Überstürzte Rückkehr

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Gerd Strehle » Der Eigentümer des deutschen Modeunternehmens Strenesse setzt sich wieder selbst auf den Chefsessel. 

Im Grunde war alles gut geplant: Nach mehr als fünf Jahren im Unternehmen hatte Peter Kappler im Juli den Vorstandsvorsitz von Strenesse übernommen, der wohl letzten verbliebenen unabhängigen deutschen Designermarke von Weltrang. Gerd Strehle, Sohn der Gründerfamilie und Macher der Marke, hatte für den 41-jährigen Kappler den Vorstandsvorsitz der nicht an der Börse notierten Aktiengesellschaft geräumt und sich auf den eigens geschaffenen Posten des Generalbevollmächtigten zurückgezogen. Doch der Rückzug war kein echter: Bald schon drangen Signale nach draußen, der Chef könne nicht loslassen. Branchenkenner tuschelten über ein gespanntes Verhältnis zwischen Strehle, zugleich Mehrheitsgesellschafter, und der neuen Führungsriege. Am Freitag vergangener Woche zogen beide Seiten nach gerade einmal vier Monaten den Schlussstrich. 

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Kappler und Finanzvorstand Marc Höfig verlassen Strenesse. Makulatur ist damit auch Gerd Strehles Ankündigung vom August: „Ich will eng am Tagesgeschäft dranbleiben, sonst kann ich die Marke nicht nach außen vertreten. Aber ich werde nicht mehr entscheiden.“ Stattdessen folgte ein Rückzug vom Rückzug – und ein Abschied mit Ankündigung: Denn wie jetzt aus Bankenkreisen bekannt wurde, hatte sich Strehle bereits im Oktober vom Aufsichtsrat wieder in den Vorstand berufen lassen. Offenbar war ihm die Strategie von Kappler und Höfig nicht geheuer. Aus Expertenkreisen heißt es, die beiden hätten wohl eine kommerziellere Ausrichtung des Unternehmens angestrebt, die Strehle und seine Frau Gabriele, die zugleich Chefdesignerin des Unternehmens ist, nicht mitgehen wollten. Gerd Strehle hat nun die Aufgabengebiete von Kappler und Höfig übernommen, kurzfristig soll jedoch ein weiteres Vorstandsmitglied berufen werden. Vor der Ernennung Kapplers war bereits spekuliert worden, Gerd Strehles Sohn Luca oder Tochter Viktoria – beide aus seiner ersten Ehe – könnten an die Spitze des Unternehmens aufrücken, das rund 500 Mitarbeiter beschäftigt. Viktoria Strehle ist bei Strenesse für die acht markeneigenen Geschäfte in Deutschland verantwortlich. Strenesse hatte zuletzt im Geschäftsjahr 2003/04 einen Umsatz von85 Millionen Euro veröffentlicht, neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor. 

Unter Kappler hatte Strenesse zuletzt etwa einen PR-trächtigen Ausstattervertrag mit der deutschen Fußballnationalmannschaft abgeschlossen – im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im kommenden Jahr ein kluger Schachzug. Außerdem war eine stärkere Expansion ins Ausland geplant. Denn noch macht Strenesse rund 65 Prozent seines Umsatzes in Europa, den Großteil davon in Deutschland. Hier zu Lande waren in den ersten neun Monaten dieses Jahres die Umsätze in der Bekleidungsbranche nach wie vor rückläufig – eine Stärkung des Auslandsumsatzes wäre daher nach Meinung von Branchenkennern die richtige Strategie. Bei Strenesse stammten zuletzt je zehn Prozent des Umsatzes aus Japan und Italien, sodass vor allem in Asien und den USA noch Potenzial vorhanden sein dürfte. Strenesse war daher in diesem Herbst auf den Modenschauen in New York angetreten: Zum ersten Mal in der 56-jährigen Unternehmensgeschichte präsentierte Gabriele Strehle ihre Kollektion auf der Fashion Week in den weißen Zelten des Bryant Park an der 6th Avenue. So sollte der bisher bei unter fünf Prozent des Gesamtumsatzes dümpelnde Anteil des US-Geschäfts nachhaltig erhöht werden. 10 bis 15 Prozent, hieß es, sollten es in den kommenden fünf Jahren werden. Was nun aus diesen Plänen wird, ist nicht bekannt. 

peter.steinkirchner@wiwo.de 

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