„Schönheit des Geldausgebens“

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Der frühere Hotelchef Max Keller über den Mythos Palace. 

Herr Keller, Sie waren der erste Direktor des Palace nach dem legendären Andrea Badrutt. Was macht diesen Job aus? 

Als Palace-Direktor sind Sie wie ein Dompteur im Zirkus. Sie haben diese großen Biester vor sich, die Sie jederzeit totschlagen können, und als einzige Waffe haben Sie einen Stock und eine kleine Peitsche. Bis Gäste und Mitarbeiter Vertrauen fassten, dauerte es ein paar Saisons. 

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Was macht denn dieses Hotel unter den internationalen Luxushotels so speziell? 

Das Palace ist kein Hotel, es ist eine Institution. Noch zu meiner Zeit war es eine Art Finishing School. 

Was meinen Sie damit? 

Die Badrutts sind nicht als Hüter des guten Geschmacks geboren. Sie haben das von ihren Gästen mitbekommen. Im Prinzip waren sie die Mittler zwischen dem alten vornehmen Geld und dem neuen Reichtum. Ein Agnelli, ein Niarchos waren nie neureich, aber Onassis war es ganz bestimmt. Solchen Leuten hat man dann beigebracht, was man tut und was man nicht tut. 

Das haben diese Gäste akzeptiert? 

Natürlich. Deswegen sind sie ja ins Palace gekommen und haben teures Lehrgeld bezahlt. Schließlich wollten sie zur guten Gesellschaft gehören. Eine Stufe höher war der exklusive Corviglia Club, und der einzige mögliche Zugang ging über das Palace. Die haben alle im Palace angefangen, der Schah genauso wie Heineken oder Karajan. 

Wer gehörte noch zu dieser Gesellschaft? 

Das Palace wirkte schon immer wie ein Magnet auf Leute, die das Bedürfnis hatten, geschröpft zu werden. Und niemand machte ihnen das Geldausgeben so schön wie Andrea Badrutt. Ein Teil davon gehörte zum Jetset, zur internationalen Vergnügungsgesellschaft. 

Wie ist das Palace zu „dem“ Palace geworden? 

Hansjürg Badrutt hat den Nimbus desPalace aufgebaut. Nach dem Krieg war der alte Adel, die frühere Klientel des Palace, verarmt. Also musste sein Sohn Andrea nach anderen wohlhabenden Gästen Ausschau halten. Wie ein Regisseur hat er das, was vom Adel noch übrig war, mit Industriellen, Reedern und Filmstars gemischt. 

Dann aber blieben die klassischen Kunden plötzlich aus. 

Ja, das war der Zerfall eines Systems. Es kam die Zeit, in der man das Hotel als Ferienform nicht mehr als schick betrachtete. Es sind die wirtschaftlichen Zwänge, die einem Hotel wie dem Palace dann keine Wahl lassen, Krethi und Plethi zu nehmen. Damit gingen ein gewisser Lebensstil und auch die guten Manieren verloren. Der Begriff von Luxus änderte sich. 

Inwiefern? 

Zum Beispiel arbeiteten zu meiner Zeit 48 Leute in der Wäscherei. Es gab Gäste, die mit drei Monate alter schmutziger Wäsche anreisten – weil niemand das so wäscht wie ihr, sagten sie. Heute wissen Gäste derartige Dienstleistungen nicht mehr zu schätzen. 

Birgitta Willmann/Bilanz 

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