weiterflug nach Amerika. Erst im alkoholtrockenen Mormonenstaat Utah werden die Spaßraser wieder zu Boden gelassen. Die Schlussetappe führt dann von Salt Lake City über den Pflichtabstecher Las Vegas nach Los Angeles. 

Die Streckenführung allein mag ja schon abenteuerlich klingen, aber das Abenteuer an sich beginnt mit der Lebensphilosophie der Gumballer: Unterwegs darf man prinzipiell alles, nur eins nicht: sich erwischen lassen. Diese Art Rallye ist die ins richtige Leben transportierte Fortsetzung des Hollywood-Klamauks „The Cannonball Run“ aus den Achtzigern, in dem sich Burt Reynolds, Roger Moore, Farrah Fawcett, Sammy Davis jr. und Peter Fonda ein illegales Straßenrennen quer durch die USA lieferten. Die deutsche Übersetzung des Filmtitels traf den Sinn fast noch besser: „Auf dem Highway ist die Hölle los“. Urahn für den Mythos und die Rallye war der US-Rennfahrer Erwin „Cannonball“ Baker, der es im Jahr 1933 in nur 54 Stunden von der West- zur Ostküste der USA schaffte, was damals mit dem Ritt auf einer Kanonenkugel verglichen wurde. 

So in etwa sehen und fühlen sich die Desperados beim Gumball 3000 auch heute. Die seitenlangen Belehrungen bei der Registrierung ermahnen im Kleingedruckten zwar, dass alle ortsüblichen Geschwindigkeitsbegrenzungen und Straßenverkehrsordnungen zu respektieren sind. Doch wichtiger ist eine andere Teilnahmebedingung. Die Vorlage einer Versicherungspolice über drei Millionen Euro für Unfallschäden ist für jeden Teilnehmer Pflicht. Das Startgeld von 40 000 Pfund für ein Auto und zwei Insassen dürfte dagegen für viele Fahrer keine große Hürde darstellen. Gumball-Veteranen bekommen ohnehin Rabatt. Verpflegung und Übernachtung, selbstredend first class, sind in der Teilnahmegebühr inbegriffen. Sprit und Strafzettel gehen dagegen auf eigene Rechnung, was in einer Enthaftungserklärung für die Veranstalter eigens festgelegt wird. Bei den letzten Gumball-Rallyes soll es Teilnehmer gegeben haben, die auf „Nebenkosten“ in Höhe von dreieinhalb Millionen Euro kamen. 

Wer einen der 120 Startplätze ergattern will, muss nicht nur flüssig sein, er muss bei der Online-Akkreditierung (www.gumball3000.com) auch gute Gründe angeben, warum er dabei sein will. Je aufregender und exzentrischer ein Wagen, sagen die Rallye-Bosse, desto größere Chancen bestehen auf einen Startplatz. Zum Establishment zählen die gesamte Ferrari-Palette, Porsche 911 und Carrera GT, Dodge Viper, die AMG-Versionen der SL-Modelle von Mercedes, BMW Sechser, Siebener und Achter, Lamborghinis oder Corvettes. Um die Etikette zu wahren, darf es gern aber auch mal ein Bentley, Rolls-Royce, Morgan oder etwas Kleineres sein. 

Speed ist, bezogen auf die Traumautos, eine ganz legale Droge. Entschleunigung ist weder während der acht Tage noch in den sieben Nächten vorgesehen. Immer voll auf dem Trip. Gelegentlich verschwimmt dann auch schon mal, was der Anlass ist wofür – die Rallye für die Partys, oder umgekehrt? Auf der Tanzfläche läuft das gleiche uralte Räuber-und-Gendarm-Spiel wie auf der Straße, eben nur mit den Spielzeugen großer Jungs. Maximilllion Cooper spricht davon, den Geist und die Generation des Rock ’n’ Roll bei der wilden Jagd „auf den Asphalt bringen“ zu wollen. Manchmal wirkt das alles arg angestrengt – eben so, als ob diejenigen, die für Jackass auf MTV schon ein wenig zu alt sind, verlorenen Jugendsünden hinterherrasen wollten. 

Die Typen-Frage beim Gumball 3000 gilt für die Menschen ebenso wie für die Maschinen. Was treibt einen bloß zu einer dieser Hetzjagden, die schon quer durch Europa, durch Russland und die USA führten? Aber die Wissenschaft hat ja bekanntlich herausgefunden, dass die Produktion von Testosteron und Adrenalin weder auf bestimmte Alters- noch auf spezifische Einkommensklassen beschränkt ist. Mehrheitlich sind die Gumball-Teilnehmer Menschen, die beruflich mit viel Geld zu tun haben: Chefs aus der Computerbranche, Architekten, Designer, Finanzmakler und Söhne. Ergänzt durch eine Reihe Gastfahrer, deren Prominenz von A bis C reicht. Models wie Kate Moss und Jodie Kidd fuhren schon mit, auch der Oscar-Preisträger Adrien Brody („The Pianist“) und Madonnas Ehemann Guy Ritchie waren dabei. Der Rapper Snoop Dogg soll diesmal als rasender Begleitmusiker dabei sein. 

Doch das Gros der Teilnehmer scheint vor allem eines zu verbinden: Sie können sich fast alles kaufen – bloß keinen Respekt. Entsprechend genüsslich inszenieren sie den Ausbruch aus ihren eingefahrenen Biografien. Da ist etwa jener Gumballer mit dem Kennwort „Polizei 144“, der sich im Internet damit aufplustert, dass er in acht Ländern von der Polizei gesucht wird. Der Ex-Hacker Kim Schmitz, dessen umfangreiche Ermittlungsakten in verschiedenen Verfahren sich auch nicht gerade ruhmreich lesen, hat die Gumball-Rallye tatsächlich schon einmal gewonnen. Für ihn ist das Rennen eine Schlacht: Die Waffenwahl erfolgt nach PS-Angaben. Angesichts der Tatsache, dass die Teilnehmer unterwegs zuweilen Feuerwerksraketen aus offenen Sonnendächern aufeinander abfeuern, ist die Parallele nicht von der Hand zu weisen. 

Das egostärkende Gefühl, so etwas wie Outlaws zu sein, wird von den Organisatoren noch dadurch gefördert, dass sie eine konspirative Heimlichtuerei betreiben – freilich ohne großen Erfolg. Die Vorabinstruktionen für die interkontinentale Schnitzeljagd sind zwar passwortgeschützt. Doch mit dem nicht besonders originellen Passwort „playboy“ kam man ziemlich weit. Um den Sponsoren und den Teilnehmern ungeachtet der Geheimnistuerei eine adäquate Bühne zu schaffen, geraten die „geheimen“ Etappen des Gumball 3000 durch gezielte Indiskretionen rechtzeitig in die Medien. Vergangenes Jahr in Wien hatte die Polizei denn auch mehr mit der Bändigung der Zuschauermassen zu tun als mit den Rallye-Teilnehmern, die sich ohnehin nur im Schritttempo fortbewegen konnten. 

Erst nach dem Trubel kann das versprochene Abenteuer beginnen, denn die weitere Route wird wirklich nur den Fahrern verraten, und das auch erst ganz kurz bevor es richtig losgeht – samt fliegenden Wechseln bei den Zwischenstationen. Nicht immer ist es so wie beim Abstecher nach Marokko, als König Mohammed höchstpersönlich dafür gesorgt hatte, dass nächtens eine ganze Autobahn für die Gumball-Etappe freigemacht wurde. Wohl machte es Spaß, mal richtig aufs Gas zu drücken. Aber wo bleibt da der Kitzel, etwas Verbotenes zu tun? Wozu bauen die Teilnehmer dann Radardetektoren in ihre Autos ein? 

Die Aufrechterhaltung halbwegs kooperativer Beziehungen zur Ordnungsmacht kommt für die Veranstalter ohnehineinem Tanz auf einem Drahtseil gleich, auch wenn es bisher glücklicherweise noch nie ein Todesopfer zu beklagen gab. Die Fahrzeugschäden bewegen sich allerdings zuweilen auf dem Umsatzniveau mittelständischer deutscher Autohäuser. 

Sich immer am Rande der Legalität zu bewegen trägt letztlich dazu bei, dass der Mythos mit sich selbst kokettiert und die Fahrer den Klischees nachzuleben versuchen. Polizeiuniformen gehören zum Standardprogramm für das Kostümfest auf Rädern, das geht bis hin zu den roten Jacken der berittenen kanadischen Mounties. Auch Nonnen und Krankenschwestertrachten werden gezielt eingesetzt, um bei etwaigen Polizeikontrollen die erbosten Beamten schmunzelnd zu besänftigen, das Bußgeld zu drücken oder die Fahrerlaubnis zu behalten. Ein Witzbold im Teilnehmerfeld hatte sein Auto dermaßen stilecht zum Streifenwagen aufgemotzt, dass es ihm sogar unerkannt gelang, andere Rallye-Fahrer zu „Polizeikontrollen“ zu stoppen und ihre verlegenen Antworten auf Video zu bannen. Natürlich gibt es längst auch einen offiziellen Gumball-Film, um den Traum vom schnellen Leben jederzeit abspulen zu können. 

Allein die Siegertrophäe kann mit all dem ganzen Glamour der Veranstaltung nicht recht mithalten. Denn der Gumballer des Jahres bekommt bei der Siegerehrung keinen Pokal überreicht, sondern bloß einen Kaugummi-Automaten. More balls, please. 

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