Archiv: Unverzüglich zahlen

Infineon » Interne E-Mails belasten den Chiphersteller. Hat er beim Bau der neuen Zentrale gegen US-Bilanzregeln verstoßen? 

Erst vor rund drei Monaten erschütterte eine Schmiergeldaffäre den Münchner Chiphersteller Infineon. Vorstand  Andreas von Zitzewitz trat Mitte Juli zurück. Jetzt gerät Finanzvorstand Peter Fischl unter Druck: Es geht um den Bau von Infineons neuer Konzernzentrale. Offiziell tritt Infineon nicht als Bauherr auf, sondern als Mieter, was bilanzielle Vorteile hat. Interne E-Mails, die der WirtschaftsWoche vorliegen, nähren jedoch den Verdacht, dass Infineon die Fäden in der Hand hält. Bestätigt sich der Verdacht, drohen Infineon bilanzielle Konsequenzen. Selbst ein Verstoß gegen US-Bilanzregeln wäre nicht ausgeschlossen. 

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Bauherrin des Komplexes ist die Moto Objekt Campeon GmbH & Co. KG, hinter der die Commerzbank-Tochter CommerzLeasing und Immobilien AG steht. Als Leasingnehmer muss Infineon die Gesamtkosten des Campeon-Projekts in Höhe von 500 Millionen Euro nicht in der Bilanz ausweisen. Allerdings darf sich der Chiphersteller dann auch nicht an Entscheidungsprozessen oder der Finanzierung des Bauprojekts beteiligen. 

Interne E-Mails aus den Jahren 2002 und 2003, die der WirtschaftsWoche vorliegen, dokumentieren jedoch, dass Infineon schon in der Planungsphase weit mehr war als nur ein passiver Mieter: Insbesondere erfolgten Zahlungen an Projektbeteiligte – zumindest zu jener Zeit – offenbar nicht durch Moto, sondern wurden über einen Umweg von Infineon geleistet. 

Details zum Zahlungsweg beschreibt Moto-Manager Stefan Handke in einer E-Mail vom September 2002, in der die beteiligten Unternehmen unter ihren Kürzeln erwähnt werden: IFX steht für Infineon, CLI für CommerzLeasing und Immobilien. Der E-Mail zufolge führt Handke als Geschäftsführer der den Bau leitenden Moto Projektmanagement GmbH bei Rechnungen nur „eine Sichtung und Freigabe“ durch. „Sofort danach wird die Rechnung an IFX […] zur Billigung gegeben. Sobald die Billigung von IFX vorliegt, geht die Rechnung per Post […] zur CLI […], die unverzüglich […] einen Zahlungsabruf an IFX […] richtet. Sobald IFX auf diesen Zahlungsabruf an die CLI leistet, zahlt die CLI […] an die Auftragnehmer.“ In einer E-Mail von Mark Winterseel aus dem Campeon-Team von Infineon-Finanzvorstand Fischl vom April 2003 heißt es bezüglich einer fälligen Rechnung: „Ich habe die CLI vorhin angewiesen, diese Zahlung sofort vorzunehmen“ – ein weiteres Indiz dafür, dass Infineon wohl der Finanzierer des Projekts ist. Seit Ende 2000 betreibt die ehemalige Siemens-Tochter, die noch in Gebäuden der früheren Mutter residiert, den Bau ihrer neuen Zentrale. Initiiert wurde das Projekt noch von Ulrich Schumacher, dem Vorgänger von Infineon-Vorstandschef Wolfgang Ziebart. Im Frühjahr 2001 übernahm Fischl die weitere Projektplanung. Schon früher war der Verdacht aufgekommen, Moto sei nur eine Scheinfirma. Laut Aussagen aus Baukreisen seien bei Verhandlungen mit Baufirmen stets Fischl oder seine Teammitglieder zugegen gewesen; Moto-Vertreter hätten dagegen keine Rolle gespielt (WirtschaftsWoche 31/2005). 

Die Gefahr, dass der Chiphersteller mit seiner Rolle beim Campeon-Projekt möglicherweise US-Bilanzregeln verletzt, war den Infineon-Verantwortlichen offenbar bewusst, wie aus E-Mails hervorgeht. So wies Bernhard Heinemann, Teamleiter Campeon bei Infineon, seine Projektbeteiligten im August 2003 schriftlich an: „Ich habe die dringende Bitte, dass Themen, die [...] im Gespräch mit Hrn. Fischl erwägt werden, nicht als Anweisungen oder Vorgaben an Dritte in möglicherweise US GAAP schädlicher Weise dokumentiert werden.“ Infineon wollte die neuen Campeon-Details nicht kommentieren. Vielmehr verwiesen die Münchner darauf, dass ihnen mit KPMG und Ernst & Young zwei Wirtschaftsprüfer bescheinigt hätten, bei Campeon sei „alles regelkonform“ abgelaufen. 

michael.kroker@wiwo.de 

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