Archiv: Spiegel vorhalten

Stefan Baron über ein Orakel und eine neue Kolumne 

Politiker (und politische Kommentatoren) können nur erfolgreich sein, wenn sie es mit Martin Luther halten und „dem Volk aufs Maul schauen“. Das heißt allerdings mehr als die Bürger durch Demoskopen befragen zu lassen. Der für viele völlig überraschende Ausgang der jüngsten Bundestagswahlen legt dafür beredtes Zeugnis ab. 

Wer wissen will, wie die Menschen wählen, und warum sie wählen, wie sie wählen, muss ihnen persönlich nahe sein, ihre ganz alltäglichen Hoffnungen und Wünsche, Sorgen und Probleme kennen, kurz: sie wirklich verstehen. 

Anzeige

Das ist gewiss leichter gesagt als getan – für Politiker wie auch für politische Kommentatoren. Meistens bleibt es daher am Ende doch bei der zweitbesten Lösung, der Demoskopie. 

Doch es gibt noch einen anderen Weg: Regelmäßige und längere Besuche in der pfälzischen Ortsgemeinde Niedermohr (Postleitzahl: 66879). Dort, etwa 20 Kilometer westlich von Kaiserslautern, zeigt sich die deutsche Volksseele so typisch wie sonst nirgendwo im Lande. Dreimal in Folge – 1998, 2002 und 2005 – hat die 1500-Einwohner-Gemeinde bei Bundestagswahlen nun schon genauso gewählt wie ganz Deutschland: Von allen Wahlkreisen kam das Ergebnis von Niedermohr dem amtlichen Endergebnis für die gesamte Republik jeweils am nächsten. 

Ein solcher Ort müsste eigentlich ein Mekka für Sozialforscher sein. Dennoch blieb Niedermohr bisher seltsamerweise nahezu gänzlich unerforscht. Bis auf ein Kurzporträt im regionalen Fernsehsender SWR, einen Blitzbesuch der Tagesschau am Montag nach dem jüngsten Wahlsonntag und einige wenige Artikel in der Presse ging die öffentliche Aufmerksamkeit des Landes an der westpfälzischen Mustergemeinde schnöde und schnell vorbei. Von wissenschaftlicher Neugier ganz zu schweigen. 

Das ist mehr als schade. Denn Niedermohr hätte das Zeug zum deutschen „Middletown“ – dem Ort Muncie, im amerikanischen Bundesstaat Indiana, den das Forscher-Ehepaar Robert Staughton Lynd und Helen Merrell Lynd mit ihren beiden Klassikern „Middletown“ (1929) und „Middletown in Transition“ (1937) nicht nur unter Soziologen weltberühmt gemacht hat. 

Es wäre zu wünschen, dass sich die Gesellschaftsforschung hier zu Lande an den Lynds und an Muncie, Indiana, ein Beispiel nähme und Niedermohr als Polit-Barometer und gesellschaftlichen Mikrokosmos der Republik systematisch erforschte. Bis heute reisen Vertreter amerikanischer Nachrichten- und Werbeagenturen sowie Meinungsforscher regelmäßig in den Mittleren Westen, um in Middletown Muncie zu erfahren, woher in den USA der Wind weht und wohin das Land geht. Bis heute haben die Bürger des Ortes den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten fast immer korrekt vorhergesagt. 

Die WirtschaftsWoche macht mit der Titelgeschichte von Chefreporter Dieter Schnaas in dieser Ausgabe (Seite 24) schon einmal einen kleinen Anfang, aus Niedermohr in der Westpfalz das deutsche Middletown zu machen. Doch dabei wollen wir es nicht bewenden lassen. Statt Politiker und Demoskopen werden wir künftig stärker die Wähler in den Blick nehmen. Statt unser Korrespondentenbüro in der Hauptstadt Berlin zu verstärken, haben wir deshalb einen Korrespondenten für Niedermohr engagiert. 

Von Januar nächsten Jahres an wird Rolf Schmiedel, 47, studierter Politologe, praktizierender Journalist und seit Längerem in der Region ansässig, dem Wahlvolk in Niedermohr für uns und damit für Sie, liebe Leserinnen und Leser, gründlich „aufs Maul schauen“ und uns allen gemeinsam in einer neuen Kolumne („Nachrichten aus Niedermohr“) jeden Monat einmal den Spiegel vorhalten. 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%