Suchmaschinen Gefährliche Besserwisser

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Nach Google, Yahoo und Microsoft bringt jetzt auch T-Online Ordnung ins Datenchaos auf dem heimischen PC. 

Die Situation ist paradox: „Mittlerweile fällt es vielen Computernutzern leichter, eine wichtige Information im weltweiten Internet zu finden als eine alte Datei auf dem heimischen PC“, sagt Sergey Brin, Mitgründer der weltgrößten Suchmaschine Google im WirtschaftsWoche-Interview. „Dabei funktioniert unsere Suche im Prinzip auch auf jedem Einzelrechner.“ 

Das war im Herbst 2003. Heute ist klar, dass Brins Idee mehr war als ein Gedankenspiel: Vergangenen Oktober haben Brin und sein Mitstreiter Larry Page eine Kompaktversion von Googles Suchsoftware zum blitzschnellen Durchstöbern der PC-Festplatte vorgestellt. Wenig später zogen Konkurrenten wie Microsoft und Yahoo mit eigenen Suchdiensten für den Privatcomputer – Desktop-Suche genannt – nach. Auf der Cebit will nun auch der deutsche Internetprimus T-Online mit einem eigenen Suchassistenten für den PC an den Start gehen. 

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Seit die Festplatten selbst preiswertester Aldi-PCs Platz bieten für den Gesamtinhalt mehrbändiger Brockhaus-Ausgaben, mehrere Stunden TV-Programm und einige Millionen Pop-Songs oder digitale Urlaubsbilder, verliert auch so mancher an sich ordnungsliebende Computerbesitzer allzu leicht den Überblick über Bits und Bytes in seinem Rechenknecht. Mit Windows’ bordeigenen Mitteln, dem Datei-Explorer oder der Suchehilfe, nach Dateien zu fahnden, erfordert beim anhaltenden Blick auf die Sanduhr oft reichlich Geduld. Wer also wieder einmal vergeblich in den Tiefen seiner Festplatte nach der letzten Steuererklärung wühlt oder die Vorlage für einen Rundbrief nicht schon wieder neu schreiben will, dem kommt die jüngste Initiative von Google & Co. gerade recht. 

Doch das dringende Bedürfnis der Anwender nach Suchhilfe im digitalen Augiasstall kommt auch den Betreibern der großen Suchportale sehr gelegen. „Schließlich wollen Google und Yahoo möglichst nah an die Endkunden heran“, sagt Neil Macehiter, Research Director beim Marktforscher Ovum. Dabei helfen den Suchmaschinenbetreibern die persönlichen Suchassistenten, die ihnen nun auch verraten, was die PC-Nutzer nicht nur – wie bisher – im Web, sondern auf ihren Privatrechnern suchen. Mit diesem Wissen können sie, so das Kalkül, passend zur individuellen Suche die entsprechenden, thematisch verwandten Anzeigen und Verweise auf entsprechende Internetseiten – die so genannten „Sponsored Links“ – auf den Monitor bringen. Schließlich lassen sich die lukrativen Werbeinfos nicht nur im Internet-Browser, sondern auch in der Desktop-Suchmaschine augenfällig platzieren. Über die Desktop-Suche verlagere sich der Kampf um den Werbemarkt nun aus dem Web zumindest zum Teil auf den persönlichen PC. 

Es geht um viel Geld: Nach Berechnungen der Marktforscher von Jupiter Research erwirtschaften alle Portalbetreiber zusammen 2,1 Milliarden Dollar pro Jahr mit diesen bezahlten Links. Bis 2008 soll diese Sparte jährlich um 20 Prozent wachsen. 

Entsprechend dynamisch entwickelt sich das Angebot der PC-Sucher. Kurz nach Google starteten prominente Suchmaschinen wie Yahoo oder Ask Jeeves, und auch AOL plant ein eigenes Angebot. Weitere, weniger bekannte Anbieter wie Blinkx.com oder die Metasuchmaschine Copernic bieten ebenfalls individuelle Suchprogramme an. Microsoft schickt sein Web-Portal MSN vor, das ohnehin jüngst eine neue Suchfunktion integriert hat und damit Platzhirsch Google Konkurrenz machen will. Auch Apple wird im Nachfolger seines aktuellen Betriebssystems eine umfassende Desktop-Suche integrieren. „Dort gehört die Suche auch hin“, sagt Ovum-Experte Macehiter, „und nicht bloß ins Web.“ Allzu oft hätten Computeranwender Dateien mehrfach aus dem Internet geladen, weil sie die benötigten Informationen auf dem eigenen PC nicht mehr finden konnten. 

Allerdings: So praktisch die digitalen Besserwisser sind, sie haben eine potenziell gefährliche Kehrseite: So ist kaum einem Anwender bewusst, dass mancher Hersteller des Suchassistenten bei der persönlichen Recherche mitliest, wenn der Rechner ans Web angeschlossen ist. Nur dann nämlich lassen sich die thematisch passenden Anzeigen aus dem Netz laden und auf den Schirm bringen (siehe auch Spyware-Geschichte Seite 62). „Wir prüfen nur, welche Begriffe am häufigsten gesucht werden, speichern aber keine personenbezogenen Daten“, versichert Marcus Schreiner, der für MSN Deutschland verantwortlich ist. 

Für die Anbieter ist das eine riskante Gratwanderung. Denn der Erfolg ihrer Desktop-Suchprogramme hängt entscheidend von deren Glaubwürdigkeit ab. „Alle müssen extrem aufpassen, dass auch nicht der leiseste Verdacht entsteht, es würden private Daten gesammelt“, so Ovum-Forscher Macehiter. Denn sonst, das ist allen in der Branche klar, sucht sich der Nutzer ganz schnell einen neuen Suchdienst. 

Detlev Karg 

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