Slalom im Treppenhaus

Archiv: Slalom im Treppenhaus

Politik+Wirtschaft Chinesen lesen gerne und viel – weil sie lernen und vorwärts-kommen wollen. Vor allem Wirtschafts- und Karrierebücher finden reißenden Absatz. 

Der Glanz der Wissenschaft erleuchtet die Welt“, prangt es in goldenen Schriftzeichen vom roten Banner vorm Pekinger Book Emporium. In den Abendstunden schwillt der Publikumsverkehr in der größten Buchhandlung der chinesischen Hauptstadt noch einmal kräftig an. Büroarbeiter, Studenten, Rentner und kleine Angestellte drängen sich durch die Schwingtüren in das sechsstöckige Buchkaufhaus an der Chang’an-Straße. Sie alle wollen lesen – nicht nur zum Spaß, sondern vor allem, um zu lernen und im Leben voranzukommen. Denn Wissen ist Macht, und Macht bedeutet Geld. Schließlich sagt ein altes chinesisches Sprichwort: „Aus Büchern bekommt man schöne Frauen und Gold.“ 

Die Kulturunterschiede zwischen China und dem Westen lassen sich wohl nirgends besser erkennen als in einer Buchhandlung. Kleine, besinnliche Bücherstuben, wie man sie aus Deutschland kennt, liebevoll eingerichtet von Buchhändlern, die ihren Beruf als Berufung auffassen, das Buch als ein Kulturgut betrachten und womöglich ihre Kunden mit Anekdoten über ihre liebsten Schriftsteller versorgen – das gibt es in China nicht. In China, wo alles groß ist, sind auch die Buchgeschäfte groß. Die staatlich kontrollierte Xinhua-Kette, die bis vor Kurzem ein Monopol auf die Ware Buch hatte und noch heute zwei Drittel des Marktes dominiert, nennt 13 000 Filialen – die meisten im Kaufhausformat – ihr Eigen. 

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In Xinhuas Pekinger Book Emporium, eine U-Bahn-Station vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt, hat jede der von Neonleuchten erhellten gut zwei Dutzend Abteilungen die Größe einer mittleren deutschen Buchhandlung. Und alle sind voll von Kunden als wäre Ausverkauf. Aber es ist ein ganz normaler Abend. Nur in der großflächigen Rubrik der Sozialwissenschaften ist nichts los. Hier stehen die von der Partei geförderten Publikationen – Regalmeter Schinken zur Geschichte der Partei und ein paar Festmeter Mao-Biografien. Doch Revolutionsromantik ist bei den Chinesen von heute nicht mehr gefragt. 

Die Kundenschar verdichtet sich in der Juraabteilung, den für alte Literatur reservierten Ecken, über die Regale mit westlicher Literatur bis hin zur Wirtschaftsabteilung. Sie ist der Publikumsmagnet schlechthin. Biografien erfolgreicher Geschäftsleute und Ratgeber zum schnellen Reichwerden sind Bestseller in China. Während in der deutschen Mittelschichtsgesellschaft Beziehungsratgeber wie „Liebe dich selbst“ in den Erfolgslisten weit vorne liegen, und man sich mit Peter Hahnes „Schluss mit lustig“ um den Klassenerhalt sorgt, steht in China wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg auf dem Programm. 

„Winning“ von Jack Welch und seiner Frau Suzy ist der größte Renner zurzeit. Die Biografien über den Hongkonger Multimilliardär und Selfmademan Li Ka-shing füllen mehrere Regalmeter, und auch ost-westliche Vergleiche wie etwa eine Doppelreportage über Rupert Murdoch und den chinesischen Medientycoon Liu Changle sind gefragt. Dazwischen finden sich Anekdotensammlungen wie „Großer Reichtum in kleinen Geschichten“, deren Vorwort den Leser darüber aufklärt, dass die Menschen in allen Zeiten und Kulturen nach Wohlstand gestrebt hätten. 

Die riesige Lernbereitschaft der Chinesen treibt die Nachfrage nach chinesischen Ausgaben westlicher Erfolgsratgeber auf immer neue Höhen. „Der Anteil der Chinesen, die an die Spitze wollen, ist viel höher als in etablierten Ländern wie Amerika oder Deutschland“, sagt Peggy Yu, Mitgründerin von Dangdang, Chinas größtem Online-Buchmarkt. Daher schaffen es Bücher wie „Seven Habits of Highly Effective People“ und Biografien von Bill Gates in China regelmäßig auf die Bestsellerlisten. „Wenn chinesische Unternehmer ihre Firma voranbringen wollen“, sagt Yu, „dann schauen sie ins Ausland.“ 

Kein Wunder, dass im Pekinger Book Emporium die langen Regalmeter mit den ins Chinesische übersetzten westlichen Bestsellern das zweite Epizentrum des Getümmels darstellen. Auch reich bebilderte Kulturgeschichten des Westens gehören in jeder größeren Buchhandlung des Landes zum Standard, und das Interesse erstreckt sich selbst auf die westliche Wahrnehmung Chinas. Übersetzungen von herausragenden europäischen und amerikanischen Sinologen sind hier gang und gäbe. In großen Buchhandlungen füllen Sprachlehrbücher, vor allem für Englisch, ganze Etagen. 

Gewiss, nicht alle der vielen Kunden, die die Buchkaufhäuser füllen, kaufen auch. Für viele sind sie Präsenzbibliothe- » ken mit käuflichem Bestand von Metallindustriehandbüchern über klassische Lyrik, Kosmetikratgeber, marxistische Klassiker oder Chemielehrbücher bis hin zum Eventmanagement. Das Publikum – meist junge Leute, darunter viele Studenten, kleine Angestellte, aber auch der eine oder andere Taxifahrer, der von Jack Welch effizient lernen will – sitzt, steht, kauert, um zu lesen. Da dazu abends kaum noch Platz ist, zwängen sich die Kunden auch in die weniger besuchten Abteilungen und sitzen dann mit ihren Wirtschaftsratgebern in der benachbarten Kinderbuchabteilung auf dem Boden, umgeben von Comic-Versionen der konfuzianischen Klassiker, Garfield und japanischen Kindermangas. Andere haben ihre Lektüre auf der Fensterbank ausgebreitet, nicht wenige machen sich Notizen, und selbst im Treppenhaus geht es nur im Slalom voran. 

Der Grund für das Riesenangebot liegt in einem noch unterentwickelten Vertriebssystem: Es gibt in China keinen Zentralkatalog der erhältlichen Bücher. Anders als in Deutschland, wo jede kleine Dorfbuchhandlung innerhalb von 24 Stunden so gut wie jedes Buch auftreiben kann, zeigen sich Chinas krasse regionale Unterschiede auch im Buchhandel. In Großstädten des Landes ist die Auswahl an Buchhandlungen so groß, dass ein wenig Ortskenntnis, Geduld und Bereitschaft zur Schnitzeljagd ausreichen, um jedes gewünschte Buch zu finden, sofern es überhaupt in China erhältlich ist. 

In jüngster Zeit haben sich zwischen den großen Ketten, die den Massenmarkt abdecken, aber immer mehr Buchhandlungen etabliert, die sich wie Wansheng, Sanwei oder Sanlian auf ein kleines, aber feines Sortiment konzentrieren und mit ansprechendem Design gegen die Xinhua-Riesen punkten. So zielen etwa die Sanlian-Buchhandlungen des gleichnamigen Verlages auf die Interessen der humanistisch orientierten Bildungselite. 

Die Bewohner der kleineren Provinzstädte sind von den feineren Verzweigungen des Buchmarktes bisher jedoch weitgehend abgeschnitten. Bestellungen werden in der Regel nicht entgegengenommen. Was nicht zum Sortiment gehört, ist nicht lieferbar, es sei denn, man wendet sich direkt an den Verlag und nimmt in Kauf, dass die Versandkosten den durchschnittlichen Buchpreis von umgerechnet ein bis vier Euro gut verdoppeln. Auch das ist ein Grund für die Riesenausmaße der Xinhua-Läden: Sie dienen nicht nur als Verkaufsstellen, sondern gleichzeitig auch als Lagerhallen. 

Doch je mehr der Wohlstand ins Hinterland vordringt, entwickeln sich auch dort neue Strukturen. Die Buchhandlungskette Xishu etwa konzentriert sich auf mittlere und kleine Städte. Zwar will Xishu sich nicht als Konkurrenz zu Xinhua verstanden wissen, doch mit rund 560 Filialen wächst die größte private Buchladenkette des Landes immer mehr aus ihren kleinstädtischen Ursprüngen heraus und ist auch in Großstädten immer häufiger zu sehen. In der südchinesischen Metropole Shenzhen etwa hatXishu nur wenige 100 Meter vom örtlichen Xinhua-Kaufhaus entfernt in der schicken Einkaufspassage Zhonghai Shangcheng eine Zweigstelle eröffnet. Niemand kommt hier auf die Idee, sich zwischen den bambusfarbenen Bücherregalen auf den semitransparenten, von unten beleuchteten Kunststoffboden zu setzen. Stattdessen macht man es sich in den rosa- und mintfarbenen Lesekabinen bequem oder nimmt sein Buch mit ins hauseigene Café. 

Wählerische Leser in der Provinz frequentieren zunehmend auch Internetbuchhandlungen wie Dangdang und Joyo. Als Dangdang 1999 ans Netz ging, hatte China gerade mal drei Millionen Internetnutzer. Heute sind es schon gut 100 Millionen. Mehr als die Hälfte von ihnen hat einer Schätzung der Investmentbanker von Morgan Stanley zufolge schon einmal Dangdang besucht und rund ein Viertel dort eingekauft. Das rasche Wachstum des Online-Buchhandels zieht auch internationale Anbieter wie Bertelsmann und Amazon auf den chinesischen Markt. Der deutsche Medienkonzern ist seit 2000 mit einer eigenen Online-Buchhandlung in China am Netz, Amazon ist 2004 mit dem Erwerb von Joyo.com in den chinesischen Markt eingestiegen. 

Sie können jedoch nicht einfach verkaufen, was sie wollen. Nach wie vor regelt das die General Administration of Press and Publication (GAPP). Sexuell Anstößiges etwa ist in den offiziellen Buchhandlungen der Volksrepublik nicht zu haben. Politisch Unerwünschtes findet dort ebensowenig einen Platz. 

Doch neben den genehmigten Verkaufsstellen blüht – China wäre sonst nicht China – der Schwarzhandel: in kurzlebigen Buchhandlungen in Kellerwohnungen und den Labyrinthen der Großstädte. Verborgene Höker treiben hier einen schwunghaften Handel mit verbotenen Früchten vor allem aus Taiwan und Hongkong. Mit ihrer familiären Atmosphäre, in der Verkäufer und Kunden eine verschworene Gemeinschaft bilden und sich lebhaft über ihre Lektüre austauschen, sind diese Buchhandlungen weit weg von Buchkaufhäusern der Xinhua-Kette. In ihnen kann man sich fast fühlen wie in einem deutschen Buchladen. 

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