Archiv: Tal der Tüftler

Uhrmacher im Schweizer Jura ticken anders. Die Region und die Religion formten eine Psyche, aus der Wunderwerke der Präzision erwachsen. 

Der Schnee ist schuld. Und Johannes Calvin. Und natürlich die Schweizer Bergbauern. Sie sind es, ohne die es den Schweizer Käse nicht gäbe, die Schokolade nicht und auch nicht die Uhren. Schon gar nicht die Uhren. 

Die Uhrmacher vom Vallée de Joux und dem Val de Travers wissen um diese Umstände, auch um ihre eigene Besonderheit, um ihre Exklusivität. Sie stellen die weltweit besten Uhren her, und sie arbeiten in ein paar verlorenen Dörfern der französischen Schweiz, auf den Höhen des Jura, dort, wo der Schnee auch dann noch liegen bleibt, wenn unten am Genfer See schon längst Frühling ist. 

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Aus dieser rauen Einöde kommen die klingenden Namen, die in der Welt des Glamours aufhorchen lassen, Neid und Besitzerstolz hervorrufen, die Männer und Frauen gleichermaßen in ihren Bann schlagen: Namen wie Breguet, Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre oder Vacheron Constantin. Hinter den großen Namen verbergen sich Menschen, die in geduldigster Kleinarbeit Stück für Stück wahre Kostbarkeiten zusammenbauen: puristische kleine Wunderwerke der Mechanik, die keine Batterien benötigen, die kein Quarz, keinen Mikrochip in sich haben, sondern traditionelle Uhren, die nur dank ihres mechanischen Gangwerks laufen und ticken und manchmal sogar zarte Töne schlagen. 

Begonnen hatte die Geschichte mit den Uhren unten in Genf. Johannes Calvin, der überstrenge Genfer Reformator mit ausgeprägtem Arbeitsethos, verbot im 16. Jahrhundert das Tragen von Schmuck: zu frivol, zu weltlich, zu sehr von Gottes Idealen entfernt. Allenfalls Uhren durften gute Calvinisten am Leib tragen. Schließlich diente das Zeitablesen ja der Disziplin. 

Die Genfer Juweliere und Goldschmiede machten aus der Not bald eine Tugend. Das Uhrenhandwerk breitete sich im Jura schnell aus. Logisch. Wer hatte mehr Zeit für die präzise Tüftelarbeit als die Bergbauern während der langen, einsamen Wintermonate? Drinnen in ihren Bauernstuben saßen sie im Kerzenschein mit Feilen vor sich, Metallplättchen und Holzkistchen, kleinen Hämmern und Lupen und einem immer umfangreicher werdenden Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen. Sie konstruierten Standuhren, Wanduhren, solche für die Taschen und dann schließlich die praktischen, immer weiter geschrumpften Zeitmesser, die man sich ums Handgelenk binden konnte. Uhren bauen – das bedeutet für die Leute im Jura bis heute, der Tradition zu folgen, von den Alten zu lernen und Wissen weiterzugeben an die Jungen. 

In La Côte-aux-Fées sind sich die Menschen dieser Tradition bewusst. Keiner, der hier lebt und nicht direkt oder indirekt mit der Manufaktur zu tun hätte, um die sich alles am Ort dreht. Das Dorf hat rund 500 Einwohner und wird geprägt von einem Bau, auf dem in großen Lettern steht, was hier jeder kennt: Piaget. Schon die Großväter haben bei Piaget gearbeitet, auch die Urgroßväter und womöglich schon die Ururgroßväter, denn die Fabrik von Piaget steht hier bereits seit 132 Jahren. 

Unter dem Dach des stämmigen dreigeschossigen Gebäudes befindet sich ein Raum, in dem die Besten der Besten arbeiten. Das hier ist die Haute Horlogerie. Sechs Männer und eine Frau sitzen schweigend auf Drehstühlen an ihren Arbeitsplätzen, hoch konzentriert. Da ist zum Beispiel Fabienne Bausch. Sie veredelt eine Herrenarmbanduhr. Eine Woche lang setzt sie Diamant um Diamant auf das Stück aus Weißgold. Ende der Woche wird sie eine Uhr in der Hand halten, die eine Million Schweizer Franken wert ist, ein Meisterstück. Wie bei allen Uhren der hochkarätigen Firmen wird sich vieles von ihrer Schönheit nie zeigen. Jedes Element wird dekoriert, graviert, ziseliert, verkantet, auch wenn es danach im Innersten der Uhr liegt. 

Die junge Frau stammt aus dem Tal, kleine Brillanten zieren ihre Ohren, ein wenig Schmuck muss sein. Fabienne Bausch ist keine gelernte Uhrmacherin, hat nie eines der strengen Uhrmacherinternate besucht, in denen den jungen Menschen das Maß aller Dinge eingebläut wird, das ihr ganzes weiteres Leben beherrschen wird: der Hundertstel-Millimeter. Wer nicht versteht, dass bei den Uhrmachern die Realität nicht dehnbar ist wie bei vielen anderen Leuten, wer sich nicht auf diese Präzision einstellen kann oder will, der ist fehl am Platz und wird es nie schaffen. Uhrmacher sollen Präzision nicht nur mögen, sie müssen sich ihr hingeben, ganz aufgehen in der Welt des Kleinen. 

Fabienne Bauschs Begabung wurde im Werk schnell erkannt. Darauf ist sie stolz, natürlich. Sie sitzt jetzt oben, ganz oben. Dennoch hat sie nichts von der Bescheidenheit der Menschen im Jura verloren. Fast verschämt denkt sie manchmal darüber nach, wer ihre Uhren wohl tragen wird – ein reicher Geschäftsmann in Moskau vielleicht oder eine Dame in Dubai. Sie stellt sich dann auch das Handgelenk vor, an das sich diese Uhr dereinst schmiegen wird, schwer unter dem Gewicht der Steine, prunkend, mit Mondphasen, einer Gangreserve, ewigem Kalender und vielen Komplikationen. 

Gestern war Sonntag. Sonntags gehen die Männer des Tals angeln. Im tiefen Schnee sah man sie in grauen Plastikhosen, die Angelrute vor sich, auf die Forelle in dem klaren Bach hoffend und beobachtet von aufmerksamen Raben in den nackten Bäumen. Die Menschen hier brauchen die Ruhe. An den Wochentagen schweigen sie bei der Arbeit, in der Freizeit gehen sie ebenso still dem kontemplativsten aller Hobbys nach. Nicht so Bauschs Arbeitskollege Gérard Le Rouxel. Der Franzose mit den leuchtenden Augen verbringt seine Freizeit lieber mit antiken Uhrwerken, kauft hier ein kaputtes Stück, baut da ein Teil, schleift, putzt, zieht auf, die Wohnung ist voll damit. Für ihn ist klar: Verrückt muss man sein, um Uhrmacher werden zu können. Unendlich geduldig vor allem. Das Schöne aber ist, sagt er, dass alle hier so sind – ein Tal voller Ordnungsfanatiker. 

Das Präzisionsvirus fängt sich hier oben im Hochjura früher oder später jeder. Und wer infiziert ist, der will nicht mehr weg. Daran ändern nicht einmal die radikal gewandelten Betriebsstrukturen der Schweizer Uhrenindustrie etwas. Früher hatte jede Marke ihren Besitzer, den Patron, den im Dorf alle kannten und der in der großen Villa wohnte. Heute ist das anders, die meisten schweizerischen Uhrenhersteller sind nicht mehr eigenständig. Sie sind aufgekauft, gehören einer Gruppe an. 

Gut für die Uhrenindustrie, sagen die einen, weil alles professioneller geworden sei. Schlecht für die Uhrmacher, sagt einer in der einzigen Dorfkneipe: Es ist nicht mehr so wie damals, als es noch den Patron gab, als alles eine große Familie war. Was aber, wenn der Patron ein unangenehmer Zeitgenosse war? Ja, das konnte schlimm sein, aber man wusste wenigstens, wer über einem stand. Doch auch wenn die Zeiten vorangeschritten sind, wird ungeachtet der neuen Betriebsformen Wert darauf gelegt, dass der Manufakturcharakter erhalten bleibt. Nicht nur die Kunden, auch die Mitarbeiter wollen und brauchen die Identifikation mit der Marke. 

So ist es auch in Le Sentier, wo Vacheron Constantin produziert – einem größeren Ort am Lac de Joux, schon etwas näher an der Großstadt Genf. Dieser Hersteller hat ein anderes Profil als Piaget: weniger Schmuckuhren, mehr Komplikationen. In den modernen Bau kommt der Besucher nicht so einfach hinein. Schleusen schützen vor Fremden, Knöpfe müssen gedrückt werden, Gegensprechanlagen, alles ist so gesichert, als würden hier Uranbrennstäbe statt Uhren hergestellt. 

Doch hier liegen große Werte – materielle und ideelle –, die es zu sichern gilt: Jean-Pierre Kircher ist einer jener Uhrmacher, von denen Firmen träumen, ein Mann mit magischen Händen und einem geradezu obsessiven Streben nach Perfektion. Nur vier Uhren baut er im Jahr. Gelegentlich führt er auch ernsthafte Interessenten durchs Haus, Uhrenfanatiker aus Japan und Russland, Scheichs aus dem Nahen Osten und immer häufiger zahlungskräftige Chinesen. 

Das Verhältnis zu den Uhren ist für den Uhrmacher Kircher von höchst persönlicher, geradezu intimer Natur. Er baut die skelettierte Minutenrepetition. Es ist ein Traum von einer Uhr – von beiden Seiten einsichtig und auf das Nötigste reduziert. Aber was heißt schon das Nötigste bei einer Armbanduhr, die zu jeder viertel, halben und ganzen Stunde andere Töne erklingen lässt? Schrauben, so winzig, dass sie mit bloßem Auge nicht von einem Staubkorn zu unterscheiden sind, liegen in einer kleinen Schachtel. 

Seine Uhr besteht aus nahezu 600 Teilen, viele von ihnen sind verziert, Rubine sind eingelassen, verschiedene Metalle ergänzen einander. Kircher will sich ständig technisch weiter verbessern, mit jedem neuen Stück. Das ist sein Ansporn: immer noch ein wenig präziser, dort, wo schon alles so präzise ist. Man solle nicht glauben, so warnt er, dass man ein Teil aus einer Uhr bei einer anderen einfach einsetzen könnte. Dann funktioniert sie nicht. Eine Uhr sei immer ein Ganzes, zusammengesetzt aus kleinen Einzelnen, aber in sich ein Individuum. Keine seiner Uhren klingt wie die andere, jede hat ihre Seele, in der auch seine, Kirchers, Seele drin ist. Es gibt Uhren, die sind widerspenstig und fordern ihn heraus, andere gehen leicht von der Hand. 

Immerhin, drei Monate sitzt er an einem Stück. Morgens nimmt er das Staubtuch weg, holt die Uhr aus dem Tresor, bereitet die Utensilien vor. Ordentlich werden Schrauben, Räder und Pinzetten auf die Arbeitsplatte gelegt. Lange Stunden verbringt der Uhrenbauer an der Lupe, Stunden aber, die verfliegen, denn erst wenn auch die letzte Kante ganz sauber geschliffen ist, wenn jedes Rad sauber ins nächste greift, ist das Werk getan. 

Auch bei jenen, die angelernt wurden, vergehen die Stunden auf eine geradezu meditative Art. Nehmen wir den Angleur. Das ist eine Berufsbezeichnung, die es früher oft gab, heute ist sie eher selten. Ein junger Mann, der aussieht, als ob er nachts in der Großstadt Platten auflegen würde, sitzt an seiner Bank und poliert den Anker, ein kleines Stückchen Metall. Sieben Stunden benötigt er für das nur einen Zentimeter große Teil. 

Niemand in dem lichtdurchfluteten Raum redet, alle schauen durch die Lupen. Schmale Hände halten zierliche Geräte. Hier ist ein höchst eigenwilliger Menschenschlag am Werk, Leute mit einer überdurchschnittlichen Konzentrationsfähigkeit. Sie müssen die absolute Ruhe hier aushalten können, sie müssen mit sich selbst im Reinen sein, um diese absolute Stille zu ertragen. 

Nur 50 Kilometer weiter liegt das betriebsame Genf, die Stadt des Konsums, der Macht und der internationalen Organisationen. Ein Juweliergeschäft reiht sich ans nächste, allerorts Uhrenwerbungen. Von stiller Konzentration ist hier nichts zu spüren – auch wenn im neuen Gebäude von Vacheron Constantin dieselbe arbeitsame Atmosphäre herrscht wie oben in den Bergen. Doch etwas ist fundamental anders hier unten in der Firmenzentrale: die moderne Architektur, die gestylte Einrichtung, die aufs Letzte durchdachten Räume, geschaffen zur Repräsentation und offen für Diplomatengattinnen, die in Vorbereitung auf den Einkauf ihren Rundgang durch die gläsernen Ausstellungsräume machen. 

Johannes Calvin würde hier vom heiligen Zorn gepackt: Aus seiner asketischen Hochburg wurde ein Zentrum des Konsums, in dem es vor lauter brillantenbesetzten Zeitmessern nur so funkelt. Inmitten der stillen, arbeitsamen Uhrmacher des Hochjura würde sich der strenge Gottesmann heute wahrscheinlich wohler fühlen. 

Zora del Buono 

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