Archiv: Später zahlen

Kai Peter Rath über die neue deutsche Zufriedenheit 

Es ist so schön beruhigend, wenn alles gut läuft. Die Deutschen kaufen wieder mit Lust ein, neue Jobs entstehen – war da was von Krise? Schon erstaunlich zu vergleichen, wie unterschiedlich Spitzenleute in der Wirtschaft und Spitzenleute in der Politik mit den Momenten der Seligkeit umgehen. Als Allianz-Chef Michael Diekmann im Spätsommer einen der höchsten Quartalsgewinne in der Geschichte des Versicherungskonzerns melden durfte, kündigte er zugleich ein millionenschweres und höchst umstrittenes Sparprogramm an. Er wollte die guten Zeiten nutzen, um sich für die schlechten zu wappnen. Die „Alternative, abwarten und erst dann reagieren, wenn das Unternehmen massiv unter Druck steht“, so Diekmann, sei „für die Betroffenen weitaus härter“. Als Kanzlerin Angela Merkel und Arbeitsminister Franz Müntefering den Rutsch der Arbeitslosenzahl unter vier Millionen feiern durften, verschoben sie eilig die geplanten Gespräche zur Reform des Arbeitsmarkts (siehe Seite 30). Den Frieden zwischen den Koalitionsparteien wieder herzustellen ist offenbar dringlicher als die Stärkung des Standorts. 

So wie es aussieht, verlieren Politiker in guten Zeiten die Erfordernis aus den Augen, ihr Land für schlechte zu wappnen. Das kann man ihnen kaum vorwerfen; so wollen es nach allem Anschein die Wähler, so ist das Volk. Wenn Diekmanns Sparpaket den Wegfall von 7500 Arbeitsplätzen bei der Allianz bedeutet, gilt er als hartherziger kapitalistischer Buhmann – eine Rolle, die in der Politik niemand spielen darf, der in voraussichtlich drei Jahren wiedergewählt (Merkel) oder neu gewählt (Kurt Beck) werden will. 

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Folgerichtig ist kaum jemand in Berlin gewillt, nach dem Vorbild der Unternehmen die Gunst der Stunde aus 2,8 Prozent Wachstum im aktuellen Quartal gegenüber dem Vorjahr und 350 000 neuen Stellen in den vergangenen zwölf Monaten für weitere Reformen zu nutzen. Für Reformen, die sicher lästig wären, die aber den Boden bereiteten für das Entstehen weiterer Jobs. Oder zumindest für den längeren Erhalt der soeben hinzugewonnenen. Dass dies der richtige Weg ist, belegt gerade der aktuelle zarte Aufschwung. 

Zum Innehalten und Genießen des Augenblicks besteht kein Anlass. Sicher, eine Reihe von Branchen leidet inzwischen darunter, keine Facharbeiter mehr zu finden. Aber auf der anderen Seite ist die offizielle Zahl von weniger als vier Millionen Arbeitslosen nur ein Teil der Wahrheit, in der Fortbildung und im Frühruhestand sind viele weitere Menschen geparkt, sodass sie aus der offiziellen Statistik fallen. 

Rechnet man diese Menschen hinzu, kommen je nach Datenquelle eher fünf Millionen oder noch mehr Arbeitslose heraus. Jedenfalls zu viele, um sich in neuer Zufriedenheit von den Problemen abzuwenden. 

Zumal der internationale Wettbewerbsdruck auf die Unternehmen und Standorte seine volle Wucht noch lange nicht erreicht hat. Er hat gerade erst begonnen. 

Es nützt nichts, die Anstrengungen für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit müssen weitergehen, gerade in guten Zeiten. Sobald die Konjunktur wieder abflaut, wird der Schock sonst besonders hart. Flexiblere Arbeitsmärkte, bessere Bildung, schlankere Sozialsysteme – die Rezepte kann inzwischen jeder mitleiern, auch wenn es keiner hören mag. 

Hört das denn nie auf, fragt sich da mancher entnervt. Darf eine Gesellschaft, darf eine Volkswirtschaft selbst dann nicht kurz verschnaufen, wenn die Früchte der vorherigen Reformen greifbar werden? Lohnzuwächse einmal oberhalb der kalten Produktivitätskennziffern, so wie es die Gewerkschaften jetzt fordern? 

Klar darf eine Volkswirtschaft das. Wenn sie bereit ist, den Preis dafür später mit Zinseszins am Arbeitsmarkt zu zahlen. 

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