Sommerreise Heinrich v. Pierer über Deutschland und seine Nachbarn

Archiv: Sommerreise Heinrich v. Pierer über Deutschland und seine Nachbarn

Sommerzeit ist Reisezeit. Viele Bürger zieht es in andere Länder. Da liegt es nahe, Vergleiche zum eigenen Land zu ziehen, auch ökonomische. Maßgebliche volkswirtschaftliche Kennziffern stellen Deutschland im europäischen Vergleich leider derzeit kein so gutes Zeugnis aus. Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote, Budgetdefizit fallen bei uns sehr viel ungünstiger aus als in anderen Ländernder Europäischen Union. Schlusslicht in Europa, das ist eine ungewohnte und unbefriedigende Situation für unser Land. Und wegen der Größe der deutschen Wirtschaft ist diese schlechte wirtschaftliche Lage auch ein Bleigewicht für den Euro-Raum und die gesamte EU. 

Sommerzeit, das ist in diesem Jahr zugleich Wahlkampfzeit. Da ist die Frage von Interesse, wie Konzepte für die Zeit nach der Wahl aussehen. Die Wahlprogramme der Parteien sagen dazu manches. Auch die Erfahrungen mit der Regierungspolitik auf der Bundes- und Landesebene zeigen einiges und haben das Glaubwürdigkeitsplus, nicht nur auf dem Papier zu stehen. Vielmehr weiß man konkret, was gemacht worden ist, kennt die Ergebnisse und stellt beträchtliche Unterschiede etwa zwischen einzelnen Bundesländern fest. 

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Anregungen für die Agenda der künftigen Bundesregierung kann aber auch noch eine dritte Quelle geben, nämlich der Blick auf unsere Nachbarländer, im Norden startend mit Dänemark, dann Polen, Tschechien, Österreich, Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Alle diese Länder dürften 2005 beim Wirtschaftswachstum vor Deutschland liegen. Sie erledigen ihre Standortaufgaben per saldo offensichtlich besser, als das bei uns derzeit gelingt. Warum also nicht einmal genauer hinsehen, womit sich unsere Nachbarn positiv hervortun? 

Reisen wir also nach Dänemark. Das Land sticht hervor mit deutlich niedrigerer Arbeitslosigkeit, einem anerkannt hochwertigen Ausbildungssystem und einer unbürokratischen Verwaltung. Ein Beleg dafür sind außerordentlich zügige Genehmigungsverfahren. 

Die beiden nächsten Reisestationen Polen und Tschechien sind gute Beispiele erfolgreichen System- und Strukturwandels: Getrieben von Motivation und Ehrgeiz der Menschen werfen diese Länder ihre Standortvorteile in die Waagschale: Zum einen ein niedriges Kostenniveau, zum anderen aber auch Flexibilität und Leistungsbereitschaft der Menschen, verbunden mit allen Vorteilen guter Ausbildung und – vor allem in Tschechien – bewährter Fertigungskompetenz im industriellen Sektor. 

Der Lerneffekt für uns: In Flexibilität und Motivation müssen wir aufholen, vor allem aber die Komplementarität zwischen dem Standort Deutschland und diesen Nachbarländern voll nutzen. 

Dann Österreich: Bei den Unternehmenssteuern hat man dort das getan, was wir noch nicht geschafft haben: das System überschaubar und leistungsfreundlich gemacht. Damit wurde der Standort attraktiv zum Bleiben – und zum Kommen. Das Ergebnis ist relativ hohe Resistenz gegen Abwanderung, obwohl Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien als unmittelbare Nachbarn locken. Ein zweiter Effekt sind Unternehmensgründungen und Direktinvestitionen sowie relativ niedrige Arbeitslosigkeit. 

Weiter geht’s in die Schweiz. Trotz gelegentlicher Selbstzweifel der Schweizer kann sich das Land die Sonderrolle außerhalb von EU und Euro-Raum wohl leisten. Ein Anschauungsbeispiel ist die Schweiz aber eher bei ihrem Sozialsystem, vor allem im Gesundheitsbereich und bei der Alterssicherung. Da bieten Eigenvorsorge und Mehrsäulenmodell bei Weitem mehr Nachhaltigkeit als unser gesetzliches System der Kranken- und Rentenversicherung. Daran zeigt sich, dass die Absicherung der so genannten Lebensrisiken Krankheit und Alter bei gleichzeitiger Sicherung eines hohen Lebensstandards für die Bevölkerung gelingen kann. 

Frankreich ist uns fremd und vertraut zugleich. Die Industriepolitik ist manchem hier zu Lande suspekt. Erfolge und Fehlschläge sind allgemein bekannt. Man kann darüber Glaubenskriege führen. Tatsache ist: Der französische Staat bleibt bestrebt, Innovationen mit Nachdruck zu fördern und Industriecluster gezielt zu entwickeln. Staat und Unternehmen arbeiten in enger Partnerschaft daran, französische und gegebenenfalls europäische Schwergewichte an den Weltmärkten zu etablieren – auch mit dem Motiv, die technologische Eigenständigkeit gegenüber Amerika und Asien zu wahren. Und Frankreich ist noch in einem ganz anderen Punkt einen Blick wert: bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Betreuung von Kleinkindern und einer ausgeglichenen demografischen Struktur der Bevölkerung. 

Letzte Station, die Benelux-Länder. Jedes steht für andere Erfolge: Belgien nicht nur als politisches Zentrum der EU, sondern inzwischen auch zunehmend für Reformpolitik. Luxemburg für Finanzdienstleistungen. Und die Niederlande in besonderer Weise für Freihandel und eine führende Stellung im Öl-, Gas- und Offshore-Geschäft. 

Einen Königsweg oder Masterplan liefert uns die Reise zu unseren europäischen Nachbarn zwar nicht. Aber man kann von den Besten lernen, Best practice sharing betreiben. Das empfiehlt sich nicht nur für Unternehmen, sondern auch auf der staatlichen Ebene. Und es gibt noch eine Erkenntnis: Keines der Länder in unserem Umfeld hat im vergangenen Jahrzehnt per saldo Arbeitsplätze verloren. Nur bei uns ist diese Bilanz negativ. 

Die Lehre daraus: Was anderen in Europa gelingt, muss auch uns möglich sein. Denn was die Substanz unseres Landes angeht, müssen wir den Vergleich mit unseren Nachbarländern ganz sicher nicht scheuen. 

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