Archiv: Vintage-König

Im vergangenen Jahr wurden etwa 50 Ihrer Vintage-Teile von Emilio Pucci erstmals in Mailand ausgestellt. Was war das für ein Gefühl? 

Wunderbar, weil mir etwas gelungen ist, was ich immer wollte: ein Stück Couture zu erhalten und zu retten. Alten Modellen ihre Würde und ihren Wert zurückzugeben – das hat mich von jeher angetrieben. Deshalb habe ich überhaupt erst mit dem Sammeln begonnen. Für mich sind diese alten Kleider wie Kunst, ein Stück Kultur, Erinnerungen, die es zu bewahren gilt. In diesem Jahr waren 20 meiner Jeans in Brüssel zu sehen und weitere 20 in Paris. 

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Sie sammeln Vintage-Designerstücke ebenso wie Jeans und Sportswear. Haben Sie einen Fokus? 

Ich lege mich nicht gern fest. Nicht umsonst umfasst meine Kollektion mittlerweile über 50 000 Teile, dazu kommt noch der gesamte Verkauf. Generell sammle ich alles aus der Zeit ab 1900. Meine Lieblingsperiode sind die Sechzigerjahre: Pierre Cardin, Paco Rabanne und natürlich Emilio Pucci. Diese Farben, diese Lebendigkeit! Es fasziniert mich, wie ein Italiener damals den amerikanischen Markt eroberte, und wie er im Design Zeichen setzte. Mit seinen unverkennbaren Mustern ist Pucci immer noch aktuell. Designer, die so einen starken Einfluss hatten, kommen logischerweise immer wieder in Mode. Als ich anfing zu kaufen, wollte seine Entwürfe keiner mehr haben. Heute sind sie von unschätzbarem Wert. 

Wann und wie begann Ihre Leidenschaft? 

Als Teenager in den Siebzigerjahren. Ich arbeitete bei einem lokalen Radiosender und gab den Zuhörern Stylingtipps. Ich fing an, auf Flohmärkten zu stöbern und Vintage-Kleider zu kaufen. Zu meinen ersten Teilen gehörte ein perlenbesticktes Kleid aus den Zwanzigern. Irgendwann war ein ganzer Raum im Haus meiner Eltern voll mit Vintage-Sachen und ich dachte daran, diese Stücke auch anderen zugänglich zu machen. So fing ich an, Teile meiner Kollektion an Designer zu verleihen. Die Leihgebühren investierte ich sofort wieder in neue Stücke. Zeitgleich traf ich meinen Partner, der Vintage-Kleidung auf Märkten verkaufte. Wir taten uns zusammen, gründeten ein Unternehmen, eröffneten unseren ersten Shop, und so wurde meine Passion auch zu meinem Geschäft. Ich hatte damals keine Ahnung von Mode, aber ich fühle mich seit jeher zu ihr hingezogen. Heute nutzen Studenten, Designer und Stylisten unser riesiges Archiv. Ständig sind Teile von uns in Modestrecken der Magazine zu sehen. Das macht mich stolz. 

Wie entscheiden Sie, was Sie in Ihrer Sammlung behalten und was im Laden verkauft wird? 

Da verlasse ich mich ganz auf meinen Instinkt und meine Erfahrung. Wenn mir etwas Besonderes an einem Kleidungsstück auffällt, behalte ich es. Es hat nicht so sehr mit dem Wert zu tun, als vielmehr mit dem, was ich in ihm sehe. 

Haben Sie ein Lieblingsteil? 

Mehrere. Da wären zwei oder drei Pucci-Modelle, das schwarze Dior-Abendkleid, sowie ein altes Chanel-Kostüm, das ich einmal für 2500 Euro gekauft habe und natürlich das gelbe Seidenkleid, das ich in Brooklyn fand. Das war wie im Kino: Unter einer Brücke, wo Obdachlose hausten, verkaufte ein Mann Kleider. Ich entdeckte zwischen all dem Gelumpe am Boden einer Kiste das gelbe Kleid. Es war in unglaublich gutem Zustand, nur leider ohne Label. Ich fragte nicht, woher es stammt, die Geschichte von Kleidern interessiert mich ohnehin nicht so sehr, mir kommt es auf die Qualität an. Er verkaufte es mir für zwei oder drei Dollar. 

Welches sind die teuersten Stücke, die Sie besitzen? 

Eine Levi's 501 aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, sie wurde noch nie gewaschen und ist heute ungefähr 25 000 Euro wert. Ich bekam sie für deutlich weniger, weil ich einen guten Zeitpunkt erwischt hatte. Allerdings musste ich, um sie zu bekommen, dem Verkäufer drei Container voller Jeans abkaufen. Das Teuerste, was ich selbst je für eine Jeans bezahlt habe, waren 1982 umgerechnet 3000 Euro. Und einmal habe ich auf einer Auktion 9500 Euro für eine andere Jeans geboten, wurde aber überboten. Heute habe ich ein Vermögen in Jeans stecken, die ältesten von 1922 und 1937. 

Wie bewahren Sie die auf? 

Wenn sie nicht gerade auf Ausstellungen umherwandern, verstaue ich sie in atmungsaktiven Boxen. Die exklusiveren und ganz alten Teile vertragen weder Licht noch Staub, aber sie müssen natürlich atmen können. Alle anderen Vintage-Modelle hängen offen im Archiv. Diese Kleider gehören einfach nicht weggeschlossen. 

Und wo finden Sie all diese Stücke? 

Überall: Altkleiderstellen, Auktionen, Flohmärkte. Früher habe ich hauptsächlich in den USA gekauft, heute kaufe ich sehr viel von Privatpersonen. Ich bin süchtig nach Flohmärkten. Das ist wie ein Abenteuer. Ich jage den Dingen hinterher, finde sie und versuche dann, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. 

Ist das für Sie die Magie des Sammelns? 

Ja, das Prickeln des Findens und das Gefühl des Besitzens. Finden ist mir noch wichtiger, denn ich will ja auch andere Menschen teilhaben lassen am Genuss meiner Schätze. 

Was tragen Sie selbst am liebsten? 

Was für eine Frage! Vintage natürlich. Ich trage – ausgenommen Unterwäsche – ausschließlich alte Kleider, am liebsten aus den Sechzigern. Diese Jeans hier, mein Jackett, die Turnschuhe, das Hemd, alles alt. Ich persönlich mag nur Sachen, die mindestens 20 Jahre alt sind. Natürlich muss die Qualität stimmen, was nicht heißt, dass sie wie neu aussehen müssen. Die Zeichen des Lebens, die kleinen Fehler sind ja oft gerade das Charmante. Schon als Teenager trug ich ausschließlich Vintage, während meine Klassenkameraden in den neuesten Sachen herumliefen. Schon damals fühlte ich mich meiner Zeit voraus und viel schicker als die anderen. 

BIANCA LANG 

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