Archiv: SoiréeRoyale

Nur im Weißen Haus geht es glanzvoller zu: Der Debütantinnen-Ball im Pariser Hotel de Crillon rivalisiert mit den elegantesten Gesellschaftsabenden der Welt. 

Im Kalender der eleganten Welt ist dieser Ball das wichtigste Datum, da besteht bei Kennern der Materie kein Zweifel. Die nüchternen Analysten des amerikanischen Wirtschaftsmagazins „Forbes“, die unlängst ein Ranking der wirklich bedeutenden Partys ermittelten, stellten das Fest im Hotel de Crillon auf eine Stufe mit derFeier zur Amtseinführung des US-Präsidenten. Ihre Kriterien? Exklusivität natürlich, aber sie allein genügt noch lange nicht; großen Aufwand betreiben andere auch; und scharenweise Prominenz trifft man heute allenthalben. Im Vergleich mit dem „Inaugural Ball“ des Präsidenten liegt der Schlüssel: Diesen Tanz genießt das Staatsoberhaupt als Hauptperson. Ähnliches gilt für die zwei Dutzend Mädchen, die sich auf dem Bal des Débutantes offiziell der High Society vorstellen. Sie feiern den Abschluss einer Metamorphose, den ersten Auftritt als Frau. 

Das Ritual der gesellschaftlichen Einführung heiratsfähiger Töchter geht auf Großbritanniens König George III. zurück, der seit 1780 Bälle zu Ehren seiner Frau gab, auf dem die attraktivsten der weiblichen Adelssprösslinge Königin Charlotte vorgestellt wurden. Diese Institution hat sich in England bis ins 20. Jahrhundert gehalten, auch wenn das strenge Zeremoniell eine Exzentrikerin wie die Baroness und spätere Hitlerverehrerin Unity Mitford einmal dazu provozierte, lange vor den britischen Punks ihre Lieblingsratte in den Ballsaal mitzubringen. Als Edward VIII. 1936 den Thron bestieg, warteten nicht weniger als 600 Debütantinnen darauf, ihm präsentiert zu werden. Die Inflation der Debütantinnen bewegte Elizabeth II. schließlich zur Abschaffung des nach strengen Richtlinien im Thronsaal zelebrierten Ritus. 

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Großer Beliebtheit erfreut sich weiter das Debüt auf dem österreichischen Opernball, der erstmalig 1877 in der neuen Hof-Oper abgehalten worden war. Und auch in den Vereinigten Staaten hat sich der Aufmarsch der Töchter, den die Gründerväter auf der Mayflower importierten, wacker gehalten. Boston, New York, Chicago und Atlanta rühmen sich der ältesten Feste. Der Debütantinnenball ist einer jener Anachronismen, die auch die junge Generation faszinieren – weil sie zum Spiel mit einem historisch gewordenen Formkodex der Geschlechter reizen. 

Das Palasthotel an der Place de la Concorde verleiht dem Ereignis einen grandiosen Rahmen. Wie nur wenige andere Etablissements vereint das Crillon Historie, Stil, legendären Service und eine außergewöhnliche Küche. König Louis XV. hatte den Bau in Auftrag gegeben, 1788 erwarb ihn der Comte de Crillon. Die Residenz überstand die große Zeitenwende der französischen Revolution unbeschadet und ging 1907 in den Besitz der Société des Grands Magasins et des Hôtels du Louvre über, die sich das ehrgeizige Ziel setzte, daraus das beste und luxuriöste Hotel Frankreichs zu machen. Die Verwandlung gelang so vollendet, dass das Metropolitan Museum in New York eine exakte Kopie der schönsten Suite in ihre Sammlung aufnahm. 

Doch dabei ist keine Pracht von der Art entstanden, die einen vor Ehrfurcht erstarren lässt: Kaum betritt man das Innere, ist alles intim, kein Grandhotel-Ambiente, sondern eine Flucht von Salons mit rundlichen Sesseln und kleinen, königsblau gepolsterten Sofas, verschnörkelten Wandpanelen, verblichenen Spiegeln und fragilen Kristallleuchtern aus Muranoglas. Die Empfangsdame führt den Gast an der Bar vorbei zu einem Fahrstuhl, vor dem bereits eine hoch gewachsene Dame in Jogging-Outfit von einem Fuß auf den anderen tritt. Sie hebt den Arm vors Gesicht – zu spät. Bei der Sportlerin handelt es sich eindeutig um die Schauspielerin Andie MacDowell. „Oui, on fait de jolies rencontres chez nous“, sagt die Dame vom Empfang. Hübsche Begegnungen macht man hier. Schon am Nachmittag ist das Hotel für den Publikumsverkehr geschlossen. Japanische Fernsehteams schwärmen durch die Gänge, und in den hinteren Räumen des Parterres sind zwei Suiten für das Make-up und die Frisuren der Debütantinnen eingerichtet. 

Die 16– bis 19-jährigen Elfen sitzen in weißen Bademänteln geduldig beieinander und geben bereitwillig Auskunft über ihre Roben, die von internationalen Haute-Couture-Adressen für sie entworfen wurden. Vor zwei Tagen haben sie bei einem Cocktail ihre Kavaliere kennen gelernt, am Vorabend imBaccarat-Club die Designer getroffen, unter ihnen auch Größen wie Karl Lagerfeld und Christian Lacroix. Für die sympa-thisch unbefangene Griechin Laoura Lalaounis-Macropoulou beispielsweise hat Givenchy die Patenschaft übernommen. Weil ihre Eltern mit denen Augustas von Preußen bekannt sind, haben sie schon Freundschaft geschlossen. Diese Kontakte, erklärt Laoura, sind das Wichtigste am Ball. 

Einst diente das gesellschaftliche Debüt der vornehmen Töchter vor allem ihrer Präsentation auf dem Heiratsmarkt. Weil die meisten der Debs, wie sie kurz heißen, ihren Kavalieren in Paris zum ersten Mal begegnet sind, hat der Ball etwas von diesem erotischen Fluidum bewahrt. Die Mädchen nehmen das Datum erstaunlich ernst. Natapree Pichaironarongsongkram, die einzige Thailänderin unter den 23 geladenen Schönen, erklärt, dass sie mit 14 schon daheim in die Gesellschaft eingeführt wurde: „Sie können Paris als mein internationales Debüt bezeichnen“, fügt die Studentin der amerikanischen Cornell-Universität so gelassen hinzu, wie es ihrer Herkunft aus thailändischem Militäradel entspricht. 

Um halb neun ist es dann so weit: Der Portier ruft am Eingang der Empfangshalle die Namen der ankommenden Gäste aus. Der amerikanische Generalkonsul und seine Gattin gehören zu den Ersten, denn aus ihrem Land sind gleich fünf Debs dabei, neben Molly Flattery, der Enkelin Steve McQueens, und Rainsford Qualley, der Tochter Andie MacDowells, auch Ashley Bush, die Nichte des amtierenden US-Präsidenten. Auch ihre ältere Schwester Lauren glänzt unter den Gästen. Sie hat sich vor fünf Jahren im Crillon ins Licht der Öffentlichkeit getanzt. Nach den glamourösen Jobs in der Welt der Künste und der Medien steht den Mädchen hier der Sinn. Rainsford trainiert für eine Tanzkarriere. Ashley möchte ebenso Schauspielerin werden wie Yasmin Kerr, die aus einer britischen Rock-Familie stammt; ihre Eltern sind Jim Kerr von den „Simple Minds“ und Chrissie Hynde von den „Pretenders“. 

Andie MacDowell in schwerem, schwarzem Samt, wird von Fotografen umringt und wirkt doch, als wäre dieser Abend als Mutter einer erwachsenen Tochter für sie keine leichte Passage. Ein weiterer umschwärmter Gast ist Virginie Taittinger, deren Familie das Crillon kürzlich an die Richemont-Gruppe verkauft hat. Nur der Taittinger-Champagner, der in Strömen fließt, und der zuvorkommende Hotel-Service zeugen noch von dieser Tradition. 

Dean Martins „Everybody loves somebody“ kündigt das Defilé der Debs an, die am Arm ihrer blutjungen Begleiter durchs Restaurant paradieren. Der Saal wird zum Laufsteg, die jungen Frauen präsentieren sich selbst und die Entwürfe der Designerelite: Ginevra Doria, ganz in Pink, trägt Christian Lacroix, Ashley Bush einen blauglitzernden Slipdress von Ralph Lauren, Nadine Ghosn, Tochter des neuen Renault-Präsidenten Carlos Ghosn, steckt in einem mächtigen Vintage-Kleid von Jacques Heim. Allgemeines Raunen provoziert Camille de Dampierre, die ihren Nixenkörper in einem Glitterkleid von Donatella Versace mit extratiefem Rückendekolleté windet. Auch Marie de Menthon gewinnt durch ihre Robe, die Karl Lagerfeld für Chanel mit einer für das Haus ungewöhnlichen, aber sehr wirkungsvollen Ballonrocketage in Shocking Pink versehen hat. 

Marie eröffnet denn auch den Tanz zu Kaiserwalzerklängen. Das Parkett ist schnell gefüllt, und im Gedränge fallen die eher unsicheren Tanzschritte mancher Paare glücklicherweise nicht so sehr auf. Die Kavaliere ziehen sich bald in einen der Salons zurück, wo Erfrischungen gereicht werden – ein wohlbekanntes Bild auch von weniger spektakulären Teenagertänzen. Viele der Debs hinken derweil diskret auf ihren schmerzenden Stilettos zum nächsten Sofa. Die Stars des Abends haben sich wacker geschlagen. Nach und nach verschwinden sie auf die Zimmer und kehren in Jeans und schwarzem Top zurück, darauf bedacht, den jungen Männern ihre wahre Figur in hautengen Hosen zu zeigen. Das nächste Ziel für die Nacht ist die Discothek „Cabaret“. Dort werden die Debs und ihre Kavaliere ohne erzieherische Aufsicht ihr eigentliches Coming-out begehen, über ihre Schleppen lachen, auf die ständig irgendwer getreten ist, und sich nach einem langen, eines Supermodels würdigen Arbeitstags mit Interviews, Anproben, Make-up-Marathon und Fotoshootings vielleicht tatsächlich verlieben. 

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