Archiv: Sphinx von Singapur

Die Multiunternehmerin Christina Ong, eine der reichsten Frauen Asiens, ist unnahbar. Es gibt weder Fotos noch eine Biografie – nicht einmal Gerüchte. 

„Namasté“ – ich verneige mich vor dir. Mit dem Yoga-Gruß reiht sich die elegante Asiatin unauffällig ein in die kleine Gruppe, die im Tropenparadies Bali um 11 Uhr einen fünfstündigen Workshop vor sich hat. Ihr Blick wandert vom weiträumigen Pavillon im Tal auf die sattgrünen Reisfelder, Palmen und Hibiskus-Sträucher. „Wo ist Melissa?“, fragt Yoga-Lehrer Ramanand Patel leise, und sie lächelt. Die Tochter schläft noch. „Wir sind gestern erst sehr spät angekommen.“ Dann folgt sie andächtig seinen ruhigen Kommandos und Erklärungen, praktiziert hingebungsvoll und ein wenig weltvergessen vertrackte Dehn-Manöver und Asana-Körperhaltungen. 

Mich trifft fast der Schlag, als die Frau, von der hier alles, aber auch alles abhängt, in der ersten Pause unvermittelt fragt, ob sie bei der Atem-Übung meine Partnerin sein darf. Im Klartext heißt das: Christina Ong, die Sphinx von Singapur, die superreiche, wenn nicht reichste Frau Asiens, die Journalisten meidet, wo immer sie kann, erkundigt sich höflich, ob ich mich auf ihren Bauch setzen möchte. Also lasse ich mich vorsichtig auf ihrem beneidenswert flachen Abdomen nieder, und sie holt Luft, wie es Patel vorgibt. Tief und ruhig, ein und aus. Dann wechseln wir. Mein Kompliment über ihr Leichtgewicht erntet nur verlegenes Lächeln. 

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Körperliche Annäherung an eine Unnahbare. Christina Ong privat zu Gesicht bekommen, ist ungefähr so leicht, wie mit Queen Elizabeth Tee zu trinken. Wer nicht zu den Top 100 der Forbes-Liste von Superreichen gehört oder wenigstens als Star der Modeszene gilt, den nimmt sie kaum wahr. Die einzige, wenn auch recht geringe Chance besteht darin, sich in einem ihrer elitären Yoga-Kurse einzukaufen oder wenigstens zum richtigen Zeitpunkt in einem ihrer ebenso exklusiven Hotels zu wohnen – am besten beides. Und nicht vergessen, nett mit dem Personal plaudern! Ongs engste Mitarbeiter verschweigen ihre Termine wie ein Staatsgeheimnis. Nur die scheinbar Kleinen, die alles bis zu ihrer anspruchsvollen Zufriedenheit akribisch vorbereiten, wissen oft nicht, was sie Wichtiges wissen. 

Erst Stunden vor ihrer Ankunft wurde die bevorzugte Suite 26 im Uma-Ubud-Resort, das dieser ebenso abweisenden wie erfolgreichen Geschäftsfrau gehört, nach ihren persönlichen Blumenwünschen dekoriert. Das Signal war schwach, aber eindeutig zu empfangen: Die geheimnisvolle Schöne aus dem südostasiatischen Stadtstaat Singapur wird sich morgen früh beim „Yoga & Sound Retreat“ unter das halbe Dutzend Gäste mischen und während der Lektion so tun, als gehöre sie einfach als Mrs. Anyway nur so dazu. 

Das ist ihr Markenzeichen. Bescheiden und fast schon gemeinnützig schichtet Frau Ong auch die Matten der anderen um, rollt Bänder aus und faltet Decken, läuft zur Auflockerung im Kreis, summt mit Sound-Meister Mukesh Desai leise Mantras. Eher schüchtern amüsiert reagiert sie auf Scherze von Yoga-Guru Patel, der zu ihren Lieblingslehrern gehört und es witzig findet, das Programm mit deutschen Vokabeln wie „genau“ und „richtig“ aufzulockern. Sie lacht, sagt aber selbst kein einziges Wort. Wer es nicht weiß, würde nie auf die Idee kommen, dass ihr der gesamte Laden hier gehört und sie die beiden indischen Koryphäen extra für diesen exklusiven Workshop aus San Francisco einfliegen ließ. 

Nach den ersten drei Stunden, die sie trotz ziemlich anstrengender Übungen fast ohne einen einzigen Schweißtropfen absolviert, verabschiedet sich Christina Ong nett von den beiden Meistern, nickt dem Australier Don, der ihr in Singapur private Yogastunden gibt, direkt und uns anderen eher symbolisch zu, dann entschwindet sie in ihre Lieblingsvilla. Wenig später taucht sie Arm in Arm mit Tochter Melissa an der Bar auf, wo frische Fruchtsäfte und Ginseng-Tee serviert werden. Beide wirken vertraut, eher wie gute Freundinnen, die eben auch die gleiche Handtaschenmarke Bottega Veneta bevorzugen, Mama in schlichtem Beige, Melissa in Orange. Christina Ong sieht makellos gepflegt aus mit dem flotten schwarzen Bob, den ihr Londoner Frisör stylt. Die 1,70 Meter große Singapur-Chinesin trägt eine sportliche Bulgari-Uhr, schlichte Perlenohrringe und flache Ballerinas. Naturgebräunt und supergeschmeidig wirkt sie erheblich jünger als 58 Jahre. 

Mit dem Management vom Uma Hotel besprechen die Damen Ong die Hochzeit von Melissa, die auch in der Firma arbeitet. Ihre Vermählung soll hier oder in einem der anderen Bali-Resorts stattfinden, die Christina oder ihrem Mann Ong Beng Seng gehören. Qual der Wahl. Papa Ong, in Singapur nur kurz BS genannt, besitzt neben mehreren Firmen und Hotels im heimatlichen Stadtstaat das Four Seasons am Bali-Strand von Jimbaran und das gleichnamige Haus in den Sayan-Reisterrassen bei Ubud sowie das Hard Rock Hotel in der Touristenmeile Kuta. Mutter Ong kann zur Unterbringung der Hochzeitsparty exklusive Boutique-Herbergen bereitstellen – das Uma Ubud und das Como Shambhala Estate. Dabei handelt es sich um das von Prominenten geschätzte und mit Preisen überhäufte Begawan Giri im Norden von Ubud, das sie dem britischen Juwelier Bradley Gardner und seiner Frau abkaufte und vor zwei Jahren in ihr Imperium, die Como Hotels and Resorts, integrierte. 

Wahrscheinlich hat sie den innerfamiliären Hotelwettstreit gewonnen. Sichtbar entspannt plant Christina Ong mit Generalmanager Harry Apostolides, der ihre beiden Bali-Besitztümer betreut, das Programm. Nicht zu viele Stufen möge man bitte den Gästen zumuten und den herrlichen Sonnenuntergang unbedingt einplanen. 18.30 Uhr oder ist es dann schon zu dunkel? Sollten wir Musik zum Dinner spielen? Balinesische? Ong gilt als Perfektionistin, die nichts dem Zufall überlässt, die in ihren Häusern jeden Koch und jede Masseurin persönlich testet, mit Architekten und Innenausstattern jedes Detail bespricht und selbst die Auswahl der Servietten absegnet. 

Der Yoga-Kurs ist dafür zunächst abgehakt. Die Ongs und Apostolides fahren mit Hotel-Jeeps ins rund 20 Minuten entfernte Como Shambhala Estate at Begawan Giri, das Frau Ong trotz dessen ohnehin schon hoher Reputation und seiner anerkannten Exklusivität derzeit aufwendig nach ihren Vorstellungen ummodelt. Die Innenausstattung wird sehr „naturell“, statt balinesisches Dunkel beruhigendes Hell. Drei Villen kommen hinzu, ein zentraler Swimmingpool und noch mehr Spas. Sie hat den Gym neu gestaltet, Sportkurse im Dschungel eingeführt, einen Raum für Pilates, Tai-Chi und natürlich für ihre Passion Yoga eingerichtet. Im Restaurant wird bereits nach Ongs Geschmack gekocht, es gibt viel Gemüse, Fisch und noch mehr Tofu, alles organisch natürlich. Dazu jede Menge Wasser. „Wir verfügen zwar über eine Weinkarte, ermutigen aber unsere Gäste nicht, Alkohol zu trinken“, so Manager Apostolides diplomatisch, „Christinas Traum ist der Destination-Spa: Man kommt zu uns, um sein Leben bewusst zu ändern.“ 

Alles Yoga also. Mit fast schon missionarischem Eifer verbreitet Christina Ong dieses älteste Fitness-Training der Welt. Kauft sie ein neues Hotel, werden Pavillons und Studios für diese meditative Form der Körperertüchtigung errichtet. Sie ist sehr gesundheitsbewusst, sagt ihr Trainer Don, hat Yoga in Singapur salonfähig gemacht und dort das erste Studio eröffnet. Ihr leitender Bali-Angestellter Apostolides ist voll der Bewunderung für seine Chefin. „Christina ist visionär, sie hat ein ungeheuer gutes Gespür für Trends und neben Geld auch Geschmack.“ 

So sah Frau Ong bereits vor mehr als drei Jahrzehnten voraus, dass die wohlhabenden Singapurer Gefallen finden würden an westlichem Schick. 1972 gründete sie den Luxus-Modekonzern Club 21, der internationale Designer-Labels wie Armani, Issey Miyake, Jil Sander und DKNY im heute reichen Stadtstadt verkauft. Ihr gehören Luxus-Boutiquen in Malaysia, Hongkong, Thailand, Taiwan und Australien. Legendär ist Christinas Einkaufstour in London, wo sie reihenweise teure Läden in bester Lage kaufte und zur „Königin der Bond Street“ aufstieg. Von einigen Nobelobjekten in der britischen Metropole musste sie sich nach der Asien-Finanzkrise 1998 zwar trennen, aber ihre Besitztümer sind noch immer so märchenhaft wie ihre Geschichte. 

Die schöne Tochter des reichen Singapur-Tyccons Peter Fu heiratet vor 34 Jahren den begehrten und temperamentvollen singapurischen Immobilien-Mogul Ong Beng Seng. Zu ihren gemeinsamen Bekannten gehört Prominenz aus der ganzen Welt. Die Stardesignerin Donna Karan und Prinz Walid ibn Talal al Saud aus Saudi-Arabien zählen zu den engsten Freunden. Christina, die anfangs lediglich als Gattin des Millionärs BS Beachtung fand, verfolgte eher unspektakulär ihre eigene Karriere und interessiert sich neben dem Modebetrieb zunehmend für Hotels. Zuerst waren es Objekte, die ihr heute 60-jähriger Ehemann kaufte und umbauen ließ. Für ihn war die Ehe offenbar ein großer Glücksgriff. „Meine Frau ist immer noch die größte Antriebskraft“, vertraute er einer Freundin an, „im ersten Jahrzehnt inspirierte sie mich, im zweiten spornte sie mich an, jetzt fordert sie mich heraus.“ 

Was außer ihm kaum einer weiß: Christina Ong ist heute eine der erfolgreichsten und kreativsten Hotelbesitzerinnen der Welt. Vor 15 Jahren erwarb sie ihr erstes Hotel, die exklusive Londoner Boutique-Herberge Halkin im Aristokratenviertel Belgravia. Ihm folgten die hippen Stadthotels Metropolitan in London sowie das Metropolitan Bangkok, wo das Personal in Armani-Kostümen und Anzügen zuweilen schicker daherkommt als ein Teil ihrer Kundschaft. Auf der 2,6 Quadratkilometer großen karibischen Insel Parrot Cay startete Mrs. Ong ihre Resort-Karriere. Tochter Melissa hatte dieses Eiland der Turks-and-Caicos-Gruppe in der damals wenig erschlossenen Nordkaribik mit einer potthässlichen Hotel-Bauruine während eines Tauchurlaubs entdeckt. BS kaufte auf ihren Rat die gesamte Insel, hatte dann aber Zweifel. 

Christina jedoch war begeistert, übernahm Objekt und Projekt, an dem sie drei Jahre arbeitete, um aus einem monströsen Rohbau das angesagteste Hang-out mit Postkartenblick zu machen, wo eine Silvesterparty fast schon den Prestigewert einer Oscar-Verleihung annehmen kann. Julia Roberts, Harrison Ford, Bruce Willis, Sylvester Stallone und Kate Moss sollen dieses „exklusivste Hotel“ der Welt ebenso schätzen wie Donna Karan, weil es ein Angebot ist, „in unprätentiöser Atmosphäre tiefer und bewusster zu leben“. Hier verwirklichte Chris, wie sie von Freunden genannt wird, erstmals ihren Traum: ein Shambhala-Yogazentrum mit hochkarätigen Lehrern, gesunder Küche, einem breiten Sport-Entspannungsangebot und der von ihr entworfenen Yoga-Kollektion. 

Mit dem gleichen Konzept gestaltete sie Cocoa Island auf den Malediven und das Uma Ubud in Bali sowie das Uma Paro in Bhutan. Mit dem Luxus-Resort am Himalaja landete Ong einen weiteren Coup. Sie wurde vom König auserwählt, als erster ausländischer Investor überhaupt ein Hotel in seinem Reich errichten zu dürfen. „Hier kommen ihr Stil und ihre Gelassenheit voll zum Tragen“, lobt Anthony Lassman, Herausgeber des Luxusreiseführers „Nota Bene“, „sie liebt aufrichtig, was sie tut.“ 

In ihrer Heimat Singapur wie in ihrer Lieblingsstadt London gilt Frau Ong als Benchmark, als Stil-Ikone, die sich nur leider äußerst selten öffentlich sehen lässt und noch weniger von sich preisgibt. Christina Ong legt großen Wert auf Privatsphäre. Es gibt weder Fotos noch eine offizielle Biografie. In ihrer Heimat nennt man sie denn auch die „Sphinx von Singapur“. Als „Greta Garbo der Mode“ und die „unsichtbare Ong“ umschreiben sie Medien, als „kalt und unnahbar“ oder auch als „redselig wie ein Trappistenmönch“. 

Celine Tan, Kommunikationsmanagerin der Designer-Kette Club 21, sagt, ihre Chefin wolle lieber über ihre Arbeit, ihre Unternehmen, ihre Mode und ihre Hotels definiert werden als über private Prominenz. „Mrs. Ong möchte im Hintergrund bleiben.“ Wie ihr Ehemann spricht sie weder mit Journalisten noch mit Analysten. Keiner weiß folglich, an welchen Unternehmen die beiden global beteiligt sind, wie viel das Paar wirklich „wert“ ist. Seit 1993 schon schottet sich Christina Ong fast komplett ab. Sie gab lediglich vor vier Jahren wegen ihres geschäftlichen Engagements in London ein einziges Interview. Und dann nie wieder. 

Journalisten von der Wirtschaftszeitung „The Business Times“ in Singapur vermuten, dass üble Skandalgeschichten über ihren Mann zu dieser totalen Verweigerung geführt haben. Man hatte der Unternehmerin in Klatschmagazinen geraten, Herrn Ong in anrüchigen Nachtclubs zu suchen, manche hatten ihm gar Aids angedichtet. Die stolze Ong muss dieses Gerede derart gegen die Medien aufgebracht haben, dass sie eiskalt wird, wann immer Journalisten ihr Leben kreuzen – egal, ob berechtigt oder nicht. Darum ist es wohl auch ganz gut, wenn sie nicht weiß, wer beim Yoga in Bali auf ihrem Bauch saß. 

Angela Köhler 

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