Tasche für den Tenno

Archiv: Tasche für den Tenno

Im hessischen Dietzenbach entstehen die aristokratischsten Handtaschen der Welt. 

Der Geruch von Lack und Leder! Dazu ein Hauch von Pferd und ein wenig Leim – allpräsent wabert dieser Duft durch die Räume. Ein Parfum, das einem fast vorgaukelt, man stünde in einer alten Sattlerwerkstatt, in der Handwerker selbstvergessen am Leder nesteln. Doch befindet sich der Besucher in einem nüchternen Zweckbau der Gewerbezone im hessischen Dietzenbach. 

Hier produziert die Gräfin ihres Metiers nach alter Väter Art: Comtesse, Hersteller edler Handtaschen. Comtesse ist immer noch eine Manufaktur. Fließband, Roboter? „Wir arbeiten weitgehend wie vor der industriellen Revolution“, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Wiewrodt, „anders können wir die Qualität nicht halten.“ 

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Jede Tasche ist ein Einzelstück. Mehr als 500 Arbeitsgänge sind vonnöten, bevor eine Handtasche in den Handel kommt. In allen Comtesse-Taschen findet sich eine Art Passierschein, versehen mit fünf Originalsignaturen. Jeder beteiligte Mitarbeiter bestätigt mit dem Signum, dass er fehlerfreie Arbeit geliefert hat. 

Es ist Qualität, die ihren Preis hat. Denn der Taschenmacher aus Hessen setzt in der Preisskala dort an, wo andere Luxushersteller aufhören: Zwischen 3000 und 14 000 Euro kosten die Schmuckstücke. Einzig Hermès gehört in diesen Höhen noch zu den ernsthaften Konkurrenten. 

Zu den Comtesse-Kundinnen zählen neben der japanischen Kronprinzessin die schwedische Königin und die thailändische Prinzessin. Auf der Hochzeit des britischen Thronfolgers Charles mit Camilla Parker Bowles waren die Nobeltaschen ebenso zu sehen wie bei den Exequien von Papst Johannes Paul II. Tröstlich für Normalbürgerinnen: Seit einigen Jahren gibt es auch die Einsteigerserie When Angels Travel in der Preislage um 500 Euro. Doch diese Taschen aus Kalbsleder stammen großenteils nicht aus der Stammwerkstatt in Dietzenbach. 

Dort entstehen ausschließlich die Kunstwerke der Kernmarke. Die Spezialität von Comtesse: Taschen aus Rosshaar. Das schwer zu verarbeitende Gewebe und seine Eignung für die Herstellung von Handtaschen entdeckte der Gründer des Unternehmens, Adolf D. Kopp, vor etwa 70 Jahren. „Rosshaar ist patinafähig“, sagt Wiewrodt, „der eigentümliche Glanz wird mit den Jahren immer seidiger.“ 

Bis in die Dreißigerjahre war Rosshaargewebe ein gängiges Material für Wandbespannungen, Möbel oder Uniformen. Damals gab es noch viele Rosshaarwebereien. Heute kommt das Haar von eigens dafür gezüchteten mongolischen oder argentinischen Pferden. 

Um den Nachschub sicherzustellen, erwarb Comtesse vor einigen Jahren eine der letzten existierenden Rosshaarwebereien, John Boyd im südenglischen Somerset. Weil niemand mehr Rosshaar-webstühle baut, arbeitet man mit 130 Jahre alten Maschinen. Maximal zwei Meter Gewebe in 80 Zentimeter Breite (länger wachsen die Schweife nicht) können die alten Maschinen täglich weben. 

Mehr als 200 Farbtöne hält die Weberei bereit. Für die hellen Töne verwenden die Färber nur Schimmelhaar. Dunkle Haare, die den gleichmäßigen Farbton stören, ziehen die Taschenmacher einzeln aus dem Gewebe. Angst vor Kopierern haben sie nicht. Schon allein an der Kunst des Rosshaarfärbens müsste jeder Nachahmer scheitern. „Aber auch in den Arbeitsstufen danach gibt es noch so etliche Klippen“, sagt Wiewrodt, „wer uns kopieren will, muss früh aufstehen.“ 

Lothar Schnitzler 

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