„Tracht kann jeder tragen“

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Prinz Leopold, genannt Poldi, über seine Heimat Bayern 

Leopold Prinz von Bayern hat einen standesgemäßen Auftritt. Direkt vor dem Hauptportal des Bayerischen Hofs in München ziehen zwei Werksmechaniker unter den neugierigen Blicken der Hotelgäste einen schwarzen BMW 507 aus dem Jahr 1955 aus dem Anhänger. Der Empfangschef ist irritiert: „Den können Sie hier nicht stehen lassen.“ 

Machen wir auch nicht. Wir wollen hinaus nach Oberbayern. Ob der Satz des Heimatdichters Ludwig Ganghofer „Wen Gott liebt, den lässt er fallen in dieses Land“ auch für uns gilt? 

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Gut gerüstet sind wir jedenfalls – mit einem aus dem Geschlecht derer von Bayern und einem Automobil aus den Bayerischen Motorenwerken. Leopold von Bayern, dessen Vorfahren das Land über 700 Jahre regierten, sieht mit seinen 61 Jahren gut 10 Jahre jünger aus. Drahtige Figur, kerniger Händedruck. Einer der beiden Mechaniker verbeugt sich respektvoll: „Prinz Leopold, der Wagen ist poliert.“ 

Es kann losgehen. Prinz Leopold, in seiner Heimat auch als Poldi bekannt, will den Lesern von „fivetonine“ seine Heimat zeigen. Er schwingt sich hinter das übergroße Steuer und braust davon. Drei Kilometer vom Starnberger See entfernt– ganz in der Nähe des Wittelsbacher Schlosses – drischt er den Oldtimer über den Feldweg auf einen Moränenhügel zur Schlossgaststätte Leutstetten. 

Poldi parkt den Wagen vor dem mit Lüftlmalerei verzierten Gasthaus, steigt aus und streckt die Arme: „Willkommen in Bayern.“ 

Poldis Stimme ist bayrisch warm, sein Urteil kühl. Überall in Deutschland gebe es Dörfer, bei denen es ihm grause, wenn er hindurchfahre. Depressionen könne man davon bekommen. Solche Depri-Dörfer gebe es in Oberbayern nicht. „Diese schöne Heimat stärkt das Selbstbewusstsein der Bayern.“ 

Prinz Leopold, Vater von vier erwachsenen Kindern, war 35 Jahre Rennfahrer, hat über 80-mal gewonnen. Zusammen mit seinem Freund, König Carl XVI. Gustaf von Schweden, heizt er immer noch gern die Côte d'Azur entlang oder bei der Mille Miglia durch die Toskana. Seit drei Jahren testet er nur noch Versuchswagen. 150 Tage des Jahres ist er im Ausland, kehrt er immer wieder wie ein strapazierter Jo-Jo zurück nach Bayern. Und wenn er auch bei seinen Touren immer wieder Diät halten muss – zurück in Bayern ist alles anders: „G'scheite Wurscht, Radi, Schnittlauchbrot“, beschreibt er die Speiseriten nach langen Reisen. 

Bei Hans Sattelegger, dem Wirt der Schlossgaststätte, fällt die Konversation leicht. Poldis ältester Sohn Manuel ging mit Sattelegger in eine Schule. Bei Vater Sattelegger sprachen die von Bayerns früher oft bis spätabends bei deftiger Kost über die Zukunft der Kinder, über Heimat und Heritage, Laptop und Lederhose, Oxford und Ochsenfleisch. „Die gescheite Mischung macht's“, sagt Poldi und verweist auf seine eigene, siebenjährige Schulzeit in England. Als er wieder zurückkehrte, wusste er: „Ohne Traditionen und Erbe geht es für keinen wirklich erfolgreichen Menschen. Das macht das Land hier zu einem idealen Biotop für globale Menschen.“ 

Direkt neben dem Gasthof „mit königlich-bayerischem Biergarten“ befindet sich ein Bauerntheater. Der Prinz durchmisst den dunklen, mit Jagdtrophäen reich geschmückten Raum und wird nachdenklich. Die Siemens-Manager aus München, die hier früher oft am Freitag mit einer Ganghofer-Aufführung in eine Klausurtagung starteten, „die kommen nicht mehr“, hatte Sattelegger gesagt, „weil sie den Dialekt nicht mehr verstehen“. Selbst geborene Bayern nicht mehr! „Was heißt es eigentlich heute noch, in bayrischer Tradition zu erziehen, ohne hinterwäldlerisch zu sein?“, fragt Poldi. 

Zurück im Cockpit, beantwortet er die Frage. Das Forsthaus am See ist nicht mehr weit, ein paar Kurven noch. „Traditionen, und wenn es ein Trachtenverein ist, können helfen, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Das bringt Optimismus, den man überall auf der Welt einsetzen kann.“ 

Er kennt die Welt. Die Urururgroßmutter war Infantin von Spanien: „Spanier und Kalifornier haben den Stolz, den wir hier auch haben.“ „You can do it. Ja mei.“ 

Er lehnt am BMW, schaut hinüber über den See zum Wittelsbacher Schloss. Davor eine Villa, seine Villa. Und ihm fällt noch etwas ein, was Bayern so attraktiv macht. Sein Vorbild ist Ururgroßonkel König Ludwig II.: „Der war technikbegeistert und hat viel, viel Geld in die Hand genommen und einfach gebaut.“ Gebaut, was das Zeug hält. „Und heute kommen jährlich weit über eine Million Besucher in die Schlösser und sorgen für den Ruhm des ganzen Landes.“ 

Die Sonne kommt heraus. Ein Wink zum Mechaniker, der eilt heran und klappt Poldi das Stoffverdeck nach hinten, reinigt die Felgen vom Dreck des Uferwegs. Ist die Straße frei? Na, dann los! Vorbei an Dörfern mit alten, schiefen Balkonen und echten Landblumen – keine vom Gartencenter. 

Im urigen Klosterstüberl nimmt ein sächselnder Trachtenträger die Bestellung auf. Poldi verzieht etwas die Miene. Und sagt dann: „Tracht kann jeder tragen.“ Nebenan verabredet sich jemand mit norddeutschem Akzent am Telefon mit einem Spezl in Schwabing. „Die kommen hierher“, sagt Leopold von Bayern, „weil sie hier mehr Zukunft haben.“ 

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