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Die Designerin Vivienne Westwood, schillernd, subversiv, spektakulär, wird mit einer Retrospektive geehrt. Sie will vor allem eines: ihre Mitmenschen zum Denken bringen. 

Frau Westwood, Sie präsentieren Ihre Modekollektionen unter dem Motto „Active Resistance to Propaganda“. Was meinen Sie damit? 

Genau das, was der Slogan sagt: Leisten Sie aktiven Widerstand gegen Konsumterror und organisierte Lügen! Gehen Sie in Kunstgalerien, lesen Sie Bücher, statt fernzusehen oder im Kino zu hocken! Fangen Sie an zu denken! Was wir brauchen, ist Kultur; sie ist das Antidot zur Propaganda. Wenn mehr Leute zu denken anfingen, kämen wir schon einen Schritt weiter. 

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„Britain must go Pagan!“, fordert der Titel Ihrer aktuellen Männer-kollektion. Wie darf man dieses modische Pamphlet verstehen? 

Wir alle sollten tun, was auch die Renaissance-Menschen taten: auf die Antike und die alten Griechen blicken. Die waren in kultureller Hinsicht viel moderner, als wir es sind – sie haben ihr Tun hinterfragt und ihre Gesellschaft analysiert. Die Welt, in der wir leben, scheint im Stillstand zu verharren. Wir brauchen neue Bewegung, eine Renaissance. 

Was haben Soldatenhelme in Ihrer Kollektionsschau zu suchen? 

Die sehen ein bisschen faschistisch aus. Sollen sie auch. Sie paraphrasieren, dass unsere Regierung gerade einige Gesetze durchbringt, die besser zu einem faschistischen Regime passen würden. 

Glauben Sie, dass das Publikum solche Anspielungen begreift? 

Nein. Die sehen sich die Schau an und fragen sich nur: Werden Männer die Kollektion so attraktiv finden, dass sie Geld dafür ausgeben? Aber man will sich ja auch um das Wohl seiner Mitmenschen kümmern. Ich störe mich an Ungerechtigkeiten. Ich will, dass die Welt besser wird. Und ich kann es nicht lassen, meine Meinung kundzutun. 

Ist Mode das geeignete Medium, um politische Überzeugungen zu transportieren? 

Die Mode verschafft mir Glaubwürdigkeit. Also nutze ich die Möglichkeiten, die ich habe, um Kultur zu vermitteln. Ich glaube an die Macht des Wissens. 

Sie sind die geborene Lehrerin? 

Ja. Wenn ich unter Leuten bin, will ich lehren. 

Was das Leben für Menschen in Ihrer Nähe nicht immer leicht macht? 

Natürlich nicht. Mein Mann Andreas hätte den Raum jetzt schon längst verlassen. Er ist nicht sonderlich an dem interessiert, was ich so alles von mir gebe. Er ist ein unglaublich visueller Mensch, dafür aber auch nicht annähernd so belesen wie ich. Leider. 

Würden Sie die Leute gern zum Lesen zwingen? 

Das geht nicht. Immerhin liest mein ältester Sohn Bücher, auch wenn es meist Science-Fiction ist. Wenn er mal ein gutes Buch zur Hand nimmt, können wir uns unterhalten. Mein Jüngerer liest gar nicht. Alles, was ich meinen Söhnen habe beibringen können, sind moralische Grundsätze. Beide sind gute Menschen. 

Bei Ihrem Lesepensum müssten Sie eine Stubenhockerin sein? 

Da ist etwas dran. Ich würde mich wirklich nicht als geselligen Menschen bezeichnen, obwohl ich geschwätzig bin. Auf Partys langweile ich mich fürchterlich, dennoch bin manchmal ich es, die am Ende der Party das Licht löscht. Seltsam, nicht? Übrigens habe ich nichts gegen Stubenhocker. Bertrand Russell sagte völlig richtig, dass wir unter mangelnder Einsamkeit leiden. 

Glauben Sie nicht, dass ewiges Lesen eine Form von Weltflucht ist? 

Das Gegenteil stimmt: Lesen ist die stärkste Form der Erfahrung. Natürlich hängt es davon ab, was man liest. Ich lese kaum Romane, ich lese Bücher, um in ihnen Ideen zu finden. Kinder, die heute aufwachsen, haben kaum Chancen auf ein kulturell und intellektuell erfülltes Leben. Sie werden mit Ablenkungen geradezu bombardiert. Sie finden das toll, sie wollen ununterbrochen unterhalten werden. Stattdessen sollten sie sich langweilen. Dann entdecken sie Neues. Deshalb bin ich auch gegen Freiheit in der Schule und für Disziplin. 

Kam Premierminister Tony Blair nicht gerade in Misskredit, weil er zugab, seine Kinder gelegentlich mit Schlägen erzogen zu haben? 

Auch mir ist manchmal die Hand ausgerutscht. Als Lehrerin habe ich meinen Schülern zuweilen einen Klaps versetzt, wenn es an der Disziplin fehlte. Doch die Schüler waren schockiert. Ich fühlte mich schlecht und habe schnell von dieser Erziehungsmethode gelassen. Man soll Kinder niemals hauen. 

Einst waren Sie als „Mutter des Punk“ bekannt, jetzt sind Sie eine „Dame of The British Empire“. Sehen Sie sich eigentlich als schillernde Figur? 

Manche nennen mich sogar eine Reaktionärin. Denn ich glaube an Traditionen. Ich glaube nicht an Revolutionen. Ich will Dinge verändern, doch nicht ohne vorherige Analyse. Man darf nicht bloß zerstören und wegwerfen. Letztlich waren die russische und die französische Revolution kulturelle Desaster. 

Haben Sie jemals daran gedacht, in die Politik zu gehen? 

Nie. Ich mag Politiker nicht. Ich denke, dass ein intelligenter Politiker eine Unmöglichkeit ist. Politiker lügen und betrügen sich selbst, denn sie müssen Dinge akzeptieren, an die sie nicht glauben. 

Wo stehen Sie politisch? 

Kann man das heute noch sagen? Neulich wurde ich gefragt, ob ich rechts stehe, bloß weil ich Blair nicht mag, der ja komischerweise als Linker gilt. Dabei hat er deutlich mehr Schaden angerichtet, als Margaret Thatcher es je geschafft hat. Rechts und links, diese Begriffswelt hat sich völlig verschoben. 

Was halten Sie von Angela Merkel? 

Sie scheint nicht gerade überwältigende Ideen zu haben. Ich mochte Gerhard Schröder, ich bin ihm einmal begegnet. Er schien mir ein Idealist zu sein. Am Ende seiner Amtszeit wirkte er allerdings desillusioniert. Vielleicht hatte er ja lauter gute Vorsätze, aus denen dann nichts wurde. Ursprünglich hatte er ja die Großunternehmen kräftig besteuern wollen. 

Ist Merkels Wahl ein Sieg für den Feminismus? 

Es ist gut, wenn Frauen für ihre Rechte kämpfen. Aber ich bin keine ausgesprochene Feministin. Ich finde es eher feige, wenn sich Frauen aus unserem privilegierten Teil der Welt auf den Feminismus berufen. Noch schlimmer sind nur Frauen, die sich so verhalten wie Männer: die partout die harte Businessfrau herauskehren. Anderseits ist es gut, dass sich die Fähigkeiten der Frauen herumgesprochen haben. Viele Dinge können Frauen einfach besser. 

Wäre eine von Frauen regierte Welt in Ihren Augen besser? 

Das nun auch wieder nicht. Frauen sind zuweilen konservativer als Männer, das habe ich früh in meinem kleinen Londoner Laden „World’s End“ gelernt. Wenn Paare einkauften, dann war der Mann immer mutiger bei der Auswahl der Kleider. Frauen bremsen eher, vor allem, wenn es um Männerkleider geht. Die Kerle sind abenteuerlustiger. 

Kündet der Neoromantik-Trend in der Frauenmode vom nahenden Ende der Gleichberechtigung? 

Ich finde es wunderbar, wenn Frauen zu Objekten der Schönheit gemacht werden. Wer meine Kleider anzieht, der will beeindrucken, etwas zeigen, andere erfreuen. Nehmen sie dagegen Liz Hurley. Von ihr hängen zurzeit überall Poster in London. Sie trägt ein winziges Oberteil, und sie sieht jämmerlich aus, keine Spur sexy. Wen will sie damit beeindrucken? 

Sprechen Sie jetzt vom Typus oder vom Kleid? 

Ich spreche vom gesamten Look. Es gibt ja diesen Glauben unter Frauen, dass sie umso anziehender wirken, je natürlicher sie sich ausstaffieren. Das ist Blödsinn. Wir sollten ein bisschen großzügiger sein, vor allem auch unseren Mitmenschen gegenüber. Wir sind im Grunde geradezu verpflichtet, uns ein bisschen für die Mitmenschen herauszuputzen. 

Und was ist mit den Männern? 

Jetzt stellen Sie sich einmal einen Mann im griechischen Chiton vor. In diesem Gewand würde sogar ein hässliches Exemplar wunderbar aussehen! Leider können Männer heute nicht herumgehen, wie sie wollen. Ihre Kleiderwahl unterliegt einem ziemlich strengen Kodex. Frauen können dagegen anziehen, was sie wollen – was häufig dazu führt, dass sie ein Schlamassel anrichten. 

Alt zu werden, meinte Bette Davis, sei nichts für Weicheier. Hatte sie Recht? 

Das Altern macht mir seit Ewigkeiten nichts mehr aus, und ich würde gerne noch sehr lange leben. Ich war 30, als ich daran verzweifelte, nicht mehr das sexy junge Ding zu sein. Das war grässlich. Im April werde ich 65, aber je älter ich werde, desto weniger kümmere ich mich ums Altern. 

Und dies, obwohl man nicht schöner wird mit der Zeit? 

Stimmt. Meine Mutter wird 92 und hat mich neulich gefragt, ob ihr Hals auch so knorrig aussehe wie meiner. Natürlich wäre ich gerne schlanker. Aber vor einigen Jahren habe ich eine Zeit in Italien verbracht und doppelt so viel gegessen wie üblich. Das bin ich nie wieder losgeworden. 

Wissen Sie, dass Giorgio Armani täglich zwei Stunden mit Fitnessübungen verbringt? 

Du liebe Güte! Wenn ich an all die guten Bücher denke, die ich in der Zeit lesen kann! 

Sie gelten als meistkopierte Modedesignerin der Gegenwart. Finanziell erfolgreich waren Sie dagegen nie. Hat Sie das deprimiert? 

Schon, aber aufzugeben wäre dumm gewesen. Ich sah ja, wie sehr meine Arbeit andere beeinflusste, und irgendwie habe ich immer gewusst, dass die Zeit auf meiner Seite sein würde. Als Designerin und Mensch habe ich jede Menge Durchhaltevermögen. 

Ein glücklicher Modeschöpfer sei ein schlechter Modeschöpfer, sagte Yves Saint Laurent. Hat er Recht? 

Cristobal Balenciaga sagte im Alter: „Es war ein Hundeleben.“ Er und Yves haben gelitten, denn beide waren sie Perfektionisten. In diesem Fall kann einem dann niemand helfen, man muss alles selber machen. 

Sie auch? 

Koch ist der schwerste Beruf, sagt man immer, aber Modedesigner kommt gleich danach. Unser Business ist eine schreckliche Tretmühle, man kann nie wirklich Urlaub machen, eine Saison folgt sofort auf die nächste. Ich war früher auch nie zufrieden. Ich habe immer gedacht: Wenn ich endlich mit dieser Sache fertig bin, dann kann ich mein Buch in Ruhe lesen. Dann kam aber immer die nächste Sache. 

Haben Sie je erwogen, den Beruf zu wechseln? 

Vor etwa 15 Jahren mal, da gingen Andreas und ich durch den BatterseaPark spazieren, und er sagte zu mir:Vivienne, du hast den Spaß an deiner Arbeit verloren, so kannst du nicht weitermachen. Und ich dachte: Ja, verdammt, es stimmt, was er sagt. An jenem Tag muss etwas in mir passiert sein. Seither mag ich meine Arbeit wieder. Ich finde sie sogar wieder großartig. Also irrte Yves: Denn schließlich bin ich eine gute Modedesignerin. Und glücklich bin ich obendrein. 

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