Showtimefür den Klassiker

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Das neue Mercedes-CL-Luxuscoupé ist ein Lustobjekt für Individualisten. 

Autos gibt es, die werden schon als Klassiker geboren, so wie Prinzen schon mit königlichen Würden zur Welt kommen. Das neue große CL-Coupé, das Mercedes-Benz diesen Monat auf den Markt bringt, gehört zu dieser erlauchten Spezies. Es knüpft an eine Jahrzehnte alte Tradition an, die 1951 mit dem Mercedes-Coupé 300 S einen Höhepunkt fand. 

Heinz Rühmann hatte ein Exemplar in der Garage stehen, seine US-Kollegen Errol Flynn, Bing Crosby und Gary Cooper ebenso. König Faruk von Ägypten und Schah Mohammed Resa Pahlewi verliebten sich in das Auto, als es Premiere hatte. Automobil-Liebhaber aus aller Welt waren sich sofort einig: So ein schönes Fahrzeug hatte man lange nicht mehr auf der Straße gesehen. 

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„Ein Wagen der Weltelite“, schrieb die Berner „Automobil Revue“ bei der Vorstellung des 300 S. „Es ist unsere Überzeugung“, so das Blatt damals, „dass dieses Fahrzeug in manchen Dingen als Maßstab für das im Automobilbau Erreichbare herangezogen werden darf.“ Das Publikum staunte und verneigte sich tief vor den Ingenieuren und Designern aus Stuttgart, die in der schwierigen Nachkriegszeit dieses Auto der Spitzenklasse geschaffen hatten. 

55 Jahre später: Peter Pfeiffer, 63, streicht im taghell erleuchteten Fotostudio des Sindelfinger Mercedes-Entwicklungszentrums um das gut fünf Meter lange, silberglänzende Fahrzeug, das wenige Minuten zuvor in die riesige, völlig leere Halle geschoben wurde. „Alle Linien drängen nach vorn, das Auto scheint schon im Stand zu fahren“, schwärmt der Mercedes-Chefdesigner, während sein Zeigefinger einer Sicke in der Flanke des Wagens folgt, die bis zu den Hecklichtern führt und im Mercedes-Jargon „Charakterlinie“ heißt. Knapp vier Jahre hat die Arbeit am neuen Luxus-Coupé gedauert. Mit dem Verkaufsstart am 28. September wird es als Topmodell in der Mercedes-Modellpalette rangieren – mit einem Zwölfzylinder unter der Motorhaube, 517 PS stark und fast 150 000 Euro teuer. 

An vier anderen Luxuscoupés des Hauses hat Pfeiffer nun schon mitgearbeitet, seit er 1968 nach einem Studium an der Porzellanfachschule Selb und einem Zwischenspiel bei Ford in Köln nach Stuttgart wechselte. Aber der neue CL (Entwicklungs-Code: C 216) ist dem Designchef von allen der Liebste: „Mehr Emotion und Kraft war nie.“ Ein schöneres, auch kraftvolleres Statement für persönliche Freiheit, findet er, habe es in der langen Historie der großen Mercedes-Coupés nicht gegeben: „Der hat das Zeug zum Klassiker.“ 

Schön, stark, schnell : Der neue CL ist ein reines Lustobjekt, das den Vergleich mit dem legendären 300 S von 1951 oder dem 220 S-Coupé aus den Sechzigern – Auto-Fans wie die Operndiva Maria Callas oder der Bankier Hermann Josef Abs wählten es für Vergnügungstouren – nicht zu scheuen braucht. Als Firmen-, Dienst- oder Behördenwagen hingegen kommt das neue Modell weniger infrage. Das gereicht ihm zur Ehre. Denn Zweitürer wie diesen, das weiß man im Luxusmarketing, kaufen vor allem Genießer aus emotionalem Antrieb – und bezahlen sie aus der eigenen Tasche. Das gilt für den Mercedes wie Konkurrenzfahrzeuge vom Schlage eines Bentley Continental GT, eines Ferrari 612, eines Jaguar XK oder eines 6er-BMW. 

Auf Praktikabilität haben die Designer von Mercedes mit Blick auf die typische CL-Klientel (über 56 Jahre, selbstständige Unternehmer oder Freischaffende) also weniger Wert gelegt als auf ein gediegenes Wohlfühl-Ambiente, das sich wie schon bei allen Vorgängermodellen in edlen Hölzern, in Chrom und feinstem Büffelleder ausdrückt. 

Der CL hat alles an Bord, was das Autofahren heutzutage bequem und auch bei Tempo 250 sicher macht: Multikontursitze mit Massagefunktion und Innenbelüftung, Bremsassistent und aktives Fahrwerk, Nachtsichtgerät und Abstandsradar. Die Klimaautomatik mit vier Temperaturzonen und das Navigationssystem verstehen sich von selbst. 

Der Kofferraum ist kleiner als im Schwestermodell der S-Klasse. Und die beiden Sitze im Fond sind zwar üppig gepolstert und gut konturiert. Die Kopffreiheit unter dem „kraftvoll gespannten“ Coupédach sei großzügig bemessen, sagt Pfeiffer, natürlich coupé-like – für vier Erwachsene wäre Rom etwas zu weit. „Zu gemeinsamen Opernbesuchen mit Freunden reicht es aber durchaus.“ 

Für glamouröse Showauftritte ist der CL das perfekte Fahrzeug: Glanz und Gloria sind ihm auf den stählernen Leib geschrieben. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Maßnahmen zum Fußgängerschutz sorgten sogar dafür, dass die Motorhaube besonders lang und der Kühlergrill besonders eindrucksvoll ausfiel. Auch die bauchigen Radhäuser signalisieren Stärke und Geschwindigkeit. 

„Wir wollten nicht mehr so kühl und unnahbar daherkommen wie früher“, erläutert der Chefgestalter die neue Stilphilosophie. Das Muskelspiel ist kein leeres Versprechen: Der Zwölfzylinder des vorläufigen Topmodells CL 600 verfügt über ein maximales Drehmoment von 830 Newtonmeter. Die gut zwei Tonnen schwere Nobelkarosse beschleunigt nach Angaben des Herstellers in 4,6 Sekunden von null auf 100 Kilometer in der Stunde – ein Porsche Turbo, auf deutschen Autobahnen Benchmark in dieser Disziplin, ist nur einen Tick schneller. 

Aber für Straßenrennen ist der CL dann doch wieder nicht gebaut; er ist mehr Cruiser als Racer. Verstärken ließe sich der sportliche Appeal allenfalls durch eine Cabrio-Ausführung. „Für einen Designer ist es die einfachste Übung, ein Coupé zu öffnen“, sagt Pfeiffer. Entsprechende Entwürfe, deutet er an, seien in Sindelfingen auch bereits vorhanden. Aber entschieden ist noch nichts. Vorerst soll der Erbe der großen Stuttgarter Coupé-Tradition die Show noch ganz für sich allein haben. 

Franz Rother 

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