Archiv: Tao des T.

Mit ihrem Green T. House Living versetzt die Pekinger Trendsetterin JinR Chinas Hauptstadt in gute Schwingungen. 

Der Weg zum Green T. House Living ist lang und beschwerlich wie der Weg zur Erkenntnis – und fast so verheißungsvoll. Wer ihn einschlägt, muss über die überfüllte Stadtautobahn Richtung Flughafen fahren, dann die Abfahrt Beigao Shunyi nehmen und Maut zahlen. Dann quält er sich einige Kilometer über eine verstopfte Landstraße, nimmt irgendwann die Linksabbiegerspur und fährt eine Dorfstraße entlang, deren Straßenschwellen zum Gefährlichsten gehören, was boshafte Anwohner im Eigenbau hervorgebracht haben. In benzinschillernden Pfützen stehen Billardtische, an denen dicke Männer in Unterhemden spielen. Zahllose Bauruinen bekunden, wohin es führt, wenn Bauern zu Bauunternehmern werden. Schließlich biegt man an einem schäbigen Supermarkt rechts ab, vor dem Frauen mit bunten Fächern zu chinesischen Schlagern tanzen, schlängelt sich an einer rostigen Fabrik entlang und steht endlich vor einer weißen Wand. 

Und dann traut der Reisende seinen Augen nicht: 15 000 Quadratmeter weißer Kies flimmern in der Abendsonne. Darüber scheint als Fata Morgana ein Gebäude zu schweben, das nur aus Glas, ein paar Pfeilern und einem weit ausladenden Dach besteht. Ein Haus wie aus einer anderen Welt. Es trägt die architektonischen Geheimnisse der Tang-Dynastie in sich und lässt keinen Zweifel mehr daran, dass ein guter Baumeister mit Proportionen zaubern kann. Monumental und dennoch leicht erhebt es sich aus der suburbanen Wüste. Untrennbar wie Yin und Yang fallen hier das rohe China der unbarmherzigen Industriebrachen und die feinsinnige Kulturnation zusammen. 

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Der Kies knirscht unter den Füßen. Ein paar Stufen, und junge, große Frauen in traditionellen Mönchsgewändern öffnen lautlos die Tür. Kühler, heller Boden aus geschliffenen Steinen. Nur wenige weiße Möbel, ausladende Sofas, schlichte chinesische Hocker, große hölzerne Tische. Ätherisch wirkende Skulpturen. Absolute Ruhe. Die Sinne beruhigen sich, der Geist wird beflügelt. Hier wächst, boomt, krawallt China nicht. Hier hält es inne, ruht sich aus und sucht sein altes Zentrum. 

Am Ende des Grundstücks, fast schon in der Ferne geht JinR, die 34-jährige Designerin dieses Luxustempels, mit ihren beiden schwarzen Hunden in der Dämmerung spazieren – ein Scherenschnitt gegen die weiße Umgrenzungswand. Sie blickt sinnend zurück. Blaue Stunde. Im letzten Licht des heißen Tages wirkt ihr neues Haus am schönsten. Ihrer unbändigen Kreativität ist etwas Außergewöhnliches gelungen, und das ist schwierig in einem Land wie China. Es ist nicht der erste Coup der jungen Frau. Schon 1997 hat sie mit ihrem Green T. House hinter dem Pekinger Arbeiterstadion Maßstäbe gesetzt. Obwohl sich ihr Stadtrestaurant in einem Komplex mit 100 Bowlingbahnen befindet, spricht man in Peking nur von den Kegelbahnen bei JinRs Club, nicht umgekehrt. 

„China hat sich sehr verändert“, sagt JinR, „aber die meisten Westler begreifen die neue chinesische Kultur nicht richtig.“ China, sagt sie, sei jetzt „offen, kreativ, erfrischend“. Es geht um Energie, Kreativität und Spiritualität. In diesem Sinn hat die Unternehmerin Chinas erstes Loft-Restaurant geschaffen – gleichsam eine Theaterbühne des Essens, auf der Gäste und Personal vor der von ihr geschaffenen Kulisse agieren. Das in diesem Frühjahr eröffnete Green T. House Living ist jedoch nicht einfach eine Kopie, sondern vielmehr die Weiterentwicklung einer Idee. „Green T. House Living präsentiert eine authentische chinesische Erfahrung, aber auf eine Art, die man niemals erwartet hätte“, erklärt die Inhaberin. 

JinR heißt eigentlich Zhang Jinjie. Das große R im Namen steht für „Erzi“ was auf Chinesisch Kind heißt. Im rauen Pekinger Dialekt wird ihr Name in der Kehle rollend Djinarrr ausgesprochen. Das hört sich fast texanisch an und spiegelt wenig vom Feinsinn wider, den die junge Frau ausstrahlt, wenn sie über ihr jüngstes Projekt spricht: „Viele Menschen verkümmern in Gram und in Schweigen hinter Mauern.“ Deshalb habe sie ein Haus ohne Mauern bauen wollen. „Wieso müssen wir immer mit Wänden leben, eingemauert ins Gefängnis der Wände?“, fragt sie. 

JinR ist nicht die erste, die diese Frage stellt, doch selten hat jemand eine gestalterisch so originelle Antwort gefunden. Die vom Hofhaus geprägte architektonische Tradition Nordchinas, die kaum Fenster nach außen kennt, wo sich vielmehr alles zu einem Hof hin öffnet, hat die Designerin beherzt außer Acht gelassen. Sie bricht mit den alten Regeln und findet dennoch eine modern-chinesische Lösung, ein Gebäude, das nicht an jedem beliebigen Ort der Welt stehen könnte, sondern sich im Kontext der chinesischen Kultur bewegt. So könnte sich die ungewöhnliche Architektur der neuen Konstruktion etwa aus den alten Ming-Kaisergräbern erschließen: Gleich hinter der Eingangsmauer steigt man in einen grauen Gang hinab, um im Gebäude wieder hinauf zu steigen. Der enge Gang lässt das Haus dann umso offener erscheinen. Es habe einen „chinesischen Klang“, sagt JinR über die Architektur ihres Hauses. 

Vom „Klang des Gebäudes“ spricht die Architektin nicht zufällig. Ehe sie Designerin, Innenarchitektin und Spitzenköchin wurde, war JinR Musikerin. Sie wuchs in Suzhou in der Nähe von Shanghai auf, bis ihre Eltern sich entschieden, sie am Zentralen Musikkonservatorium Peking an traditionellen Saiteninstrumenten wie der Yangqin und der Tischharfe Guzheng auszubilden. Und sie spielte so gut, dass sie von 1988 bis 1990 dreimal hintereinander den ersten Platz beim landesweiten Saiteninstrumentwettbewerb gewann und mit 18 Jahren international auf Tour ging. Die Frage, wie gut sie als Solistin war, beantwortet die junge Frau pragmatisch: „Nicht schlecht, sonst hätte man mich nicht dafür bezahlt.“ 

Nach zehn Jahren wechselte JinR das Medium: Design statt Musik. „Meine Karriere war an einem Punkt angelangt, wo es mich kreativ nicht mehr ausfüllte, als Künstlerin dieselben Stücke immer wieder zu spielen“, sagt sie, „ich beschloss, etwas Neues anzufangen.“ Ihr Arbeitsprinzip behielt sie jedoch bei: ins kalte Wasser springen und sich auf die eigene Intuition verlassen. „Ich glaube nicht, dass da irgendwann einmal der bewusste Gedanke war: Ich möchte Innendesign machen. Ich habe es einfach gemacht, und es schien ganz natürlich zu kommen“, erläutert JinR. „Allerdings habe ich zwischendurch ein bisschen Architektur studiert, um meinen Sinn für Details, Farben und Texturen zu trainieren.“ Doch ihre Ideen kommen JinR genauso wie, so sagt sie, Inspiration in der Musik – ungezwungen und unerwartet. 

1997 eröffnet sie das Green T. House. Das Design spielte darin eine größere Rolle als das Essen. Zunächst hatte sie in dem riesigen Loft nur drei Tische aufgestellt. Mit der Zeit kamen immer mehr Stühle und Tische dazu. Inzwischen verkauft sie ihre Entwürfe auch. Für ihr Stadtrestaurant entwarf sie himmelstrebende Rosenholz-Sitzmöbel mit über drei Meter hohen Rückenlehnen. Sie erinnern an schwungvoll ausgeführte Pinselstriche einer Kalligrafie. 

Im Green T. House Living wirken die Möbel hingegen niedrig und erdgebunden. Hocker, Liegen, flache Sessel. Das Mobiliar scheint die gewandelte Haltung der chinesischen Stadtbewohner zu symbolisieren: Aus dem aufrechten Sitzen der Chinesen ist ein Lungern und Fletzen geworden, die kommunistische Strenge wich der kosmopolitischen Dauerentspannung. China ist im Kapitalismus angekommen. 

Am bekanntesten jedoch wurde die junge Frau ungeachtet ihrer Design-Ambitionen als Köchin. Das amerikanische„Time“-Magazine feiert sie gar „Chinas erste Starköchin“. Viele große Köche können ihre Passion auf ein einzelnes Gericht zurückverfolgen. Doch JinR jedoch fand ihre Erleuchtung an einer überfüllten Geschirr-Anrichte. Sie hatte immer schon eine Schwäche für elegantes Porzellan. 1997 kam sie von einer Konzertreise wieder, und stellt plötzlich fest, dass ihre Sammelwut sie allmählich aus der eigenen Wohnung drängte: „Ich hatte einfach zu viel schönes Porzellan.“ Nicht bereit, sich auch nur von einer einzigen Schüssel zu trennen, kam ihr der Gedanke, ein Restaurant aufzumachen. Die Idee des Green T. House war geboren. 

Es gab nur einen Haken: Zhang wusste nahezu nichts übers Kochen. Also stellte sie einen Koch ein. Nachdem der aber schon nach einigen Monaten wieder kündigte, fand sich die Chefin plötzlich selbst in der Küche wieder. Sie hatte nicht viel Zeit, die große kulinarische Tradition ihres Landes zu studieren. Außerdem wollte sie Neues erfinden. „Während meiner Auslandsreisen lernte ich, dass man auch anders sein darf.“ Deshalb improvisierte sie. Sie benutzte Tee in Salaten und Soßen, erschuf Gerichte, bei denen „das Erscheinungsbild wichtiger ist als alles andere“. Viele von Zhangs ersten Stammgästen waren Ausländer, aber es wurden aus Neugier auch immer mehr ihrer Landsleute. 

Die westliche Gastronomie ist begeistert von der Küchenautodidaktin. Ihr besonderer Stil machte sie international gefragt. 2002 half sie in Singapur beim Aufbau des Restaurants My Humble House. Ein Jahr später entwarft sie Inneneinrichtung und Gerichte für Bangkoks Liu Restaurant im Conrad Hotel. Vergangenes Jahr entwickelte sie Design und Geschmackskonzept des eleganten chinesischen Restaurants Yumcha in New York. Und noch in diesem Jahr wird sie ein Restaurant in Hongkong aufmachen. Richard Li der Sohn des Hongkonger Tycoons Li Ka-shing, seines Zeichens reichster Chinese der Welt, lud sie ein, ein Lokal in dem von ihm gebauten neuen Stadtteil Cyberport zu bauen, einem Amalgam aus St.-Tropez und Silicon Valley. 

Die Gourmets liegen der chinesischen Gastro-Unternehmerin zu Füßen. 2002 und 2003 nahm sie am World Gourmet Summit in Singapur teil. Sie flog nach Australien, um beim „Leading Ladies of World Cuisine“ zu kochen und wurde im vergangen Jahr beim St. Moritzer Gourmet-Festival „Les Grandes Dames de la Haute Cuisine“ für ihre Künste ausgezeichnet. Auch die First Class von Austrian Airlines wurde schon nach ihren Rezepten bekocht. Im Rahmen der „Chef’s Round Table“-Events unter der Patronage von Eckart Witzigmann wird die Starköchin am 2. Oktober im Restaurant Ikarus des Hangar-7 in Salzburg die Löffel schwingen. 

Im Green T. House Living soll das Essen gar zum meditativ angehauchten Ritual evoluieren – gleichsam das Tao des T. Wenn die Gerichte aus der Küche kommen, verweilen sie – das Auge soll sich vor dem Gaumen erfreuen – erst einmal kurz auf einer altarähnlichen Anrichte. Danach werden sie serviert. Manchmal spielt JinR dazu avantgardistische Improvisationen auf der Yangqin. Ihre Arbeit ist ein fortwährendes Experiment, „Chinas vielschichtige Ästhetik, Gefühle, kulturellen Zeitgeist und künstlerische Seele zu präsentieren, ohne seine Reinheit oder Seele zu verlieren“. Wenn es um Geschäft und Leben geht, ist Spiritualität für die Unternehmerin überaus wichtig. „Sie hält mich auf dem Boden und gibt mir einen Fokus. Ich konzentriere mich auf die wichtigen Dinge im Leben: Familie, Freunde, Liebe.“ 

Draußen mit den Hunden denkt sie ihr Konzept weiter: 2007 sollen einige Innovationen das Green T. House Living erweitern: der Teeraum, eine Aufsehen erregend moderne Glas-Interpretation des traditionellen Teehauses, mit handgemischten Tees. JinR will auch ein Bad bauen – einen beruhigenden Ort, in dem man zeitgemäße Versionen der alten traditionellen chinesischen Therapien und Heilungsphilosophien ausprobieren kann. Und sie will das „Retreat“ bauen, ein intimes Entspannungshotel mit Panoramablick für wenige Gäste. Den idealen Standort dafür hat sie schon gefunden: „Er bringt mir Freude, die Vögel dort machen mich glücklich. Ich sehe den Sonnenuntergang. An diesem Platz vergesse ich die Zeit.“ 

Green T. House Living  No. 318 Cuige Zhuang Xiang Hege Zhuang cunChaoyang Peking 

Tel. 00 86/1/36 01 13 71 32, www.green-t-house.com 

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