Archiv: Rückkehr derDotcom

Politik+Weltwirtschaft I Spezial Baden-Württemberg Die Technologiefabrik Karlsruhe gehört zu den erfolgreichsten High-Tech-Gründerzentren Deutschlands 

Auf einem Ölgemälde, das Jon Meis in seinem Büro hängen hat, wütet ein Unwetter. Auch in seinem Berufsalltag hat der Meteorologe mit Stürmen zu tun. So prüfte er, ob sich wirklich vor zwei Monaten über einem Dorf in Niedersachsen ein Gewitter zusammengebraut und ein Blitz eingeschlagen hatte, wie ein Kunde seiner Versicherung Glauben machen wollte. Ja, kann Meis mit ziemlich hoher Genauigkeit antworten. Denn mit der Auswertung historischer Wetterdaten verdient der 35-Jährige seit sechs Jahren Geld. 

Im Jahr 2000 war Meis als Ein-Mann-Unternehmer mit seiner Firma EWC in die Technologiefabrik Karlsruhe gezogen. Die hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Existenzgründern beim Sprung in die Selbstständigkeit zu helfen. Für Meis hieß das zum Beispiel, dass er ohne großes Risiko und völlig unkompliziert seine Geschäftsräume erweiteren konnte, als mit seinem geschäftlichen Erfolg auch der Platzbedarf wuchs. Mittlerweile beschäftigt er in vier Räumen neun Angestellte. 

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In dem noch sehr jungen Markt für Meteorologie sind Wetteranalysen von Versicherungen, Anwälten, der Polizei, aber auch Privatleuten sehr gefragt. „Weil nur alle 30 Kilometer eine amtliche Wetterstation aufgestellt ist, melden sich unsere Kunden besonders dann, wenn sie es ganz exakt brauchen“, sagt Meis. 

Solche Erfolgsgeschichten sind typisch für die Technologiefabrik. Sie ist Teil eines breiten Netzwerks verschiedener Gründungsinitiativen in der Region Karlsruhe, die sich alle darum bemühen, möglichst viele innovative Ideen von Forschern und Technikern der Karlsruher Universität und anderer Forschungseinrichtungen auf den Markt zu bringen. Mit Erfolg: Fast ein Fünftel aller Beschäftigten in Karlsruhe arbeitet mittlerweile in High-Tech-Branchen. 

Das ist auch das Ergebnis einer vorausschauenden Strukturpolitik. Bis 1983 wurden auf dem Gelände der Technologiefabrik noch Singer-Nähmaschinen produziert. Als die Fabrik geschlossen wurde, ergriff die baden-württembergische Landesregierung die Initiative und baute die Industrieruine in das erste Gründerzentrum Süddeutschlands um. 

„Hier brauchen Sie nur fünf Minuten bis zur Universität“, sagt Herbert Hoffman, der die Technologiefabrik seit 1990 leitet. Genaue Vorstellungen von ihrem Markt haben allerdings die wenigsten der potenziellen Gründer, die, häufig von der Uni kommend, mit ihrer Idee bei Hoffman anklopfen. „Sehr oft haben Techniker brillante technische Ideen“, sagt Hoffman, „doch haben sich überhaupt noch nicht darum gekümmert, wie sie sie verkaufen können.“ 

An dieser Stelle beginnt die Arbeit der Technologiefabrik. Hoffmans Mitarbeiter helfen, wo sie können. „Hier wird niemand mit seinen Problemen allein gelassen“, bestätigt Meis. Das fängt bei der Erstellung eines Businessplans an und geht bis hin zum Ausstellungsflyer, Rat bekommt hier jeder. Regelmäßig werden Seminare zu Managementthemen, Rechtsfragen, Rhetorik oder über Personalgespräche angeboten. Hoffman begreift seinen Job als Bildungsaufgabe: „Bei uns wird ein Techniker zum Unternehmer ausgebildet.“ » 

Doch in jüngster Zeit wird dieses Geschäft schwieriger. Auch die Karlsruher haben die konjunkturelle Abkühlung der vergangenen Jahre gespürt. So gibt es heute weniger Gründungen als in früheren Jahren. Zwischen 30 und 35 Interessierte fragen derzeit jährlich bei Hoffman an, im vergangenen Jahr kamen so acht neue Unternehmen hinzu. Ebenso viele Unternehmen verließen das Haus allerdings auch. Nicht aus Misserfolg, sondern weil sie inzwischen erwachsen sind und die Brutstätte für Jungunternehmen verlassen müssen. 

Damit das Projekt von der Technologiefabrik unterstützt wird, muss eine Erfolgsaussicht erkennbar sein. „Hier ist es nicht wie damals in der New Economy, als man nur eine Web-Seite programmieren können musste, um Geld von der Bank zu bekommen“, sagt Hoffman. So kommt es durchaus vor, dass er Gründer wegen mangelnder Innovation der Produkte ablehnt. Allerdings bekommen auch die seinen Rat. „Die schicken wir dann weiter zu anderen Initiativen, wie etwas dem Dienstleistungszentrum oder zur IHK in Karlsruhe.“ 

Nicht alle der 220 Unternehmen, die hier anfingen, gibt es noch. Einige wurden verkauft, aber nur wenige gaben auf. In den 22 Jahren haben es nur acht Unternehmen nicht geschafft – eine Erfolgsquote von 96 Prozent. Insgesamt haben die von der Technologiefabrik betreuten Unternehmen mehr als 4500 Arbeitsplätze geschaffen. Damit gehört die Industriefabrik zu den erfolgreichsten deutschen Gründerzentren. 

Zusammen mit ähnlichen Einrichtungen in Berlin und Aachen gehörte die Technologiefabrik anfangs zu den ersten Gründerzentren der Republik. Doch deren Zahl ist in den Folgejahren sprunghaft gestiegen. Allein im Bundesverband Deutscher Innovations-, Technologie- und Gründerzentren (ADT) haben sich mittlerweile bundesweit 166 Einrichtungen zusammengeschlossen, davon befinden sich 17 in Baden-Württemberg. Neben Karlsruhe dürfen aber nur noch die Förderer in Lörrach und St-Georgen den Titel eines „Anerkannten Technologiezentrums“ (ADT) tragen. Für ihre Leistung erhielten die Karlsruher 1997 die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg. 

Das Spektrum der Firmen in der Technologiefabrik erstreckt sich über viele Felder. Da gibt es ein Unternehmen, das sich auf automatische Bilderkennung spezialisiert hat. So sind sie in der Lage, mithilfe einer Kamera automatisch einen Gefängnisausbruch zu erkennen oder können Verkaufsströme in Supermärkten messen. Andere beschäftigen sich mit Handschrifterkennung. Web-Marketingspezialisten untersuchen, ob es sich wirklich lohnt, eine Anzeige im Internet zu schalten. Aber auch viele junge Unternehmen aus der Elektro- oder Lasermesstechnik sind hier. Auf den langen Fluren des Zentrums kann es einem gelegentlich passieren, dass einem menschenähnliche Roboter entgegenkommen, die von einem Forscherteam der Universität im Keller zusammengebaut werden. 

Dass die Gründer die Technologiefabrik nach fünf Jahren wieder verlassen müssen, „sehen wir nicht allzu eng“, sagt Hoffman. Wenn es berechtigte Gründe gibt, verlängert er schon mal den Mietvertrag. Davon profitiert auch Jon Meis. Er müsste sich jetzt eigentlich mit seiner Firma etwas anderes suchen. Doch weil er sich gerade ein zweites Standbein aufbaut, darf er nun doch länger bleiben. Vor zwei Wochen startete er seine Internetplattform meteo2trade.com, mit der er sich neue Kunden aus der Energiebranche erschließen will. Meis ist optimistisch: „Jetzt darf man sich ja wieder Dotcom nennen.“ 

andre kühnlenz 

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