Sehnsuchtnach der Savanne

Archiv: Sehnsuchtnach der Savanne

Die Cabriobegeisterung ist kein Mode-phänomen, sondern durch archaische menschliche Verhaltensmuster bedingt. 

Wenn man immer genau wüsste, was der Markt will. Manche Konsumwellen kommen überraschend. Dem iPod traute man zunächst keine Zukunft zu – er wurde trotzdem ein Erfolg. Warum? Lässt sich die Akzeptanz eines Modells überhaupt sicher voraussagen? Und wie entstehen eigentlich all die Nachahmer, die sich an den Erfolg anhängen? 

Solche Fragen bewegen nicht nur Marktstrategen und Ökonomen, sie sind zugleich eines der zentralen Probleme aller Wissenschaften vom menschlichen Verhalten. Nehmen wir den Verkauf von Cabriolets: Warum ist laut Kraftfahrt-Bundesamt der Bestand von Cabriolets (neben Geländewagen, Vans und Utilities) gegenüber dem Vorjahr so deutlich gestiegen, während die anderen Pkw-Segmente kaum wuchsen und teilweise sogar schrumpften? 

Anzeige

Die banalste Antwort lautet: Cabrios liegen eben im Trend. Die Leute kaufen Cabrios, weil es immer mehr Menschen gibt, die ein Cabrio haben – aus Gründen der Konformität also. Oder aber umgekehrt: um etwas zu besitzen, was die anderen nicht so oft haben – aus Gründen der Nonkonformität. Dann müsste es aber mit der Cabriowelle bald vorbei sein. Denn Nonkonformität wird nicht mehr befriedigt, wenn alle ein Cabrio fahren. Also doch Konformität? 

Tatsächlich beschreibt die vom Kommunikationswissenschaftler Everett Rogers entwickelte Theorie der Diffusion von Innovationen bestens diesen Mechanismus. Nach dieser Theorie durchlaufen neue Trends so genannte adopter groups. Neue Produkte werden von der Avantgarde allmählich durchgereicht zur Masse, bis jeder sie gut findet. Am Ende wollen aber nur noch die Rückständigen das einst avantgardistische Produkt. 

Wie aber kommt die Avantgarde dazu, etwas Neues in die Welt zu setzen? Man könnte mit der Portierstheorie antworten, also mit der Psychologie der Meinungsführer, die an den Schaltstellen die Trends machen und Neues durchlassen oder unterbinden. Kennt man deren Persönlichkeit, weiß man, was über die Medien verbreitet wird. 

So kann man immer weiter analysieren, hübsch entlang der Oberfläche, im Psycho- oder Marketingjargon: das Cabrio als „Ausdruck unseres idealen Selbst“, als „symbolische Selbstergänzung“, als Taktik des „impression management“ oder zur Demonstration der eigenen „uniqueness“. 

Derlei Analysen sind vor allem deshalb unbefriedigend, weil sie sich zu stark auf die Optik der Phänomene stützen. Nicht, dass diese keine Rolle spielen würde, aber die Demonstration von Status, die kulturelle Selbstverwirklichung, der „Ausdruck meines idealen Selbst“ steht erst am Ende einer Reihe von ganz handfesten Motiven und Bedürfnissen, die in unserer Biologie begründet sind. Nicht zufällig lernen wir in den Wissenschaften heute mehr denn je über unser evolutionär erworbenes Verhaltensrepertoire. 

Die Cabriobegeisterung – sie muss vor allem auch biologisch erklärt werden, als das Ergebnis eines evolutionär verankerten Suchprozesses nach der ultimativen Passung für verborgene und schwer artikulierbare Wünsche. Produkte überleben nur, wenn sie unsere angeborenen Bedürfnisse befriedigen. Wenn sie dies tun, nähern wir uns dem Urmenschen – unserer biologischen Heimat. 

Alles, was für ihn wichtig war, konnte der Urmensch schnell und unkompliziert erreichen. Alle Personen, alle Informationen, die für sein Überleben von Bedeutung waren, befanden sich in der Nähe – er brauchte keine Schule, kein Telefon, kein Internet. Er brauchte für seinen Lebenserhalt auch kein Auto. Dieser Urmensch hat uns seine Bedürfnisstruktur vererbt: die Sehnsucht nach der Heime-ligkeit der Urhorde. 

Und was bitte hat das mit demCabrio zu tun? In alten amerikanischen Werbefilmen nannte man Cabrios „convertibles“ – die Wandelbaren. Der Nutzwert, die Vielseitigkeit des Cabrios standen im Vordergrund. Mit „convertibles“ kann man offen und geschlossen fahren. Aber warum will der Mensch offen fahren? 

Die Verhaltensforscher haben im vergangenen Jahrzehnt herausgefunden, dass wir savannenähnliche, also parkähnliche Gegenden, schön finden, weil der Urmensch ein Savannenmensch war. Frühe Werbemotive in den USA stellten die Autos gern auf einer Anhöhe über einem Tal dar: Ein Pärchen betrachtet meist den Sonnenuntergang, oder das Cabrio steht am Lagerfeuer. Mit anderen Worten: Hier wird eine Ursituation reproduziert. Verborgen in alter und neuer Werbung, kommen die archaischenMotive klar zum Vorschein. 

>>> Man kann ein Cabrio aufrecht betreten, man muss sich nicht bücken. Das Bücken war immer eine Unterwerfungsgeste. Man öffnet die Cabriotür so souverän wie wie ein Gartentor. 

>>> Auch lässt sich ein offenes Auto locker von oben beladen: Auf dem Beifahrersitz oder hinten legt man im Vorbeigehen lässig seine Beute ab. 

>>> Klaustrophobisch veranlagte Zeitgenossen lieben wie der Savannenmensch die offene, übersichtliche Landschaft. Offen gefahren verleiht das Cabrio durch freie Sicht nach allen Richtungen ein Gefühl von Sicherheit. Die toten Winkel sind bei den meisten Modellen minimiert. 

>>> Im Cabrio bleibt man wetterfühlig, solange das Dach offen bleibt. Ein absolutes Muss für den Savannenmenschen, der angewiesen ist auf ein möglichst genaues Bild seiner Welt. 

>>> Man sieht im Cabrio nicht nur besser, man wird auch besser gesehen. Ich bin für meine Umgebung erkennbar. In der Urhorde war das Gefühl, bei den eigenen Hordenmitgliedern bekannt zu sein, überlebensnotwendig. Nicht anonym zu sein ist auch heute noch ein Schutz. 

>>> In alten Werbungen wird der kommunikative Vorteil des offenen Autos leitmotivartig hervorgehoben: Man kann im Wagen sitzend mit Menschen in der Nähe Gespräche führen, auf die andere Straßenseite hinüberrufen und Hallosagen. Das Cabrio befriedigt also nicht nur Flitzerbedürfnisse, sondern es ist auch, ob es steht, anhält oder anfährt, das ideale „drive in“-Gefährt. 

>>> Das Cabrio ist ein vielseitiges Werkzeug. Man kann es offen und geschlossen fahren. Je schneller und unproblematischer der Umbau klappt, desto besser. 

Fazit: Entwickler, die auf den Gebrauchswert ihres Produkts achten, wären bisweilen gut beraten, sich eher an der Welt des Steinzeitmenschen zu orientieren als an der Postmoderne. Die Rückbesinnung auf die menschliche Natur hilft, Innovationen zu entwerfen, die aus Notwendigkeit, nicht aus Überflusslaune gekauft werden und auf diese Weise Nachfrage erzeugen. Es lohnt sich also, den Urmenschen in uns zu entdecken. 

Rainer Dollase 

Professor Dr. Dipl.-Psych. Rainer Dollase lehrt an der Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%