„Unsere Zeit ist gekommen“

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Shanghai-Tang-Gründer David Tang über den schlechten Geschmack neureicher Chinesen. 

Herr Tang, Sie sind bekannt geworden, weil Sie mit Ihren China-Clubs und Shanghai Tang chinesischen mit westlichem Stil vermählt haben. Seitdem gelten Sie als so etwas wie der Magister elegantiarum für China. Wie hat sich das Stilgefühl der Chinesen in den vergangenen Jahren entwickelt? 

Den Chinesen scheint in den Jahrzehnten nach dem Krieg jegliches Stilgefühl abhanden gekommen zu sein. In Peking wird ein großer Teil des kulturellen Erbes einfach abgerissen. Es macht mir große Sorge, mit ansehen zu müssen, wie China seine eigene Seele verliert. 

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Sind Sie da nicht zu pessimistisch? Glauben Sie nicht, dass mit wachsendem Wohlstand auch der Geschmack wächst? 

Chinas neue Reiche pflegen heute oft einen internationalen Stil, ohne an ihre Wurzeln oder ihre eigene Geschichte zu denken. Sie glauben, Luxus könne man in Sechs-Sterne-Hotels, teuren Geschäften oder opulenten Restaurants finden. Dabei hat China selbst einen ungeheuren Reichtum an Kunst und Kunsthandwerk. 

International ist chinesische Kultur im Moment ungeheuer angesagt. 

Ja, viele Menschen im Westen sind sehr von China fasziniert. Die Terrakotta-Armee des ersten Kaisers, Konfuzius, die Gartenarchitektur, die Tang-Gedichte oder die Ming-Vasen – all das hat etwas sehr Geheimnisvolles und Vornehmes. Unsere Clubs und Mode werden ja auch sehr gut angenommen. Ich glaube, das Geheimnis liegt in der Fülle an Tradition und Kunst, die wir verwenden können. Die China-Clubs leben vor allem vom Reichtum der Ausstattung und der Detailliebe. Bei Shanghai Tang haben wir den größten Erfolg mit schlichtem Chic: Samtjacken, klassische Seidenjacken und Seidenpyjamas mit leuchtend buntem Innenfutter. 

Ist das nicht Mode für eine kleine Minderheit? 

Für guten Geschmack ist es immer schwierig, eine größere Kundschaft zu gewinnen. Shanghai Tang ist Mode für Weltbürger, und davon gibt es weniger als man denkt. Vor allem die Amerikaner werden immer provinzieller. So viel ich weiß, haben nicht einmal 20 Prozent der Amerikaner Reisepässe. 

Vor zwei Jahren haben Sie die Führung bei Shanghai Tang abgegeben. Was machen Sie jetzt? 

Im Juli habe ich mein erstes Restaurant eröffnet, das China Tang in London. Außerdem baue ich in Hongkong einen stilvollen Festsaal, den man für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten mieten kann. Das ist ein Pilotprojekt, doch in China soll eine ganze Kette daraus werden. 

Sie haben also Ihre Landsleute noch nicht abgeschrieben, was Lebensstil betrifft? 

Auch die Chinesen wollen gut leben, und ihre Zeit ist gekommen. Im 20. Jahrhundert ist in China so viel passiert, dass die Menschen keine Zeit hatten, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Aber im 21. Jahrhundert ist das anders. 

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