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Der Duft der Frauen oder wie Giorgio Armani den Code der Verführung knackt. 

Der Duft der Frauen – für den Frauenliebhaber Arthur Schnitzler lag darin die Essenz des Weiblichen, der Treibstoff des Begehrens, dessen Flüchtigkeit den Schriftsteller oft in Resignation fallen ließ. „Das Verhältnis mit D. ist so duftlos“, jammert der Wiener Dichterarzt im Tagebuch. „Sonderbar, dass M. sogar den Duft für mich verloren hat.“ Und überhaupt: „Meinem Leben fehlt der Duft.“ 

Der Duft der Frauen – er traf nicht nur das Nervenzentrum des Dichters, der sich nach dem frischen, süßen Fluidum der Wiener Mädchenblüten sehnte. Er trifft jeden einigermaßen empfindlichen Zeitgenossen – nach den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften irgendwo zwischen olfaktorischem und limbischem System, das in der Kernregion des Hirns für die basalen emotionalen Reaktionen zuständig ist. Unter den fünf Sinnen ist der Geruchssinn den animalischen Bedürfnissen am engsten verschwistert. Sex smells. Das Duftende ist das Verführerische schlechthin. Die Liebe geht durch die Nase. Nicht zuletzt die Erinnerung an eine Liebe. Ein süßer, einst wohlvertrauter Duft streift uns im Gedränge einer Party, und im Nu wird, ob wir es wollen oder nicht, eine längst vergessen geglaubte Epoche unseres Liebeslebens lebendig. 

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Man mag die Figur einer Frau hinreißend finden, ihr Lächeln bezaubernd. Berauschen bis zur Benommenheit kann man sich nur am Duft einer Frau, an dem, was sich dem visuellen Zugriff entzieht. „Adieu Sagesse“, Adieu Besonnenheit, heißt nicht zufällig ein klassischer Damenduft von Jean Patou, dessen Name allein schon nach einem ausschweifenden, spätabendlichen Rendezvous ruft. 

Welchen Duft man mag und wie ein Duft empfunden wird, ist naturgemäß eine subjektive Angelegenheit, bei der jeder nach seiner Nase gehen muss. Auch die Dichter haben ihre Vorlieben. Charles Baudelaire etwa liebte die schweren, betäubenden, assoziationsreichen Aromen von Moschus und Ambra. „Parfums gibt es, frisch wie Kinderwangen“, heißt es in den „Blumen des Bösen“ viel sagend. 

Doch kein Schriftsteller spielte mit den synästhetischen Reizen der Düfte so virtuos wie Joris-Karl Huysmans. In seinem Roman „Gegen den Strich“, der „Bibel des Fin de Siècle“, lässt er seinen Romanhelden Jean Floressas des Esseintes Duftakkorde komponieren, deren Nuancen die „gleichen Genüsse verschaffen können wie das Gehör und das Gesicht“. Er lernt die „Syntax der Gerüche“, studiert die Geschichte ihrer Sprache vom „parfümierten Stil Ludwig XIII.“ bis zu den „duftenden Stammbüchern der Chinesen und Japaner“, analysiert die Seele entlegenster Fluida, darunter das Mekkabalsam, „dieses seltene Kraut, das nur in gewissen Teilen der Arabia Petraea wächst und dessen Monopol dem Sultan gehört“. Er experimentiert mit Tonkin-Moschus und Patschuli, dem „schärfsten aller Pflanzenparfums“, verirrt sich in die Düfte des 18. Jahrhunderts, die Erinnerungen an die Venusgestalten eines François Boucher wecken, und kehrt zurück in die Belle Epoque mit „einem Regen gleichsam katzenartiger Essenzen, die nach Röcken duften und gepuderte und geschminkte Frauen ahnen lassen: Stephanotis, Ayapana, Opopanax, Chypre, Champaca und Sarcanthus“. 

Der Duft ist eine Ahnung, die man zufällig, wie im Vorbeigehen, erhascht, oder ein Lockmittel, mit dem man geködert und umgarnt wird. Ein zarter, auf Schläfe, Arm, Bauch oder Dekolletee getupfter Hinweis oder ein sieghaftes Ausrufezeichen. Allemal ist er eine kokette und damit urweibliche Geste ganz im Sinne des großen Kultursoziologen Georg Simmel, der die Koketterie als ein „labiles Spiel zwischen Ja und Nein“ bestimmte, in dem ein „flüchtiges Sich-Geben“ verbunden ist mit einem „Sich-Abwenden“, als wolle die Kokette ihrem Bewunderer sagen: „Vielleicht kannst du mich erobern, vielleicht nicht – versuche es!“ 

An genau diesen Reiz der Ambivalenz hat auch der Modeschöpfer Giorgio Armani gedacht, der seinen neuen Damenduft „Code“ als Hommage an das Genie der Weiblichkeit versteht. Ein Blick, der töten kann, gepaart mit einem schmelzenden Lächeln und einem delikaten Hüftschwung – in dieser unwiderstehlichen Kombination der Gegensätze erkennt Armani den hypnotisierenden Code weiblicher Verführung. Die Frau, der er sein neues Parfum widmet, ist denn auch nach dem Willen des Meisters alles zugleich: stark und verspielt, selbstsicher und zärtlich, kühn und verletzlich, abenteuerlustig und mondän. Und die auf den ersten Blick klassisch wirkenden Kleider, die sie trägt, offenbaren erst auf den zweiten Blick die stoffliche Raffinesse und auf den dritten zum Beispiel ein verführerisches Rückendekolletee. 

Ein Spiel mit doppeltem Boden, das der Mailänder Modeschöpfer in die Sprache des Parfums zu übertragen versucht hat. Was ihm vorschwebte, war ein schlichtes Parfum, das doch „wie bei einem Saphir“ unterm Licht den Reichtum seiner Facetten entfaltet. Ein Parfum, das zart und berauschend wirkt. Und den Schlüssel dazu glaubt er im schillernden Duft der Orangenblüte gefunden zu haben, einem nicht zufällig mediterranen Aroma, in dem Armani die Wurzeln seiner Mode erkennt: „Meine Düfte sind komponiert aus einfachen und zugleich eleganten Materialien. Genauso wie der Flacon, dessen Form feminin wirkt, in der Silhouette jedoch puristisch. Ein harmonisierendes Spiel mit den Kontrasten, ein Ausgleich der Gegensätze, der für meine ganze Mode typisch ist.“ 

Mindestens so verführerisch wie der Duft ist denn auch der Farbkontrast – Lackschwarz auf Saphirblau – und das Design des Flakons, für das Armani auf die kapriziöse Ornamentik von Blumenstickereien und Spitzen zurückgreift, die auch seine neue Schuh- und Kleiderkollektion leitmotivisch durchziehen und so das ewige Thema der Mode umspielen: die Halbverhülltheit, die kokette Spannung von Zeigen und Verhüllen, von Zurschaustellung und Versagung, die unsere Fantasie nicht ruhen lässt. 

Und der Duft der Männer? Nur so viel. In seinem neuen Roman „Mit bösen Absichten“ erzählt Armanis Landsmann Alessandro Piperno von einer verlassenen Schönen, die „schmerzliche Sehnsucht“ empfindet nach „einigen starken Gerüchen“. Wenn sie ihren Freund von hinten an sich drückte, musste sie „unbedingt ihre Nase in die Vertiefung zwischen dem Hals und der Schulter stecken. Ihre Nase unschamhaft in den Hemdkragen zu schieben, um den unverwechselbaren Geruch von unreifen Weintrauben und Waschmittel zu riechen, war zu einer Gewohnheit geworden, die sie beinahe ohnmächtig werden ließ.“ Wie sollte sie, so heißt es an einer Stelle, diesen „verdammten Geruch“ vergessen? Ist in ihm doch die Erinnerung aufgehoben an eine unwiederbringliche Zeit. An den Duft der Liebe und also der Vergänglichkeit. 

CHRISTOPHER SCHWARZ 

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