Archiv: VollmondimTeich

Ein Besuch im Ryokan Yagyu-No-Sho, Japans wohl schönstem Landgasthof 

Wenn das Auto in den bambusgesäumten Kiesweg biegt, eilen mehrere Damen in eleganten Kimonos, Manager Takashi Saito und der Hausdiener herbei und formieren sich zu einer kollektiven Verbeugung. „Irrashaimase, herzlich willkommen“ im Yagyu-No-Sho, zwitschert der Chor zur Begrüßung und führt den Gast ins Haus. Kein Empfangstresen, kein Restaurant, kein Business- und kein Fitnesscenter. 

Über frisch gesprengten schwarzen Marmor geht es bis an die „Schuhgrenze“. Dort hilft eine Hausdame beim Umsteigen in die bereitgestellten Pantoffeln. Vorbei an goldbemalten Lacktischen, antiken Truhen, Kalligrafien, Ölgemälden und wunderbar schlichten Blumenarrangements geht es in einen der seitlichen Gästeflure. In den mit duftenden Reisstrohmatten ausgelegten Räumen sind Schuhe unerwünscht. 

Anzeige

Die Zimmer sind minimalistisch edel eingerichtet. Ein niedriger Lacktisch in der Mitte, zwei Sitzkissen mit Korblehne und einer Armstütze aus schwarzem Lack, eine exquisite Lackstehlampe, wie sie nur noch in Museen oder als teure Einzelanfertigung in Kyoto zu sehen sind. High-Speed-Internet oder Faxgerät? Fehlanzeige! In einem Ryokan soll der Besucher Ruhe und Beschaulichkeit finden. 

Vor allem Geschäftsleute und Konzernlenker aus dem rund 130 Kilometer entfernten Tokio schätzen den Gasthof Yagyu-No-Sho. Hier, zwei Autostunden entfernt von der Hektik der Millionenmetropole, erinnert nichts an Arbeit, schaltet jeder automatisch auf Erholung. 

Im Yagyu-No-Sho gibt es keine Schlüssel. Hier verkehren keine Diebe. Die insgesamt nur 16 Zimmer haben auch keine Nummern, sondern Namen: „Wo die Kiefer sich verneigt“ oder „Wo der Vollmond sich im Teich spiegelt“; sie beschreiben Lage oder Garten. Jeder Raum, jede Suite ist einzigartig. 

Wer die alten, regelmäßig liebevoll rekonstruierten Räume zum ersten Mal betritt, ist hingerissen von dem umwerfenden Blick auf eine perfekte Gartenkunst, auf den romantischen Teich mit Koi-Karpfen und den immergrünen Bambushain. Mattweiße Shoji-Papierschiebetüren werfen ein geheimnisvolles Muster auf die erdfarbenen Wände. Es riecht nach japanischen Zypressen, aus denen das gesamte Gebäude gebaut ist, und zarten Wiesenblüten in einem Ikebana-Gesteck. 

Bald klopft die Hausdame, verbeugt sich tief, rutscht auf Knien mit einem Lacktablett heran, um Erfrischungstücher, Tee und einen kunstvoll in Reispapier eingewickelten Bohnenmuskeks zu servieren. Die Goyogakari – zu Deutsch „Jemand für die Arbeit und Bewirtung“ – fragt nach der Zeit für das Abendessen, das im Zimmer eingenommen wird. Vorsichtig erkundigt sie sich nach eventuellen Abneigungen, denn im Ryokan wird aufgetischt, was die Saison bringt und der Küchenchef mag. 

Die Gäste schlendern im blauweißen Einheitskimono durch den Ryokan. Ins Gemeinschaftsbad unter freiem Himmel steigen sie, getrennt nach Geschlecht, nackt – im Frühjahr und Sommer umrahmt von Azaleen, im Herbst von einem Farbzauber aus Ahorn, Farn und Bambus. Nach dem Bad treffen sich Paare, Freunde oder Familien in ihrem Zimmer, wo die Dienerin ein meist zwölfgängiges Mahl auftischt. Während später der Gast am Fenster einen Schlummertrunk nimmt, tauschen Hausdiener Tisch und Armlehnen gegen dicke Futons und wünschen „Oyasumi nasai“, gute Nacht. 

Angela Köhler 

Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%