Archiv: Schwarze Magie

Das kleine Schwarze, Coco Chanels Beitrag zur Kulturgeschichte der Mode, bleibt auch nach 80 Jahren ein Superstar. Zum Geburtstag öffnete das Pariser Couture-Haus exklusiv für fivetonine sein Archiv. Und die Pforte zu Madame Chanels Privatgemächern. 

„Der Ford von Chanel“. So kommentierte die amerikanische „Vogue“ in ihrer Ausgabe vom 1. Oktober 1926 die erste Skizze eines neuen Chanel-Kleids. Es war schwarz (wie die Wagen von Ford), aus Crêpe-de-Chine, gut knielang und hatte lange, schmale Ärmel. Kein Kragen, kein Firlefanz zierte das Modell. In seiner schlichten Eleganz und Funktionalität entsprach es damit den Design-Maximen des damaligen Lieblingsautos aller Amerikaner. 

Unter dem Kürzel LBD, „little black dress“ entwickelte das kleine Schwarze, wie es auf Deutsch heißt, gleichsam Formel-1-Qualitäten. Klar, denn nur mit Hilfe von Schnittigkeit und richtiger Materialwahl können seine „Konstrukteure“, die Modemacher, ihr Können und ihre Kreativität demonstrieren. 

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So ist es denn auch Ehrensache, dass das kleine Schwarze bis heute in kaum einer Kollektion fehlen darf. Es dient der Beweisführung des Talents. „Gemessen an der Herausforderung, ein kleines Schwarzes zu entwerfen, waren Scheherazades 1001 Nächte eine eher leichte Übung“, sagte einst Coco Chanel, die als Erfinderin des Modeklassikers gilt. Klein und schwarz, das sind schließlich zwei Vorgaben, die – einzeln betrachtet – nicht gerade die idealen Attribute eines Eyecatchers sind. 

Glaubt man ihrem Biografen Marcel Haedrich, dann kam Mademoiselle Chanel die Idee, es nicht länger bunt zu treiben, auf einem Ball nach dem Ersten Weltkrieg. „Zu jener Zeit waren die Farben geradezu gemein“, erzählte sie ihm, „nachdem ich einen Blick in den Saal geworfen hatte, sagte ich lachend zu meinem Begleiter: Das ist doch nicht möglich, diese Farben sind so scheußlich, sie machen die Frauen ausgesprochen hässlich, ich glaube, man sollte sie schwarz anziehen.“ 

Dies tat die Kultdesignerin denn auch. Und nicht nur sie. Ihre Kollegen in jener Epoche, die Modemacher Lucien Lelong und Jean Patou, taten es ihr gleich – allerdings ohne Cocos untrügliches Gefühl für gutes Timing. „Chanels Stärken“, fasst es Chanel-Designer Karl Lagerfeld zusammen, „waren ihr Talent zur Assimilation, ihr Wille zur Veränderung und ihre Fähigkeit, immer auf der Höhe der Zeit zu sein.“ 

Ihre in der „Vogue“ veröffentliche Skizze traf genau den Geschmack der wilden Zwanzigerjahre. Als Folge des Ersten Weltkriegs stand die Farbe Schwarz nicht mehr ausschließlich für Trauer, sie hatte Allüre bekommen. Denn die traditionsgemäß schwarz gekleideten Kriegerwitwen waren jung, attraktiv und sexuell erfahren. Schwarz stand damit plötzlich für Sinnlichkeit. 

Während die Männer fürs Vaterland kämpften und fielen, hatten sich ihre Frauen zu Hause emanzipiert. Sie mussten an der Heimatfront fürs tägliche Überleben der Familie und für sich selbst sorgen. Es war ein Akt der Befreiung, bei dem Rüschen, Tornüren und Korsettstangen auf der Strecke blieben. Hatte die durchschnittliche Stoffmenge, die man für ein Damenkleid benötigte, vor dem Krieg über 17 Meter betragen, so waren es in Nachkriegszeiten nur noch etwa sechs Meter. So erklärt sich das Attribut „klein“ für das damals revolutionär neue schwarze Kleid. 

Inzwischen 80 Jahre alt, hat sich Chanels Prototyp stets aufs Neue stilvollendet den Zeitläuften angepasst wie das Chamäleon seiner Umgebung. Sein offenkundigster Vorteil ist die Vielseitigkeit. Ein und dasselbe Kleid passt zu jeder Gelegenheit: Mit den passenden Accessoires kann es von sittlich-streng zu dezent bis zu sexy und extravagant changieren. Fast jede Frau hat ihr kleines Schwarzes im Schrank. Meist behält sie es sogar ziemlich lang, ehe es gegen eine aktuellere Variante ausgetauscht wird. Wie formulierte „Vogue“ doch schon 1944: Von allen Kleidungsstücken habe das kleine Schwarze „die längste Saison“. 

Eine Investition fürs Leben? Unter Umständen schon, vor allem wenn man bedenkt, wie viele Filmschauspielerinnen im kleinen Schwarzen schon zu Stars avancierten und Karriere machten. Ein Stichwort genügt und man hat sie vor Augen: Gloria Swanson in „Heute Nacht oder nie“, Rita Hayworth als „Gilda“ und natürlich Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ – mit langer Zigarettenspitze, Perlen und Hut. Marilyn Monroe nannte das hautenge Etuikleid mit den Spaghettiträgern, in dem sie in „Manche mögen’s heiß“ Ukulele spielte, gar ihr „Glückskleid“. 

Ihre hinreißenden Kurven hätte man vermutlich auch in anderer Garderobe kaum übersehen. Aber weiß man’s gewiss? Wie lautete doch der gänzlich uncharmante Rat von Schwerenöter Walter Matthau an Cynthia Heimel, Autorin von „Sex-Tipps für Girls“: „So wie Sie angezogen sind, wird kein Mann Sie je verführen. Sie brauchen ein schwarzes Kleid – Stil Vierzigerjahre.“ 

Angelika Ricard-Wolf 

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