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Thales » Der französische Rüstungskonzern unternimmt einen neuen Anlauf zur Übernahme des begehrten Bremer Marineausrüsters Atlas Elektronik. Der Bremer Mittelständler OHB Technology soll ihm dabei helfen. 

Thales-Chef Denis Ranque gibt nicht auf im Kampf um die Bremer Atlas Elektronik. Der britische Atlas-Eigentümer BAE Systems hat nun eine Short-List für den weltweit führenden Ausrüster von U-Booten mit elektronischen Führungs-, Sonar-, Torpedo- und Minenabwehrsystemen gebildet. Im Rennen sind noch das Konsortium aus EADS und ThyssenKrupp, der US-Anbieter L3 Communications und Thales. Eine Partnerschaft mit einem deutschen Unternehmen würde die Chancen verbessern, zum Zuge zu kommen. Klar, dass sich L3, vor allem aber Thales um die Bremer OHB Technology, einen kleinen, börsennotierten Spezialisten für Raumfahrt, Satellitentechnik und Telematik bemühen. „Wir schlagen jetzt zurück mit Finmeccanica und OHB“, sagt Thales-Marinevorstand Jean-Georges Malcor. 

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Die OHB ist ebenfalls an einer Übernahme von Atlas interessiert, kam aber nicht in die Endauswahl. Vorstandsvorsitzender Marco Fuchs bestätigt „Gespräche mit den anderen Bewerbern“. 

Vielleicht gibt sich EADS/ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) allzu siegessicher. „Der Schlüssel liegt in London, nicht in Berlin“, sagt ein Insider und weist darauf hin, dass sich der Auswahlprozess noch hinziehen kann und mit einer anderen Bundesregierung die Karten neu gemischt werden könnten. BAE Systems wolle einen möglichst hohen Verkaufserlös erzielen, sagt der Insider. Die Angebote von L3 und Thales lägen um 40 bis 50 Millionen Euro über dem des Konsortiums EADS/TKMS. Es hat derzeit die Unterstützung der Bundesregierung. Berlin will nicht, dass mit dem Thales-Konzern, an dem der französische Staat einen Anteil von gut 31 Prozent hält und der überdies mit der Staatswerft DCN über einen Zusammenschluss verhandelt, indirekt Paris bei Atlas Elektronik zum Zuge kommt. Die Bundesregierung könnte eine ausländische Übernahme des Unternehmens durch ein Veto blockieren. Laut Verkaufsprospekt ist Atlas „ein strategischer Lieferant“ des deutschen U-Boot-Bauers HDW. Erhielte Thales den Zuschlag, hätten die Franzosen bei der HDW eine Sperrstellung. Damit kämen sie ihrem Ziel, ein großes deutsch-französisches Werftenbündnis zu schmieden, ein großes Stück näher. Ranque selbst muss sich außerdem der Begehrlichkeiten vonseiten des französischen EADS-Co-Chefs Noël Forgeard erwehren. Durch eine Verschiebung des internen Gleichgewichts in Richtung Marine will er Thales für die EADS, die immer stärker auf eine Übernahme drängt, unverdaulich machen. 

Weil Ranque unbedingt bei Atlas zum Zug kommen will, macht er großzügige Zugeständnisse bei der Standortsicherung für Bremen, aber auch beim Kaufpreis. Seinen Marinevorstand Malcor ließ er im vergangenen Monat verkünden: „Wir sind bereit, Garantien für die Arbeitsplätze zu geben und Bremen zu einem weltweiten Marinezentrum zu machen“ (WirtschaftsWoche 38/2005). Zudem hat Ranque einflussreiche Lobbyisten auf seiner Seite, wie etwa den Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, der im Thales-Aufsichtsrat sitzt. Das hat für Verstimmung in der Bundesregierung gesorgt. Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) sagte Mitte August auf der Jahrestagung der Clausewitz-Gesellschaft, er finde es „unanständig“, wenn ein deutscher Viersternegeneral im Aufsichtsrat eines ausländischen Rüstungsunternehmens sitze. 

gerhard.blaeske@wiwo.de | Paris 

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