Archiv: Verrückt nachSieg

Oracle-Chef Larry Ellison fliegt Kampfjets und will den America’s Cup gewinnen. Ein Besuch beim Exzentriker der Softwareindustrie. 

Schwer schlagen die Wellen gegen die Schiffswand. Während des ganzen Nachmittags schon pfeift eine steife Brise entlang der Costa del Azahar bei Valencia; jetzt, in den frühen Abendstunden, hat der Wind 20 Knoten erreicht und türmt die Wellen des Mittelmeers drei, vier Meter hoch auf. Immer wieder versuchen die Seeleute, das kleine Beiboot an der Seite des Mutterschiffs zu vertäuen und so den Passagieren das Übersetzen zu ermöglichen – vergebens, zu wuchtig sind die Wellen. Schließlich hilft nur der Rückzug in einen geschützten Seitenarm des Industriehafens von Valencia. Dort endlich gelingt der Transfer. 

Das Ziel ist die „Rising Sun“, eine der größten Privatyachten der Welt. Und eine der teuersten. Ihr Besitzer ist Larry Ellison, Gründer des Softwarehauses Oracle. Nie zuvor hat Ellison Journalisten auf sein schwimmendes Ferienhaus gelassen. Heute macht er eine Ausnahme. Larry Ellison, braun gebrannt, relativ schlank, muskulös, sieht nicht aus wie 61. Er benimmt sich auch nicht so. 

Anzeige

„Larry, Sie gelten als Playboy, als Großmaul, als launischer Despot, Ihr Ego müsse mit dem Gabelstapler transportiert werden. Wie lebt es sich mit so einer Reputation?“ 

Seine grüngrauen Augen fixieren das Gegenüber. „Sie machen Witze“, sagt er scharf, „das höre ich zum ersten Mal!“ Eine Sekunde der Stille vergeht, noch eine. Nur das Pfeifen des Windes und das Klatschen der Wellen sind zu hören auf dem Konferenzdeck der „Rising Sun“. Dann platzt das Lachen aus ihm heraus. Er ist gut drauf heute. 

„Niemand liest gerne Negatives über sich. Aber man gewöhnt sich daran, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Ich versuche, nicht mehr viel von dem zu lesen, was über meine Person geschrieben wird. Und wenn jemand etwas Positives schreibt, nehme ich es nicht allzu ernst, sonst müsste ich auch die negativen Sachen ernst nehmen.“ 

„Hat sich Ihr Ruf jemals als Hindernis erwiesen, wenn es ums Business ging?“ 

„Er hatte vermutlich einen geringen Einfluss. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass die Leute wegen meiner Person Oracle-Software kaufen oder nicht. In der Regel sind dies rationale Entscheidungen, die ausschließlich auf Grund von Produktqualität, Preis und Service gefällt werden.“ 

In der Tat: Trotz oder wegen seiner Persönlichkeit hat Larry Ellison sein Unternehmen zum größten Datenbank-Haus der Welt aufgebaut. Im Geschäftsjahr 2004/05 setzte Oracle mit rund 50 000 Mitarbeitern knapp zwölf Milliarden Dollar um. An der Börse ist der Hersteller von Datenbanken und Unternehmenssoftware 64 Milliarden Dollar wert. Nur Microsoft ist größer. 

Seit er vor 29 Jahren Oracle gegründet hat, hat sich Larry Ellison den Ruf als einer der Visionäre des Silicon Valley erarbeitet. Die Bedeutung des Internets etwa erkannte er bereits 1995. Er richtete die Strategie und die Produkte von Oracle konsequent darauf aus. Mitbewerber wie Microsoft oder SAP folgten erst Jahre später. Ellison ist es gewohnt, in langen Zyklen zu denken. Was den Selfmademan dabei vor allem antreibt, ist die Tatsache, dass er nach eigenem Geständnis „verrückt nach Sieg“ ist. 

Im unbedingten Siegeswillen wird er bisweilen mit Dschingis Khan verglichen, dessen Maxime es war, dass nicht nur er selber gewinnen musste, sondern auch alle anderen gefälligst zu verlieren hatten. „Everyone else must fail“ lautet der Titel einer der vier Biografien, die über Ellison publiziert wurden, „Softwar“ ein weiterer. Und: „The difference between God and Larry Ellison“. Worin der Unterschied besteht, verrät der Autor bereits im Untertitel: „God doesn’t think he's Larry Ellison.“ 

Tatsächlich attestieren Zeitzeugen Ellison ein gesteigertes Selbstbewusstsein von Kindheit an. Direkt nach der Geburt 1944 überantwortete ihn seine minderjährige Mutter der Tante und verschwand; Ellison sollte die Mutter erst im Alter von 47 Jahren kennen lernen. In Chicago wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Stiefvater, ein russisch-jüdischer Einwanderer, warf ihm ständig vor, ein Taugenichts zu sein. Seither will Larry Ellison der Welt beweisen, dass nichts unmöglich ist. Der Tod der Adoptivmutter warf ihn aus der Bahn, er brach sein Studium der Naturwissenschaften ab und fuhr in seinem türkisfarbenen Ford Thunderbird nach Kalifornien, weil er ein Buch über die dort aufblühende IT-Landschaft gelesen hatte. Bis er 35 Jahre alt wurde, trieb er mehr oder weniger durchs Leben. Bei der Omex Corporation spezialisierte er sich auf Datenbanken und richtete unter dem Projektnamen „Oracle“ eine solche für den Geheimdienst CIA ein. 1977 gründete er mit zwei Kollegen die Firma SDL, die er im Jahr 1983 in Oracle umbenannte. 

„Larry, Sie haben das Studium hingeschmissen, um sich als Programmierer im Silicon Valley durchzuschlagen. Welche Ausbildung braucht es, um als Unternehmer erfolgreich zu sein?“ 

„Unser Bildungssystem belohnt ein Maß Konformität. Die Lehrer wollen, dass man ihren Fragen mit den Antworten begegnet, die sie zuvor selbst gegeben haben. Die Schüler werden also angehalten, gut zuzuhören, statt selbst zu denken.“ 

Er spricht klar, pointiert, fast druckreif. Nur selten bricht er einen Satz ab, und wenn, dann meist, um ihn noch einmal schärfer zu formulieren. 

„Wurden deswegen so viele erfolgreiche IT-Unternehmen wie Microsoft, Apple oder eben Oracle von Studienabbrechern gegründet?“ 

„Das Geheimnis des unternehmerischen Erfolges ist es, Fehler in den Lehrbuchweisheiten zu finden. Die schnellste Art, vom College zu fliegen ist, Lehrbuchweisheiten anzuzweifeln. Galileo Galilei wäre bei seiner Astronomieprüfung durchgefallen. Wenn es um Innovation geht, hilft Ausbildung nicht viel. Nur wenn man selbst denkt, kann man Fehler finden und Althergebrachtes auf eine neue, bessere Weise angehen.“ 

Das ist Larry Ellison, wenn er guter Dinge ist. Ist er schlecht drauf, hat er keine Hemmungen, sein Gegenüber anzubrüllen oder einfach stehen zu lassen. Die Stimmung kann schnell kippen. 

Ans eigene Limit zu gehen ist Ellisons Hauptmotivation, im Geschäftlichen wie im Privaten. 1995 brach er sich vor Hawaii beim Surfen das Genick und riss sich die Lunge an. Beim Mountainbiking brach er sich mehrfach Arm und Ellenbogen. 1998 nahm er mit der „Sayonara“ am Rennen Sydney–Hobart teil, einem der anspruchvollsten Segelrennen der Welt. Ellisons Team lag in Führung, als ein schwerer Sturm aufzog. Um den Sieg nicht zu verpassen, zwang er seine Crew, durch den Sturm hindurchzusegeln. Die „Sayonara“ wurde schwer beschädigt, aber Ellison gewann das prestigeträchtige Rennen. 

Solches Draufgängertum brachte Ellison auch den unternehmerischen Erfolg und machte ihn zum Milliardär. „Ich war mal arm, nun bin ich reich. Reich zu sein ist definitiv der bessere Lebensmodus.“ 18,4 Milliarden Dollar betrug sein Vermögen laut „Forbes“ 2005. Damit belegt er Platz neun auf der Liste der Reichsten dieser Welt. Im Jahr 2000 war er kurzzeitig sogar die Nummer eins. 

„Larry, ist es immer noch Ihr Ziel, wieder der reichste Mensch der Welt zu werden?“ 

„Dies war nie mein Ziel. Ich glaube nicht, dass irgend jemand, der bei klarem Verstand ist, so etwas will. Es ist mit einem Fluch verbunden.“ 

Geld freilich macht sexy: Unzählige Frauengeschichten werden dem 61-Jährigen nachgesagt. Inzwischen ist er zum vierten Mal verheiratet; seine Frau Melanie Craft, Romanautorin, ist ein Vierteljahrhundert jünger als er. Aus einer früheren Ehe hat er zwei Kinder, Megan, 19, und David, 22, die er regelmäßig in Malibu besucht, wo die beiden ihre Filmkarrieren vorantreiben. 

Geld auszugeben hat sich Ellison nie gescheut. Das Haus, das er sich vor einigen Jahren in die Hügel von Woodside, Kalifornien, bauen ließ, setzt sogar für das verwöhnte Silicon Valley Maßstäbe in Großzügigkeit und Exzentrik. Auf einer Fläche von 23 Fußballfeldern finden sich Seen mit Inseln, Brücken, Wasserfälle und ein riesiger japanischer Garten. Gekostet hat das Ganze 100 Millionen Dollar. 

Zu Geschäftsterminen fliegt Ellison am liebsten mit seinem eigenen Jet, einer Bombardier Global Express. In seiner Freizeit rast der Ego- und Exzentriker im McLaren-Formel-1-Boliden durch die Gegend oder steuert ein italienisches Marchetti-Kampfflugzeug. 

Ellisons größtes Statussymbol aber ist die „Rising Sun“, mit 138 Meter Länge eine der größten Privatyachten der Welt und mit 270 Millionen Dollar Baukosten eine der teuersten. 75 Mann Besatzung sorgen für das Wohl von Ellison und seinen Gästen. 

„Larry, warum baut man sich so eine Megayacht?“ 

„Gute Frage. Ich wollte ein Schiff, das schön aussieht, niedrig gebaut und mindestens 30 Knoten schnell ist. Je länger ein Schiff ist, desto schneller kann es fahren. Die ,Rising Sun‘ fing mit 90 Metern an, und dann entwickelte sie ein Eigenleben – sie wurde länger und länger, ich habe die Länge unterwegs aus den Augen verloren. Wir haben jede Menge Platz verschwendet, nur damit das Ganze schön aussieht. Das da etwa war gar nicht nötig“, sagt er und deutet aufs Heck der „Rising Sun“. Dort, ein Deck tiefer, hat sich Ellison ein komplettes Basketballfeld einrichten lassen. 

Ebenso wie Bill Gates stiftet Ellison einen Teil seines Vermögens für wohltätige Zwecke: Er versorgt Dritte-Welt-Länder mit Impfungen gegen Infektionskrankheiten. Kürzlich spendete er der Harvard University 120 Millionen Dollar, die größte Donation in der Geschichte der Elitehochschule. Forschungsziel: die Mechanismen des Alterns und die damit verbundenen Krankheiten zu erforschen. 

In mancher Hinsicht ähnelt Ellison jener anderen Gründerfigur des Silicon Valley, Apple-Chef Steve Jobs. Beide wurden als Kind adoptiert, sie sind eng miteinander befreundet, und beide polarisieren, auch im eigenen Unternehmen: Die einen Mitarbeiter verehren Leute wie Jobs und Ellison als brillante Denker, die klare Anweisungen geben, und sind ihnen treu ergeben. Die Kritiker sehen solche Unternehmer vielmehr als Machiavellisten und verlassen die Firma deswegen. 

Auf diese Weise verlor Oracle immer wieder Topleute: etwa den Starverkäufer Tom Siebel, der 1993 Siebel Systems gründete; Ray Lane, ehemals die Nummer zwei, der 2000 zur Venture-Capital-Institution Kleiner Perkins ging; oder Craig Conway, der 1999 Chef des Konkurrenten PeopleSoft wurde. Diese Überläufer sind Larrys Lieblingsfeinde. „Wenn ich Conway und dessen Labrador Abbey träfe und nur eine Kugel hätte, glauben Sie mir, dann wäre sie nicht für den Hund“, giftete er 2003. Conway hatte die Lacher auf seiner Seite, als er seinen Hund daraufhin zu einer Konferenz mitbrachte und in ihn kugelsicherer Weste vorführte. 

Legendär ist auch Ellisons Auseinandersetzung mit Hasso Plattner, dem Gründer des deutschen Erzrivalen SAP und wie er begeisterter Segler. Vor einigen Jahren traten sie im Pazifik gegeneinander an. Am letzten Tag der Regattaserie lag Ellison nach eigener Darstellung am Steuer seiner „Sayonara“ gegen Plattners „Morning Glory“ so klar in Führung, dass seine Männer sich nicht mehr anstrengten. Stattdessen prosteten sie Plattners Boot im Vorbeisegeln mit Champagnergläsern triumphierend zu. 

Plattner sei darüber so erbost gewesen, dass er die Hose herunterließ und Ellison den nackten Hintern entgegenstreckte. (Nach Angaben des Deutschen war vielmehr sein Mast gebrochen, und Ellisons Crew habe keine Hilfe geleistet.) Ellison hingegen erinnert sich an den Vorfall sichtlich vergnügt: „Meine Seeleute haben sich zu Tode erschreckt“, erzählt er lachend, „ehe Hasso seine Hose das nächste Mal runterlässt, sollte er ein Fitnesscenter besuchen!“ 

Dem Erzrivalen SAP heizt Ellison auch geschäftlich ein. Bisher waren die Märkte klar aufgeteilt: Oracle ist die Nummer eins im Geschäft mit Datenbanken; dort verdient das Unternehmen rund 80 Prozent seines Geldes. Da dieses Geschäft aber nur noch schwach wächst, hat Ellison schon vor Jahren begonnen, in den Bereich der Unternehmenssoftware zu diversifizieren. 

Durch seine Firmenakquisitionen hat Oracle zu den Deutschen aufgeschlossen. Nun liefern sich die beiden einen heftigen Preiskampf. „Ich schätze mal, in zwei bis vier Jahren werden wir sie in ihrem Kerngeschäft überholt haben“, prophezeit Ellison großspurig. „Wir sind insgesamt größer, wir sind profitabler, wir wachsen schneller, und wir sind schlichtweg ein viel besser geführtes Unternehmen als SAP.“ 

Oracle, SAP, IBM und Microsoft: Das sind die vier Unternehmen, die nach Ellisons Theorie die Softwareindustrie dominieren werden. Aus seinem Ziel macht Ellison kein Geheimnis: „Ich will, dass Oracle das Softwareunternehmen Nummer eins wird!“ Aber auch wenn Oracle die geplante Umsatzverdopplung gelingt: Microsoft liegt mit 40 Milliarden Umsatz noch weit voraus. Microsoft zu überholen, Bill Gates von Thron zu stoßen das wäre Ellisons ultimativer Triumph. 

Und ein weiterer Traum verfolgt den ehrgeizigen Softwareunternehmer: den America’s Cup zu gewinnen. Vor drei Jahren hat Ellison es bereits einmal versucht, mit viel Geld und tatkräftigem persönlichem Einsatz. Damals war er offiziell nur Ersatzsteuermann. Doch als Geldgeber scheute sich der Milliardär nicht, auch klaren Einfluss auf Personalentscheide zu nehmen. Vielleicht lag es auch daran, dass er in der Vorausscheidung mit 1:5 gegen den späteren Gewinner unterlag, das Team Alinghi mit dem Schweizer Ernesto Bertarelli an der Spitze. 

200 Millionen Dollar will Ellison nun für die Verwirklichung des Traums lockermachen. 200 Mann aus 16 Nationen zählt das Team, das ihm 2007 den ultimativen Triumph bringen soll. In den Qualifikationsrennen des vergangenen Jahres musste er sich gegen die „Alinghi“ freilich meist geschlagen geben. 

Auch er selber wird wieder mitsegeln. Um sich seinen Platz zu sichern, ließ er extra die Regeln ändern und die Crew von 16 auf 17 Mann erweitern. Auf der „USA 76“, wie sein Boot offiziell heißt, arbeitet Ellison als Afterguard, also als Mitglied der Kommandozentrale des Boots, manchmal auch als Steuermann. Die technischen Fähigkeiten des 61-Jährigen sind beachtlich, aber ihm fehlt die Zeit zum regelmäßigen Training. 

Bereits jetzt ist sein zeitlicher Einsatz für die Operation enorm. Aus diesem Grund hat er in jüngster Zeit bei Oracle viel Verantwortung abgegeben an seine Stellvertreter Safra Catz und Charles Phillips sowie den neuen Finanzchef Gregory Maffei. Das Hauptquartier von Oracle, sechs funkelnde Glastürme in Redwood Shores im Silicon Valley, sieht Ellison bisweilen wochenlang nicht. 

Langsam senkt sich die Sonne gegen den Horizont des Mittelmeers. Ellison gibt der Crew die Anweisung, das Schiff Richtung Hafen zu steuern. 

„Larry, Sie sind seit 29 Jahren an der Spitze von Oracle. Was motiviert Sie noch?“ 

„Interessante Frage. Als Unternehmen hatten wir die Jahre starken Wachstums, als wir noch klein waren. Dann kam erst die Internetblase, anschließend der Crash und nun die Konsolidierungsphase. Mein Job ändert sich konstant. So gesehen ist er immer wieder eine neue Herausforderung. Es hängt davon ab, wie man sein Leben führen will. Ich muss etwas tun. Ich kann nicht die ganze Zeit nur segeln. Ich würde mich zu Tode langweilen!“ 

Marc Kowalsky 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%