Archiv: So nice!

Ausgerechnet ein Franzose namens de Paris kleidet seit 40 Jahren die frankophoben US-Präsidenten ein. 

Georges de Paris, Schneider eines jeden amerikanischen Präsidenten seit Lyndon B. Johnson, kleidet sich betont sorgfältig. Ganz gleich, wohin er geht und welches Unwetter auch toben mag, Monsieur Georges trägt Anzug. Nie in den 71 Jahren seines Lebens besaß der Schneider mit der französischen Hauptstadt im Namen Jeans oder Khakihosen. Das sportlichste Outfit, das er sich je erlaubt, ist ein Blazer, den er zusammen mit Wollhosen und einem Plastron trägt. 

Seine Anzüge für die kühle Saison sind ausnahmslos dreiteilig. Seine Hosen trägt der französische Schneidermeister (wie einst Charles de Gaulle) „hoch“, das heißt dort, wo in jüngeren Jahren einmal seine Taille war. Niemals würde er, wie so viele Altersgenossen mit üppiger Körpermitte, die Hosen unter dem Bauch tragen. Damit gibt sich der füllige Mann nach fachkundiger Meinung des Schneidermeisters die Allüre einer hochschwangeren Frau. Er selbst besitzt 40 Anzüge, 80 Hemden und 68 Paar Schuhe, von denen er 50 nie getragen hat. Er bevorzugt Hosenträger statt Gürtel, und er trägt einen Gehstock (er sagt, das verleihe Persönlichkeit). 

Anzeige

In der US-Bundeshauptstadt gilt de Paris als eine historische Figur. Als 1976 die Firma Brooks Brothers, die von Lincoln bis Ford fast alle Präsidenten ausgestattet hatte, ihre Maßschneiderei einstellte, bedeutete dies das Ende einer Ära. De Paris ist sich seiner beruflichen Herkunft und seiner Bedeutung als Präsidentenschneider im Zentrum der Weltmacht USA bewusst. Er spiegelt dies nicht nur in seiner Kleidung, sondern auch in seiner gepflegten Erscheinung wider. Sein glänzendes weißes Haar ist nach Art des späten 15. Jahrhunderts frisiert, mit einem Mittelscheitel und gerade nach unten gekämmt sowie, an feuchten Tagen, mit einer oder zwei Locken um sein Gesicht herum. Er ist nur 1,70 Meter groß, aber sein Kopf entspricht dem eines Hünen und erscheint überproportioniert groß für seine Körperhöhe. Der Gesamteindruck ist eine glückliche Mischung aus Benjamin Franklin und Hercule Poirot. 

In diesen Tagen trägt de Paris ein passendes Set aus Manschettenknöpfen und Krawattenhalter, die auf der Vorderseite mit dem Siegel des Präsidenten und auf der Rückseite mit einer eingravierten Unterschrift von George W. Bush versehen sind. Reagan war als Kunde sein Lieblingspräsident und, seiner Meinung nach, auch der am besten gekleidete. Reagan sei immer sehr gesprächig gewesen und habe ihm bei den Anproben stets Geleebohnen angeboten. Dicht hinter Reagan folgt auf der Sympathieskala des Schneidermeisters George W. Bush (Konfektionsgröße 54, vorzugsweise marineblau und dunkelgrau). „So nice! So friendly!“, schwärmt der Schneider von Präsident Bush. Er sieht ihn manchmal dreimal in der Woche im Weißen Haus zur Anprobe. 

Auch Ex-Präsident Ford erinnert sich gern an den galanten Franzosen. „Als ich im Kongress war, waren wir nicht so pedantisch, was unser Aussehen anging. Aber als ich Vizepräsident wurde und dann Präsident, war es unumgänglich, dass ich gut aussehen musste, und da war Georges genau die richtige Person, um mich präsidial auszustaffieren.“ Im Allgemeinen zieht der französische Schneidermeister die Republikaner als Präsidenten den Demokraten vor. Carter und Clinton seien im Ankleidezimmer stets betont kühl gewesen. Und Carters Sinn für Mode... na ja, je weniger man darüber sage, desto besser, meint Monsieur Georges. Lyndon B. Johnson wiederum frotzelte den klein gewachsenen Franzosen mit der hartnäckig wiederholten Frage, ob er in seiner Jugend vielleicht einmal American Football gespielt hätte. 

Nun muss gesagt werden, dass amerikanische Präsidenten noch nie so sehr ihre modischen Fußabdrücke hinterließen, wie das andere Regierungsoberhäupter und Politiker tun. Kaum ein US-Präsident entwickelte je einen klaren Look, der sofort wiederzuerkennen wäre oder gar von Millionen von Menschen nachgemacht würde. So etwas blieb Fidel Castro, Mao Tse-tung und Che Guevara vorbehalten. Auch tragen US-Präsidenten (von Bushs gelegentlichen Cowboy-Inszenierungen abgesehen) keine unverwechselbaren Kopfbedeckungen wie beispielsweise Hamid Karsai, Mobutu oder Nehru. Allenfalls bescheidene modische Neuerungen führten die Männer im Weißen Haus ein: Ronald Reagan machte den braunen Anzug wieder salonfähig. Franklin D. Roosevelt trug Umhänge. Andrew Jackson hatte die Wattierung eingeführt, weil er ohne zu mager wirkte. 

Zusätzlich zu seinen Präsidentenkunden schneidert de Paris für mächtige Kunden wie Englands Premier Tony Blair, UNO-Generalsekretär Kofi Annan und US-Vizepräsident Dick Cheney. Er arbeitet jedoch nicht ausschließlich für die Großen und Mächtigen. Vor ein paar Jahren fertigte er einen Anzug für einen Taxifahrer aus New Jersey. Für 4500 Dollar hatte der sich den Traum verwirklicht, den gleichen Anzug wie der US-Präsident zu tragen... und ihn auch vom Präsidentenschneider anfertigen zu lassen. Der enthusiastische Taxifahrer gab de Paris bei der Anprobe 200 Dollar Trinkgeld. Und de Paris, der von der Situation überwältigt war, schenkte dem Taxifahrer eine Krawatte und ein Hemd. 

De Paris ist bereit, sich jedem vom Kunden gewünschten Kleidungsstil anzupassen, aber er hat auch seine Präferenzen. So beobachtet er voller Genugtuung den wachsenden Konservatismus bei der Bekleidung der jungen Männer von heute. Die meisten von ihnen, glaubt er, würden den auffälligeren Stil der letzten Jahrzehnte, solche Scheußlichkeiten wie Jacken mit vier Knöpfen, breite Revers und ausgestellte Hosen, ablehnen und sich am liebsten wieder kleiden wie ihre Großväter anno dazumal. Für die nicht zu ferne Zukunft sagt de Paris denn auch ein Wiederaufleben des dreiteiligen Anzuges voraus. 

Was Auffälligkeiten angeht, ist der französische Schneider im Grunde gar nicht prüde, solange sie eben da bleiben, wo sie hingehören: Neben der konventionellen Bekleidung unterhält er noch ein Nebenhandwerk, in dem er paillettenbesetzte Kostüme und BHs für Akrobaten und Go-Go-Tänzerinnen herstellt. Als junger Mann nähte er bei Christian Dior in Paris Büstenhalter, und so kamen einmal zwei Akrobatinnen auf ihn zu, die BHs in Übergrößen brauchten. Der junge Schneider half ihnen, das sprach sich in Artistenkreisen herum. 

Doch zurück zur formellen Herrenbekleidung. Da führt nach Monsieur de Paris’ Meinung kein Weg vorbei am klassisch geschnittenen, sorgfältig mit der Hand genähten Anzug im englischen Stil. „Die Italiener machen ihre Anzüge nicht in Italien, sondern in Madagaskar, Indien, Polen oder in irgendwelchen Niedriglohnländern“, sagt er mit einer heftig abwertenden Handbewegung. Er hingegen nähe seine Anzüge im eigenen Geschäft und ausnahmslos mit der Hand. „Die Leute nennen mich verrückt, weil ich hausgemachte Anzüge verkaufe“, lacht er, „das bin ich eben; das ist Georges de Paris.“ 

Monsieur de Paris hat viel zu gute Manieren, um unvorteilhafte Stellen im Körperbau des Kunden zu nennen, geschweige denn zu kommentieren. Allenfalls rät er hier und da behutsam zu einem etwas schmeichelhafteren Stil. Für den schlankeren Mann zum Beispiel empfiehlt er einen Anzugmit drei Knöpfen; und für den etwas rundlichen Mann einen Zweiknopfanzug. Der schlanke Mann kann durchaus eine Flatfront-Hose tragen, aber der rundliche wäre besser mit Bügelfalten beraten, da diese eine geräumigere Passform und mehr „Bewegungsfreiheit“ bieten. 

Der Mann mit schlechter Körperhaltung sollte am Einreiher festhalten und der Mann mit einem großzügig dimensionierten Hintern sollte Sakkos mit Doppelschlitz meiden. Männer mit rotem Haar sollten braune Anzüge tragen, aber stets im Auge behalten, dass braune Anzüge nie über weißen Hemden getragen werden sollten, sondern nur über blauen. Doch alles in allem gibt es für den Schneider keinen Zweifel daran, dass ein großartiger Anzugschnitt die herkömmlichen Regeln transzendieren kann. So ist allgemein bekannt, dass ein nicht allzu groß gewachsener Mann möglichst keine Zweireiher tragen sollte. Doch das zierliche Schneiderlein besitzt drei davon und ist überzeugt, dass sie ihn vortrefflich kleiden. 

Für die Fertigstellung eines Anzuges braucht de Paris drei Tage. Jeder Teil des Sakkos wird mit der Hand genäht. Das macht den Anzug geschmeidiger, gibt ihm eine bessere Kontrolle über seine Form. (Die meisten Schneider heutzutage geben ihre Anzüge in die Fabrik und lassen sie dort teilweise nähen oder verkleben, er aber nicht.) Er berechnet zwischen 2500 und 4500 Dollar für einen Anzug. Der Preis ist hauptsächlich von der Qualität des Materials abhängig. Ein gutes Tuch kann bis zu 300 Dollar pro Meter kosten. Und für die Fertigung eines zweiteiligen Anzuges für einen mittelgroßen Mann sind etwas mehr als dreieinhalb Meter notwendig. 

Schneider werden wollte der junge de Paris schon, als er elf Jahre alt war. Und er bestand darauf, dass der Schneider seines Vaters ihn in die Lehre nahm. Sein Vater war Richter in Marseille und Paris, und seine Familie war wohlhabend. De Paris erzählt gern die Geschichte, wie er als Junge während des Zweiten Weltkrieges der Widerstandsbewegung Nachrichten überbrachte. 1949, Georges war gerade 14 Jahre alt, wurde sein Vater ermordet. Mit einem Schuss mitten ins Gesicht und direkt vor seinen Augen, sagt er, von einem Mann, der sich für das Urteil gegen einen Verwandten in einem Raubfall rächen wollte. Nach seinem Militärdienst erhielt de Paris sein Schneiderdiplom in Paris und lernte später in München und London. 

Nach Amerika war der Franzose, ganz romantisch, einer Frau wegen gekommen. Das war im Frühling 1960, er war 25 Jahre alt. Er hatte eine Brieffreundschaft mit einem französisch-amerikanischen Mädchen begonnen, das er niemals getroffen hatte, das aber ein Foto von ihm in einer Zeitung gesehen hatte. Sie schickte ihm ein Foto von sich, auf dem sie seiner Meinung nach aussah wie Brigitte Bardot, und lud ihn zu sich nach Hause ein. Sie wohnte in Maryland. Als er ankam, musste er feststellen, dass die Dame nicht im Entferntesten wie Brigitte Bardot aussah: „Sie war eine hässliche Frau! Da! Schau dir an, was sie für einen Damenbart hatte!“ Als sie ihn nach drei Wochen vor die Entscheidung stellte, er solle sie entweder heiraten oderdas Haus verlassen, haute er kurz entschlossen ab. 

Nicht einmal den Notgroschen von 3000 Dollar, den er ihr zu treuen Händen anvertraut hatte, gab ihm die garstige Frau zurück. Und so stand der junge Franzose mittellos auf der Straße und sprach kaum ein Wort Englisch. Sechs Monate lang schlief er in Washington auf einer Parkbank, bis schließlich eine Frau Erbarmen mit ihm hatte, ihn ordentlich herausputzte und ihm einen Job beim Washingtoner Herrenbekleidungsgeschäft Bond besorgte. 

Als er nach einigen Monaten 400 Dollar gespart hatte, eröffnete er sein eigenes Schneidergeschäft. „Ich hatte keine Schere“, erzählt er, „ich schnitt dasMaterial mit dem Rasiermesser, keine Toilette, nichts. Ich schlief auf dem Fußboden, keine Nähmaschine. Ich arbeitete bis vier oder fünf Uhr in der Frühe, um mir selbst etwas aufzubauen.“ Und eines Tages kam Otto Passmann, Kongressabgeordneter aus Louisiana, in sein Geschäft und wurde Kunde. Und 1963 empfahl er ihn dem damaligen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson. Von da an ging’s bergauf. 

Als der Navy-Blazer, an dem der Präsidentenschneider die letzten Stunden während seiner Lebensbeichte gearbeitet hat, endlich aufgebügelt und fertig zur Anprobe ist, schlüpft er hinein, um zu sehen, wie er aussieht. Kritisch betrachtet er, was er im Spiegel sieht: Der Blazer reicht ihm fast bis zu den Knien. Er glättet die Seiten und dreht sich, um alles genau zu überprüfen. Sein weißes Haar glänzt unter den hellen Lichtern in der Anprobe. Endlich befindet er, dass der Blazer perfekt sitzt. „Fertig!“, sagt er zufrieden und zieht ihn aus. 

Familie hat der Schneider nicht. Deshalb arbeitet er unermüdlich die ganze Zeit. Meist kommt er morgens gegen neun ins Geschäft und bleibt oft bis elf abends, manchmal auch noch länger, wenn etwas Besonderes fertig zu machen ist. Am Nachmittag geht Monsieur Georges zum Mittagessen, am liebsten in den Old Ebbitt Grill, gleich um die Ecke. Er setzt sich an die Bar und bestellt etwas Leichtes, wie zum Beispiel den geräucherten Lachs mit Toast und Kapern. Nach dem Essen presst er den Saft aus den Zitronenscheiben auf seine Finger und reinigt damit seine Hände. Am Ende des Tages geht er nach Hause in sein Appartement in Foggy Bottom, wo er schon seit 42 Jahren wohnt und schläft dort ein paar Stunden. 

Der rüstige Franzose hat vor, diese Routine noch für ein weiteres Vierteljahrhundert durchzuhalten, bis er 95 ist. „Ich halte nichts von Pensionierung“, winkt er ab. 85 Prozent der Leute, die in Ruhestand gegangen sind, seien alsbald gestorben. Das sei ja auch kein Wunder, wenn man plötzlich nichts mehr zu tun habe. „Was um Himmels willen soll ein Mann wie ich denn im Ruhestand machen?“, fragt Monsieur Georges, „den ganzen Tag nur Däumchen drehen und aufs Klo gehen?“ 

Larissa MacFarquhar 

(originally published in The New Yorker) 

Georges de Paris 

650 14th Street, Washington, DC 

Tel. 0 01/2 02/7 37 21 34 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%