Archiv: Über irdisch

Jean-Claude Ellena bannt den Zauber seiner geliebten Provence in den Herrenduft Terre d’Hermès. 

Schon im Laufstall schnupperte der aus einer alten Parfümeurfamilie in der südfranzösischen Essenzenstadt Grasse stammende Jean-Claude Ellena verlockende Düfte. Heute schreibt er Parfums wie Komponisten Symphonien. Nach einer steilen Karriere ist der Verführer („Parfum ist reine Verführungskunst“) seit 2004 als „Nase“ verantwortlich für die neuen Hermès-Parfums. Mit der Kreation des Herrendufts Terre d'Hermès etablierte er sein Renommee als Chefparfümeur der traditionsreichen Pariser Marke. Zur Präsentation ließ Ellena ein terrestrisches Menu aus lauter Köstlichkeiten servieren, die allesamt im Schoß der Erde gereift waren – in Anspielung auf die Namensgebung seiner Kreation. Der Duftmeister und begeisterte Hobbykoch sieht sensorische Parallelen zwischen Parfümerie und Haute-Cuisine. 

Herr Ellena, Sie tauschen sich regelmäßig mit Küchenchefs aus. Was verbindet die beiden Künste? 

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Beide, der Parfümeur und der Koch, appellieren an den Geruchssinn. Gemeinsam ist auch, das beide ihre Schöpfungen im Kopf kreieren. Unsere Arbeit ist trotz ihres sinnlichen Zwecks zuerst rein geistig. Wir setzen unsere Rezepte oder Rezepturen im Kopf zusammen. Für mich fungiert die Nase dabei als reines Testorgan, das ich erst nach dem schöpferischen Vorgang einsetze. Bei den meisten großen Köchen ist das ähnlich. 

Gibt es auch Unterschiede? 

Die Werke von Köchen und Parfümeuren wirken nicht im gleichen Zeithorizont. Wenn man eine Speise in den Mund nimmt, kaut und dann schluckt, dann dauert der Zauber des Geschmackes nur ein paar Sekunden, vielleicht auch eine halbe Minute. Ein Parfum dagegen erzählt seine Geschichte über fünf oder zehn Stunden. Und wir arbeiten nicht im selben Wirkungsraum. Abgesehen vom Geruch einer Speise, ist der Wirkbereich des Kochs auf den kleinen Raum des Mundes beschränkt. Das schafft eine größere Geschlossenheit und damit auch eine größere Intensität. Und beim Geschmack kommt noch einiges hinzu. Der Speisende nimmt zwar erst einmal den Geruch wahr. Er schmeckt aber auch, ob das Gericht süß, sauer, salzig oder bitter ist, auch ob es heiß, kalt, flüssig, rau oder weich ist. Der Geschmack ist also komplexer als der Geruch. 

Was bedeutet das für Ihre Arbeit? 

Ich drücke mich mit meiner Kreation außerhalb des menschlichen Körpers aus. Die Nase ist ein essenziell nach außen gerichtetes Sinnesorgan. Ich muss daher mit intensiveren Konzentrationen arbeiten. Um den Geschmack einer Orange im Mund zu erzeugen, braucht ein Koch nur ein Tausendstel der Menge einzusetzen, die ich verwende. 

Kochen Sie selbst? 

Mit Leidenschaft. Mein Lieblingsgericht ist Risotto – nicht zuletzt, weil es unendlich viele Varianten erlaubt, ganz simple und äußerst komplizierte. Ich mache es gerne mit Trüffel, Spargel oder einfach mit Petersilie. 

Setzen Sie in der Küche Parfum ein? 

Das geht nur in sehr wenigen Fällen. Ich habe einmal eine Aprikosentorte gemacht. In die Creme, auf der die Aprikosen liegen, gab ich einige Tropfen Osmanthus, das ist ein Grundstoff der Parfümerie, der aus den Blüten der gleichnamigen Pflanze stammt. Mit Alain Senderens, dem Chefkoch des gleichnamigen Pariser Restaurants, habe ich einmal ein Gericht gemacht, das von meiner Parfumlinie Hermessence inspiriert war. 

Und das Resultat? 

Wunderbar! Zum Parfum Rose Ikebana haben wir beispielsweise ein Macaron, also einen kleinen Kuchen, etwas größer als ein Biskuit, zubereitet, der nach Rose schmeckte und mit Rhabarber gefüllt war. Das Spiel zwischen der Rhabarbercreme mit dem Hauch von Rosen in dem Teig des Macaron erinnerte tatsächlich an Rose Ikebana, obgleich wir das Parfum selbst nicht verwendeten. 

Sie haben Terre d’Hermès als Herrenlinie kreiert. Wäre ein Damenduft völlig anders ausgefallen? 

Es wären nur wenige, aber wichtige Akzente gewesen, die ich grundsätzlich anders gesetzt hätte, zum Beispiel die Intensität. Ein Damenparfum braucht mehr Opulenz, mehr Sinnlichkeit. Für ein Damenparfum hätte ich vielleicht Sandelholz genommen. Sandel verleiht dem Duft einen Charakter von Rose und Milch – ein milder, aber verführerischer Geruch. Herrendüfte sollen leichter sein. Terre d'Hermès ist vertikal konstruiert – wie ein Pfahl, der solide in der Erde steht und um den sich die anderen Duftnoten herumwinden. 

Wie sind Sie vorgegangen, um den Duft zu finden? 

Ganz anders als bei meiner früheren Linie Hermessence, wo ich in der Grundidee von einem Stoff ausging und ihn transformierte. Das Vetiver in dem Duft Vetiver Rose habe ich also gewandelt, ebenso wie den Pfeffer im Parfum Poivre Samarcande. Bei Terre d’Hermès waren wir zu Beginn meiner Arbeit schon weiter im Konzept. Die Grundidee, eine Herrenlinie mit Eau de Toilette, Aftershave, Duschgel und Deodorant, stand schon fest. 

Auch der Name? 

Ja. Das war für mich in etwa so, als ob ein Autor den Auftrag für einen Roman bekommt, bei dem der Titel feststeht, die Seiten aber noch leer sind. Ich konnte also schreiben, was ich wollte. Ich hatte sehr früh die Idee, dass der Duft nur auf mineralischen und vegetarischen Komponenten beruhen sollte. 

Warum diese Einschränkung? 

Ich wollte die animalische Note heraushalten und nicht mit dem Klischee des animalischen Mannes spielen. Auch Moschus habe ich vermieden: Entgegen seiner Reputation bringt Moschus einen betont cleanen Effekt in den Duft. Sie finden diese Note oft in Waschmitteln oder in wohlfeilen Lifestyle-Parfums. Die Entscheidung, Moschus zu meiden, hat sich bewährt. In der Testphase habe ich Freunde, darunter auch Frauen, das Parfum probieren lassen. Es duftete bei jedem anders. Genau das, was ich wollte. Das Parfum fügt dem Duft der Haut eine Note hinzu, ohne die Individualität der persönlichen Duftnote zu überdecken. 

Sie gelten als Minimalist – auch bei ihrer Arbeit an Terre d’Hermès? 

Ja. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die 200 oder gar 300 Grundstoffe kombinieren, komme ich manchmal mit 20 Grundstoffen aus. 

Der Name Ihrer Schöpfung spielt auf die Erde an. Was ist daran so erdig? 

Die Beschränkung auf mineralische und pflanzliche Noten verweist natürlich auf die Erde. Doch die Erde war eher ein geistiges Leitmotiv bei der Konstruktion des Duftes; es ging mir nicht etwa darum, vordergründig den Geruch der Erde heraufzubeschwören. Vielmehr habe ich versucht, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der aufrecht auf der Erde steht. Die bereits erwähnte Vertikalität spielt eine zentrale Rolle bei Terre d’Hermès. 

Wie kann ein Parfum vertikal sein? 

Symbolisch. Ich bin auch Aquarellist. Und wenn ich Landschaften male – am liebsten übrigens in Irland –, dann male ich stets irgendwo einen Pfahl, einen Pfeiler, manchmal auch ein Stück Zaun ins Bild. Besonders, wenn es sich um menschenleere Landschaften handelt, mache ich das – einfach, weil ich damit die Gegenwart und die Kulturleistung von Menschen darstellen will. Und diese Vertikalität, den Pfahl, der in der Erde steht, drücke ich durch die zentrale Holznote aus. Eine Holznote, die sehr trocken und geradlinig, eben maskulin, ist und wie ein Stamm die Nebentöne hält. 

Hatten Sie für das Parfum einen bestimmten Typ von Mann im Kopf? 

Ich habe mir bei meiner Arbeit Männer vorgestellt, wie sie der provençalische Schriftsteller Jean Giono in seinen Romanen zeichnete. Giono hat mich stark geprägt. Die Männer, die er in seinem Werk vorstellt, freuen sich an einer Blume beim Spaziergang in der Natur oder einem Sonnenuntergang, sie lassen sich von kleinen Dingen verführen. Sie sind im eigentlichen Sinne des Wortes raffinierte, also verfeinerte Männer. 

Könnten Sie in Paris oder New York so gut arbeiten wie hier in Grasse? 

Es gibt viele Parfümeure in New York und Paris. Das sind schließlich die Zentren der Branche. Für mich ist Grasse wichtig. Aber es geht nicht so sehr um den Lavendelgeruch der Provence, die bukolische Landschaft oder die Parfumtradition in meiner Heimatstadt. Das alles liebe ich sehr. Aber für meine Arbeit zählt vor allem, dass ich hier bei mir selbst bin. 

Geht es konkreter? 

Wenn ich ein Parfum schreibe, gehe ich bis ans Ende der Einfälle, führe einen Kampf mit mir selbst. Dazu brauche ich einen Platz, an dem ich mich sicher fühle, unaufgeregt und wo ich zu Hause bin. 

Lothar Schnitzler 

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