Archiv: Unter Kontrolle

Stefan Baron über Bremsen des chinesischen Wachstums 

Die Bäume, sagt ein altes deutsches Sprichwort, „wachsen nicht in den Himmel“, irgendwann stößt alles einmal an seine Grenzen. Das gilt auch für das Wirtschaftswunderland unserer Zeit – China. 

Gewiss, das Reich der Mitte kann noch lange in dem Tempo weiterwachsen, das es in den vergangenen zwei Jahrzehnten vorgelegt hat. Aber so leicht wie bisher wird es nicht mehr gehen. Mit dem ökonomischen Erfolg nehmen auch die Nebenwirkungen und Gegenkräfte zu, China hat die Grenzen seines Wachstums noch nicht erreicht, aber es fängt an, die Bremsen des Wachstums zu spüren: 

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Um sich den notwendigen Kraftstoff für seine weitere Entwicklung zu sichern, muss das Land in Zukunft mehr Geld für Energie und Rohstoffe ausgeben und kommt dabei rund um die Welt zunehmend den entwickelten Ländern in die Quere. 

Das rapide Wachstum zieht einen ebenso rapiden Ausbau der Infrastruktur nach sich beziehungsweise setzt ihn voraus. Damit wächst die Gefahr der Verschwendung von Steuergeldern und Korruption. Die damit verbundenen Eingriffe in die Rechte von Privatpersonen (Enteignung, Umsiedlung) sorgen für sozialen Sprengstoff. Mit wachsendem Wohlstand wächst der Wunsch der Chinesen nach mehr individuellen Rechten. In der Folge werden staatliche Verwaltungsakte schwerer durchsetzbar, zumindest aber ziehen sie höhere Kosten nach sich (zum Beispiel für Entschädigungen). 

Das Wachstum Chinas belastet die Umwelt des Landes teilweise schon heute über ihre Grenzen hinaus. Die Kosten, die dem Land aus Umweltschäden derzeit entstehen, werden auf jährlich 200 Milliarden US-Dollar geschätzt. Peking muss dieser Entwicklung dringend Einhalt gebieten und mehr Geld für sauberes Wachstum ausgeben. 

Desgleichen werden die Kosten für den sozialen Zusammenhalt wachsen. Die Einkommensunterschiede in China haben wie in kaum einem anderen Land zugenommen. Diese Schere muss sich wieder schließen, soll der soziale Friede auf Dauer Bestand haben. Peking muss dazu neben den Infrastruktur-Investitionen zur besseren Erschließung zurückgebliebener Regionen künftig auch noch den Aufbau eines mindestens rudimentären Sozialsystems finanzieren. 

Zu diesen endogenen Kostentreibern und Wachstumsbremsen kommen exogene Faktoren: 

Je mehr China als Wettbewerber um Energie, aber auch um Arbeitsplätze auf den Weltmärkten auftritt, je mehr sein Außenhandelsüberschuss anschwillt, desto mehr wird es für die entwickelten Länder vom Partner zum Gegenspieler. Und desto größer wird die Gegenwehr: Der Westen wird nicht nur die weitere Abwanderung von Arbeitsplätzen, notfalls auch mit protektionistischen Maßnahmen, bremsen oder ganz verhindern wollen, sondern vor allem auch den weiteren Transfer von Technologie zu stoppen suchen. Um weiter kräftig zu wachsen, muss China künftig daher deutlich mehr Mittel für Forschung und Entwicklung sowie den Kauf von Lizenzen und Patenten aufwenden. 

Schließlich wird es für Peking in Zukunft schwieriger, die USA, die EU und Japan gegeneinander auszuspielen. Das Interesse dieser drei, den Aufstieg Chinas gemeinsam unter Kontrolle zu halten, drängt ihre spezifischen regionalen oder nationalenInteressen zunehmend zurück. Während sich für Peking so die Zahl der Optionenvermindert, gewinnt der Westen in Indien, Osteuropa und Russland neue Optionen hinzu. 

Die Herausforderungen für China werden also spürbar zunehmen. Allerdings: „Wo die Not wächst“, so ein anderes deutsches Sprichwort, „wächst das Rettende auch.“ 

Das chinesische Wirtschaftswunder der vergangenen zwei Jahrzehnte ist dafür selbst das beste Beispiel. 

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