Archiv: Termin ohne Limit

Geld+Börse I Spezial Zertifikate Normalerweise eignen sich Hebelpapiere nur fürs schnelle Geschäft. Als gemäßigte Variante können sie konservative Depots ergänzen. 

Wer für sein Depot überwiegend solide Anlagepapiere schätzt, der kann auch mal einige Spekulationspapiere dazulegen, um die Chancen zu verbessern. Die gängigsten Instrumente sind Hebelzertifikate und Optionsscheine. Nur zwei Prozent der Deutschen wagen sich an solche Termingeschäfte. Dabei sind die Papiere keineswegs nur etwas für Zocker; vor allem, wenn es sich um Varianten handelt, die nicht fürs schnelle Rein-Raus gedacht sind. Prädestiniert für einen ruhigen Deal sind Hebelzertifikate ohne Laufzeitgrenze. 

Ein Turbozertifikat bekommt seine Hebelwirkung, weil der Käufer des Zertifikats nur einen Teil der Anlagesumme einsetzt. Den Rest streckt die Emissionsbank durch einen eingebauten Wertpapierkredit vor. Die Grenze zwischen Kredit und persönlichem Einsatz wird vom Basispreis markiert. Wenn etwa die Aktie des Großchemikers BASF bei 51,70 Euro steht und die Basis des Zertifikats bei 27,70 Euro liegt, notiert das Hebelpapier bei 24 Euro. Steigt die BASF-Aktie um zehn Prozent auf 57 Euro, klettert das Hebelpapier auf 29,30 Euro (57 minus 27,70) – ein Anstieg von 22 Prozent; also um das 2,2-Fache im Vergleich zum Kurs. 

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Doch auch der Wertpapierkredit will bezahlt werden. Die Kosten setzen sich zusammen aus Zinsen – derzeit pro Jahr etwas mehr als zwei Prozent – und der Gewinnmarge des Emittenten in ähnlicher Höhe. Insgesamt fallen jährlich vier bis fünf Prozent vom Basispreis an. 

Dieses Geld holt sich der Emittent durch einen technischen Kniff: Er verschiebt den Basispreis des Zertifikats Schritt für Schritt nach oben. Das heißt: Wer heute ein BASF-Zertifikat mit einer Basis von 27,70 Euro kauft, hat in einem Jahr ein Papier mit einer Basis von etwa 29 Euro. Durch diesen Effekt geht zunächst die Hebelwirkung zurück. Gefährlicher aber ist die zweite Folge: Hebelzertifikate bleiben nur so lange im Spiel, wie die so genannte Barriere oder Totalverlustschwelle nicht unterschritten wird. Sie wird vom Emittent in der Regel ein kleines Stück über dem Basispreis fixiert. Damit kann er bei einem starken Rückgang des Basiswerts das ganze Geschäft glattstellen, wie es im Fachjargon heißt. Eine platte Beschönigung: Für den Zertifikatebesitzer bedeutet das den fast völligen Verlust seines Geldes. 

Da diese Barriere mit dem Basispreis Schritt für Schritt nach oben wandert, ist Vorsicht angebracht. Wer zwischen dem Kurs des Basiswerts und der Totalverlustschwelle nur wenig Luft lässt, hat zwar einen immensen Hebel, wird aber schon bei einem einzigen Rückschlag aus der Bahn katapultiert. Wer dagegen reichlich Puffer einbaut, erzielt nur einen moderaten Hebel, kann aber eine Spekulation über Jahre ausfahren. 

Auch Optionsscheine mit extra langen Laufzeiten bieten das. Im Vergleich zum Hebelzertifikat bestehen allerdings drei wesentliche Unterschiede. Erstens: Laufzeiten von drei oder vier Jahren sind zwar für ein Termingeschäft außergewöhnlich lang, eine unbefristete Spekulation wie mit einem Turbo bieten sie allerdings nicht. Zweitens: Dafür bleibt der Optionsschein im Gegensatz zum Hebelzertifikat bis zum Ende der Laufzeit auf alle Fälle im Rennen, auch wenn die Kurse noch so wild ausschlagen. Drittens: Die Kursbildung des Optionsscheins ist komplizierter. Für den Besitzer des Scheins kommt so etwas wie eine Gebühr hinzu, ein Aufgeld, um mit kleinem Einsatz ein großes Rad drehen zu dürfen. Eine wichtige Einflussgröße dabei ist die Volatilität, also die Schwankungsbreite der Kurse. Je heftiger sie ist, desto teurer sind Optionen. Das kann sich erheblich auf die Kursentwicklung der Scheine auswirken, wie die Grafik zeigt: Während bei einem stabilen Kursverlauf vergleichbare Hebelzertifikate und Optionsscheine nicht wesentlich voneinander abweichen, führen stärker schwankende Kurse zu deutlich höheren Optionspreisen. 

Um für zwei oder drei Jahre zu spekulieren eignen sich beide Papiere. Dabei bietet das Zertifikat immer die Möglichkeit, die Spekulation bei Bedarf noch länger zu fahren. Der Optionsschein dagegen schließt zur Wette auf steigende Kurse noch die Wette auf höhere Kursschwankungen ein. Da die derzeit eher niedrig sind, ist das ein Vorteil für Optionsscheine. 

anton.riedl@wiwo.de 

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