Archiv: Tief entfremdet

Stefan Baron über das miserable Image der Manager 

Die Abneigung der Deutschen gegenüber ihren Wirtschaftsführern nimmt allmählich bedrohliche Ausmaße an. Eine internationale Umfrage förderte schon vor Monaten zutage, dass über 70 Prozent derer, die sich sonst so gerne mit dem Titel „Exportweltmeister“ schmücken, „kein Vertrauen“ in ihre Manager haben. So übel ist der Ruf der nationalen Wirtschaftselite in keinem vergleichbaren anderen Land der Welt. 

Seit der Umfrage dürfte sich das Image noch einmal deutlich verschlechtert haben. Die Korruptionsskandale bei VW oder Siemens oder die Einstellung des Untreue-Verfahrens gegen die ehemaligen Mannesmann-Chefs und -kontrolleure waren ihm gewiss nicht förderlich. Deutschlands Unternehmenslenker sind in ihrer Heimat inzwischen vermutlich noch unbeliebter als seine Politiker. 

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Der Befund sollte jedem zu denken geben. Ein Volk, das seine politischen und wirtschaftlichen Eliten so gering schätzt, ist entweder auf dem Weg in die totale Resignation, oder es steuert einer Explosion entgegen. 

Wie konnte es so weit kommen? Hohe Gehälter, unsensibles Verhalten und Skandale gibt es auch in anderen Ländern, teilweise sogar noch mehr davon, ohne dass deswegen das Image der Unternehmensführer insgesamt so leidet. Es muss hierzulande also spezifische Gründe geben. 

Die Deutschen haben sich von ihren Managern so tief entfremdet, weil die ihnen in den vergangenen Jahren immer fremder, sprich: weniger deutsch, geworden sind. Die 30 Dax-Unternehmen etwa machen inzwischen drei Viertel ihrer Umsätze außer Landes, bei den Gewinnen ist es teilweise noch mehr, die überwiegende Zahl der Mitarbeiter ist im Ausland tätig, und die Mehrheit der Aktionäre (Eigentümer) hat keinen deutschen Pass mehr. Auch in die Führungsetagen ziehen immer mehr Ausländer ein. 

Vor allem aber: Das Wachstum der deutschen Unternehmen findet heute nahezu ausschließlich anderswo statt, und entsprechend schaffen die Unternehmen Arbeitsplätze fast nur noch im Ausland – allein seit 2000 waren es zweieinhalb Millionen. Derweil wuchs die Zahl der Arbeitslosen daheim. 

Während die Chefs, die selbst natürlich auch immer mehr ihrer Arbeitszeit im Ausland verbringen, dies in Zeiten der Globalisierung als ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ansehen, betrachtet ein immer größerer Teil des Volkes das Treiben offenbar als Landesverrat. 

Zwar werden auch die Unternehmen anderswo internationaler. Aber in keinem großen Land läuft dieser Prozess so rasch ab wie in Deutschland. Nirgendwo ist die Aufregung darüber denn auch größer: Die deutschen Unternehmenschefs bezahlen mit einem schlechten Ruf dafür, dass sie ihre Hausaufgaben besonders gründlich gemacht haben. 

Sie mussten sie auch besonders gründlich machen: Deutschland hat im Unterschied zu vergleichbaren Ländern nach wie vor einen großen Industriesektor und lebt davon, besonders viele Produkte ins Ausland zu verkaufen. Mit dem Auftreten von Billigproduzenten in Osteuropa und Asien war diese Position nur durch verschärfte Internationalisierung zu halten – zumal unsere Politiker anders als unsere Manager die Hausaufgaben, die ihnen die Globalisierung aufgab, bisher mehr schlecht als recht gelöst und den Unternehmen damit das Leben am heimischen Standort noch schwerer gemacht haben. 

Von diesem Versagen wollen die Politiker nun offenbar ablenken, indem sie mit dem Finger auf die Manager zeigen und den „Primat der Politik“ sowie „demokratische Kontrolle“ über die Wirtschaft einfordern. Lassen sie diesen Worten Taten folgen, ist unserem Land nicht mehr zu helfen. 

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