Archiv: Volkswagenburg

Stefan Baron über die Beteiligung von Porsche bei VW 

Totgesagte leben länger, heißt es im Volksmund. Zu besichtigen ist diese allgemeine Lebenserfahrung derzeit gleich an zwei prominenten Fällen: Gerhard Schröder war als Bundeskanzler schon so gut wie tot, als er im Mai vorzeitige Neuwahlen ankündigte. Alle Welt dachte, der Mann wolle sich einen honorigen Abgang verschaffen, dem Land einen letzten Dienst erweisen und den Weg freimachen für die notwendigen ökonomischen Reformen. 

Von wegen! Schon Schröders Anstrengung im Wahlkampf zeigte: Er dachte nicht an Abschied. Sein anhaltendes Beharren auf dem Kanzleramt macht das jetzt dem letzten Zweifler schmerzhaft klar. 

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Mit Schröder bäumt sich auch ein alter Weggefährte aus Wolfsburg gegen das Ende auf – der einstige Vorstands- und heutige Aufsichtsratsvorsitzende von VW, Ferdinand Piëch. Seit der jüngsten Affäre, die seinen Spezi Peter Hartz dahinraffte, schien auch Piëchs vorzeitiger Abgang aus dem Amt nur noch eine Frage der Zeit. Doch wie Schröder will der Mann den Weg nicht freimachen. Um seine egomane Modellpolitik und kostspielige Kungelei mit Gewerkschaften und Politik zu kaschieren, kauft er sich kurzerhand ganz groß in Wolfsburg ein (siehe Geschichte Seite 72). 

Schröder und Piëch sind autoritäre Persönlichkeiten. Sie putschen – jeder auf seine Weise – gegen eine Realität, die sich gegen sie verschworen zu haben scheint: Schröder gegen die demokratische Kultur in diesem Lande, Piëch gegen eine zeitgemäße Unternehmenskultur. Der eine ignoriert den Willen der Wähler, der andere den der (freien) Aktionäre. 

Beide haben dabei genug willige Helfer. Im Falle Piëch tut sich besonders der Porsche-Vorstandsvorsitzende Wendelin Wiedeking hervor. Öffentlich lässt er sich rühmen, die Idee mit dem Großeinstieg von Porsche bei VW stamme von ihm selbst – obwohl Piëch als Chef von VW schon vor Jahren mit demselben Gedanken gespielt hat. Natürlich, die Idee könnte genauso von King Wendelin sein, bringt sie ihm doch nur Gutes:neuen Ruhm als strategischer Denker und patriotischer Unternehmer, einen Posten im Aufsichtsrat von VW, wahrscheinlich Piëchs Nachfolge in dem Gremium und, wer weiß, vielleicht sogar eines Tages die Erfüllung seines schönsten Traums – die Chefposition in Wolfsburg. 

Sowohl Schröder wie Piëch (und Wiedeking) haben somit vor allem eigensüchtige Motive für ihr Handeln, mögen sie der Öffentlichkeit auch die ehrwürdigsten Begründungen auftischen: Schröder will der Einzige sein, mit dem eine stabile Regierung möglich ist, Piëch der alleinige Garant für eine stabile Zukunft von Porsche und VW. Dabei war schon das zweite Kabinett Schröder so instabil, dass sein Chef sich zu vorzeitigen Neuwahlen veranlasst sah, und gilt die Regentschaft Piëchs als Vorstandsvorsitzender in Wolfsburg vielen als Hauptursache für die instabile Lage des VW-Konzerns. 

Weder der strategische noch der patriotische Weihrauch, den Piëch jetzt verbreiten lässt, kann verschleiern, dass das Groß-Engagement bei dem Wolfsburger Autokonzern, nüchtern betrachtet, wenig Sinn macht: Für die freien Porsche-Aktionäre ist es reine Geldvernichtung, für alle anderen eine riskante Wette auf die Zukunft. Auch VW sollte sich nicht zu viel davon versprechen: Mit dem Einstieg von Porsche droht dem Unternehmen der Rückfall in eine schon überwunden geglaubte Unternehmenskultur, geprägt von mangelnder Transparenz gegenüber den Kapitalmärkten und einer großen Koalition mit den Gewerkschaften. 

Volksporsche wird so zum Symbol für den Zustand des ganzen Landes. Die enge Verbindung beider Unternehmen ist alles andere als ein Zukunftsmodell. Sie bedeutet einen Rückfall in die Deutschland AG. Volkswagen wird zur Volkswagenburg. 

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