Archiv: Süß und ehrenvoll

Stefan Baron über Patriotismus und Weltwirtschaft 

Wenn einem Politiker gar nichts mehr einfällt, fällt ihm das Vaterland ein. Der Appell an den Patriotismus ist daher zu allen Zeiten ein Zeichen der Hilflosigkeit gewesen. Wer gute sachliche Argumente hat, braucht die Vaterlandsliebe nicht zu bemühen. 

Unsere Politiker haben offenbar keine guten Argumente, denn ihre Patriotismus-Appelle häufen sich. In Deutschland ist das umso erstaunlicher als Patriotismus seit den Nazis hier aus dem politischen Diskurs verbannt war. Die Not muss schon groß sein, wenn er jetzt wieder salonfähig wird. 

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Je länger die notwendigen Reformen auf sich warten lassen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland zu alter Stärke zurückführen und die Arbeitslosigkeit senken können, desto lauter erschallt die Klage über „vaterlandslose Gesellen“ an der Spitze deutscher Unternehmen, die nur noch im Ausland investierten und immer mehr Arbeitsplätze dorthin verlagerten. Vor allem tun sich dabei Sozialdemokraten hervor. Aus der internationalistischen SPD, einst selbst als vaterlandslos gescholten, ist eine in nationalen Kategorien denkende Partei geworden. Aus den einst in patriotischen Gesellschaften organisierten Unternehmensführern dagegen Anhänger des Internationalismus. Die Internationale der Unternehmer ist an die Stelle der Internationale der Arbeiter getreten. So ändern sich die Zeiten. 

Die patriotischen Appelle an die Adresse der Unternehmen sind heute so töricht und schädlich wie dazumal. In einer globalen Welt müssen Unternehmen multinational operieren – und können schon deswegen gar nicht patriotisch sein, also Opfer zum Wohle des Vaterlandes auf sich nehmen. 

Was ist denn das Vaterland eines Unternehmens, dessen Aktien international gestreut sind? So wie bei den 30 Dax-Unternehmen, von denen viele mehrheitlich schon Ausländern gehören wie etwa die Deutsche Bank, Siemens, BASF oder E.On. 

Was ist das Vaterland eines Unternehmens, dessen Mitarbeiter über die ganze Welt verteilt sind? So wie bei den meisten 30 Dax-Unternehmen, die schon heute mehr Beschäftigte außerhalb Deutschlands zählen als innerhalb: Adidas und Henkel rund 80 Prozent, TUI gut 70, SAP und Continental über 60 Prozent. Selbst von den Dax-Vorständen sind mehr als ein Fünftel bereits Ausländer. 

Was ist das Vaterland eines Unternehmens, das seine Erlöse zu einem guten Teil im Ausland macht? So wie 26 der 30 Dax-Unternehmen, bei denen mehr als die Hälfte von jenseits der Grenzen kommt. 

Was soll für solche Unternehmen patriotisches Verhalten denn eigentlich heißen? Wer soll sich hier wem gegenüber patriotisch verhalten? Wer für welches Vaterland Opfer bringen? Und aus welchem Grund? 

Die Chefs dieser Unternehmen sindfür alle Mitarbeiter und Aktionäre verantwortlich, nicht nur für die deutschen. Patriotische Appelle an sie sind unsinnig. Und unmoralisch. Denn selbst wenn sie wollten, dürften sie gar keine Opfer bringen – denn es geschähe mit dem Geld anderer Leute. 

Ein Unternehmen, das im internationalen Wettbewerb zurückfällt, ja womöglich Bankrott geht, weil es patriotische Opfer bringt, nutzt keinem Standort. Je lauter die Klagen über „vaterlandslose Gesellen“ werden, desto mehr werden sich die Angesprochenen von dem Land, zu dem sie sich bekennen sollen, emanzipieren wollen – was wiederum die Klagen über sie weiter anschwellen lässt: Ein Teufelskreis, der am Ende zum Gegenteil dessen führt, was ursprünglich bezweckt gewesen sein mag. 

Die Vorwürfe des mangelnden Patriotismus sind deshalb selbst unpatriotisch. Es ist nicht „süß und ehrenvoll“, fürs Vaterland zu sterben – für Unternehmen so wenig wie für Menschen. 

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