Archiv: Sausende Fahrt

Nicht nur fürKinder kommt der Schlitten wieder in Mode. Billig ist out,Qualitätsprodukte liegen im Trend. 

Es gibt sie in Holz, in Plastik oder Metall, vom Primitivschlitten für 2,50 Euro bis zum Superbob zum Preis einer Oberklasselimousine, als Qualitätsprodukt aus bayrischen oder Schweizer Holzwerkstätten oder als Massenware im Aktionsverkauf. Im Angebot sind klassische Davoser Schlitten mit Fußbremse und -lenkung, Plastikunterlagen im Wokdesign, die auf der gesamten Sitzfläche rutschen, Einkufenfahrzeuge wie der sogenannte Klumper oder Snow Bikes mit Lenkung und drei Kufen. „Die Industrie lässt sich jedes Jahr etwas Neues einfallen“, sagt Friedrich Glogger, der den vor 87 Jahren gegründeten bayrischen Holzbauer Gloco in dritter Generation führt. Glogger schwört nach wie vor auf den klassischen Holzschlitten: „Die sind stabiler.“ Kunststoff neige in der Kälte zum Reißen und verziehe sich leichter. 

Das A und O beim Kurvenfahren ist jedoch Stabilität. Am sanft geneigten Zehnmeterhügel in der Stadt mag die Präzision beim Lenken keine große Rolle spielen. Anders ist es bei den großen, präparierten Naturrodelbahnen, die wie im schweizerischen Grindelwald bis zu 15 Kilometer Länge und Höhenunterschiede von mehr als 1500 Meter aufweisen. Bei der sausenden Fahrt auf solchen Bahnen kommen Könner auf Geschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern und mehr. Das ist zwar weniger als die 130 bis 145 Stundenkilometer, die Bobfahrer oder Rodler im Eiskanal erreichen. Doch die Billiggeräte der großen Discounter und Kaffeehändler gehen oft schon bei mäßigen Geschwindigkeiten zu Bruch. Zwischen 40 Euro und 300 Euro sollte ein ambitionierter Schlittenfahrer für den Kauf seines Gerätes einkalkulieren. Begünstigt durch die wachsende Popularität des Rodelns auf präparierten Bahnen hat das Schlittenfahren sein Image als reines Kindervergnügen abgelegt. „Schlittenfahren ist im Gegensatz zum Skifahren ein Sport, den die ganze Familie mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden betreiben kann“, sagt Dieter Fischer, Chef des Schlittenbauers KHW. Die Thüringer gehören neben Unternehmen wie Gloco, dem fränkischen Holzfahrzeugbauer Ress-Kutschen sowie Hamax aus Norwegen zu den führenden Herstellern weltweit. 

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Sorge bereitet den Schlittenbauern der späte Winter. „Wir hätten Anfang des Monats ein paar Schneeflocken zur Stärkung des Weihnachtsgeschäftes gebrauchen können“, sagt Fischer. „Wenn jetzt nichts kommt, bleiben die Nachbestellungen aus.“ Immerhin macht das Weihnachtsgeschäft für viele Schlittenbauer bis zu 80 Prozent des Umsatzes aus. Ein lauer Winter wirkt sich bis in die kommende Saison aus. „Dann sind die Lager voll und Händler wie Verbraucher noch von der Erinnerung an den letzten Winter geprägt“, sagt Familienunternehmer Glogger. Zwar waren die meisten Winter nach der Jahrtausendwende schneereich. „Doch was zählt, ist das gefühlte Wetter“, sagt Glogger, „und viele Schlittenfreunde deuten die Klimaerwärmung fälschlich als Kurzzeitphänomen.“ 

lothar.schnitzler@wiwo.de 

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