Von Dichtern und Dandys Wenn Schriftsteller zu Komplizen der Mode werden. fivetonine inszenierte berühmte literarische Figuren in aktueller Designermode.

Archiv: Von Dichtern und Dandys Wenn Schriftsteller zu Komplizen der Mode werden. fivetonine inszenierte berühmte literarische Figuren in aktueller Designermode.

Als der Literaturkritiker Reinhard Baumgart seinem frühen Idol Thomas Mann im Juli 1949 bei dessen Münchner Vortrag über „Deutschland und die Deutschen“ zum ersten Mal begegnet, ist es nicht nur die „helle, fast singende lübeckische Stimme“, die ihn beeindruckt. Respektvoll notiert der Kritiker auch die Garderobe des Redners. Mann tritt in seiner Lieblingsrolle auf, als würdiger Geistesrepräsentant, in dunklem Anzug mit grauer Weste, „vor dem weißen Hemd ein Plastron mit festlich draufgesteckter Perlennadel“. 

Wenn am 10. März der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und der Schriftsteller Robert Gernhardt das Kölner Literaturfest lit.cologne mit einer Diskussion über Lyrik im Kölner Schauspielhaus eröffnen, dürfte die Garderobe der Redner beim Publikum kaum Aufmerksamkeit erregen. Abgesehen vom New Yorker Enfant terrible Tom Wolfe, der den weißen Anzug über dem wahlweise blauen oder roséfarbenen Kontrastkragenhemd zu seinem Markenzeichen erhoben hat, machen zeitgenössische Schriftsteller, anders als bildende Künstler, nicht durch ihre Toilette von sich reden. 

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Trotzdem bleiben oder blieben sie äußerlich erkennbar: Michel Houellebecq mit grünem Parka und Plastiktüte, Gabriel García Márquez mit zigeunerhaften weißen Slippern, Susan Sontag in priesterlichem Schwarz, Thomas Bernhard in feinem, englischem Zwirn. Auch die deutsche Nachkriegsliteratur hinterlässt, von Paul Celans Schillerkragen über Heinrich Bölls Baskenmütze bis zu Martin Walsers Borsalino, deutlich modische Spuren, in denen sich die charakterliche Physiognomie der Autoren ausdrückt. 

Ein modisches Requisit wurde vor einiger Zeit gar zum Symbol einer ganzen Generation: Der namenlose Held in Christian Krachts Debütroman „Faserland“ von 1995 reist in einer Barbour-Jacke und mit Hemden der Marke Brooks Brothers in der Tasche quer durch die Republik, betrinkt sich auf Partys, preist die Kunst des stilvollen Kotzens und diskutiert so unergründliche Fragen wie die, ob man Barbour-Jacken besser in Grün oder Blau tragen sollte. Mit anderen Worten: Er ist gnadenlos oberflächlich aus Überzeugung, ein Opfer und Held des Ennui, wie die zynischen Karriereristen in den Romanen eines Bret Easton Ellis, die sich erst einen Armani-Anzug leisten und dann Vergewaltigung und Mord. 

Es spricht nicht für das Stilgefühl des deutschen Feuilletons, dass die Gruppe der Popliteraten um Christian Kracht zu selbst ernannten Dandys erklärt wurde, nur weil sie bei öffentlichen Auftritten auf möglichst blasierte Art ihr Modebewusstsein demonstrierten. Das hat der Dandy nicht verdient, der in Deutschland von jeher als Schimpfwort gilt. Dabei waren die Riesen der deutschen Literatur, von Goethe über Nietzsche bis Thomas Mann, ja nicht frei von dandyhaften Zügen. Der Dichter des Werther wirkte sogar stilprägend in ganz Europa: Blauer Frack über gelber Weste und Kniebundhose à la Werther galten als cool. 

Es blieb das einzige Mal, dass ein deutscher Dichter europäische Mode machte. Seit Ende des 18. Jahrhunderts, nach Auflösung der ständischen Kleiderordnung, waren es eher die Franzosen, die den modischen Takt angaben. Sie setzten die antifeudalen, gegen adlige Putzsucht gerichteten Forderungen in die Tat um. Zunächst, indem sie à la Rousseau, der gern mit Pelzmütze auftrat, den Kult der Natürlichkeit entdeckten und mit ihm die sexuelle Freiheit. Später taten sich französische Exzentriker und Künstler immer wieder als Modepioniere hervor. Dass auch Natürlichkeit ein Konstrukt ist und Kleidung immer eine Maske, gehört dabei zu den wichtigsten Lektionen. Stendhals Romanhelden etwa machen Karriere, indem sie modische Erfolgsmuster kopieren. Die Kleidung verleiht ihnen Persönlichkeit. Die Individualität richtet sich nach dem äußeren Schein. 

Balzac zeigt, wie man auf diesem Weg in der französischen Provinz reüssieren kann. Die „ganze pariserische Aufmachung, diese Rosette, diese Handschuhe, dieses Stöckchen“ sichert seinem Helden Ernest de La Brière die Liebe von Modeste Mignon im gleichnamigen Roman. In den „Verlorenen Illusionen“ hingegen scheitert der Kampf um Anerkennung an Fragen des Outfits. „Frisiert wie eine Wachsfigur, mit eleganter Weste und feiner Krawatte“ betritt Lucien die Opernloge. Doch als die Pariser Gesellschaft die „geborgte Eleganz“ des Hochstaplers durchschaut, ist er erledigt. Der Dichter der Comédie humaine war selbst ein ziemlich eitler Zeitgenosse. Aus seiner Feder stammt auch die brillante Abhandlung über die „Kunst, eine Krawatte zu binden“. 

Dandys galten seit dem Auftreten von Beau Brummell, dem Erfinder der gestärkten Krawatte und Tischgenossen König Georg IV. von Großbritannien, in ganz Europa als Inbegriff urbaner Eleganz. Sie suchten nicht den Eklat, sondern es ging ihnen um Stil-Askese, um die vollkommene, durchkomponierte, den ganzen Menschen erfassende Beherrschung der Form. Brummell endete im Irrenhaus, was seinem Ruhm bei den Dichtern keineswegs abträglich war. Charles Baudelaire heroisierte den Typus des Dandys als „beschäftigungslosen Herkules“, der unter der Konfektionierung des Lebens im Massenzeitalter leidet. Der Dichter der „Blumen des Bösen“ hüllte sich selbst in schwarze Anzüge, die er mit perfekter Nachlässigkeit trug, färbte seine Haare grün, kultivierte in seinen Gedichten einen dunkel schimmernden Stil und sang das Loblied der Schminke: Wer sich an das Natürliche halte, treffe auf nichts als Scheußlichkeit, befand Baudelaire. Mode und Modernität waren ihm eins. Gute Dichtung, so glaubte er, brauche die Witterungen der Mode. 

Alle dandystischen Schriftsteller wussten den flüchtigen Mehrwert der Mode zu schätzen. Die französischen Brüder Edmond und Jules de Goncourt schrieben über die Frau und die Mode im 18. Jahrhundert. Der Symbolist Stéphane Mallarmé schuf preziöse Schal- und Spitzengedichte und gab ein Modejournal heraus. 

In Marcel Prousts Riesenroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ durchlaufen die Figuren wahre Metamorphosen der Belle-Epoque-Mode. Prousts modisches Ideal blieb zeitlebens dem 19. Jahrhundert verhaftet, der Welt der Krinolinen, Schleppen, Faltenwürfe und üppigen Volants. Mitten in der Nacht, so berichtet die Schriftstellerin Colette, habe er im leeren Saal des „Ritz“ Freunde empfangen: „Unter einer offenen Otterfell-Pelerine sah man den Frack und das Galahemd, dazu die schon halb gelöste Schleife aus weißem Batist.“ 

Bei allem Snobismus wäre es Marcel Proust jedoch nie in den Sinn gekommen, gesellschaftlich aus der Rolle zu fallen. Das unterscheidet ihn von Oscar Wilde, dem Exzentriker unter den Dandys, der die Regelverletzung zur ästhetischen Norm erhob: Zu samtenen Kniehosen und Westen trug er eine Sonnenblume im Knopfloch – nicht aus Liebe zur Natur, die Wilde im Grunde seines Wesens eher gering schätzte. Eine „tadellose Knopflochblume“, sagte der Dichter in verächtlichem Unterton, sei „das einzige, was Kunst und Natur verbindet“. Die „erste Pflicht im Leben“ sei es, „so künstlich wie möglich zu sein“. Die zweite Pflicht habe „bisher noch niemand entdeckt“. 

Mit seinem extravaganten, auf den Skandal schielenden Stil repräsentiert Wilde die Spätform des Dandys, der gesellschaftlich bewusst auf verlorenem Posten steht. Er betreibt den Kult des Einzigartigen in einer Zeit, da die männliche Bekleidung längst zu einem Industrieprodukt geworden ist. „Da dem Dandy nur noch die Freiheit des Kaufens blieb und nicht mehr die der Kreation, musste das Dandytum zwangsläufig aussterben“, schreibt der französische Philosoph Roland Barthes, „den letzten englischen Tweed zu kaufen, ist ein ganz und gar banales Verhalten, insofern es eine Anpassung an die Mode bedeutet.“ Deshalb, so schließt Barthes, habe „die Mode tatsächlich das Dandytum getötet“. 

Die Mode schritt derweil voran in Richtung Funktionalisierung. Coco Chanel hatte mit schlichten, eleganten Kleidern aus Jersey und Flanell der Frau die Bewegungsfreiheit wiedergegeben und damit die lässige Haltung, den flüssigen Gang. Die so genannte moderne Frau entdeckt, 50 Jahre nach George Sand und mehr als 100 Jahre nach der Französischen Revolution, die Männermode in Form der Radlerhose wieder. Die expressionistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die ihre Briefe mit „Prinz von Theben“ oder „Jussuf“ unterschrieb, schlüpft ins Knabenkostüm und in orientalische Pumphosen. Virginia Woolf veranstaltet in ihrem Roman „Orlando“ ein androgynes Vexierspiel der Mode, indem sie den Titelhelden wechselnd in Männer- und Frauenkleider steckt. 

Die Fortschrittlichen unter den Dichtern, wie der russische Revolutionär Ilja Ehrenburg, forderten eine Tabula rasa der Mode: „Weit, ökonomisch, bequem“, solle die Mode sein, weil die moderne Frau ja ebenso wie der Mann Arbeiterin sei: „Sie geht ins Büro, in die Kanzlei, in die Schule, die Kostüme werden den Anzügen der Männer ähnlich, Schuhe ohne Absätze.“ Ganz auf der Höhe der Zeit zeigt sich daher der junge Bertolt Brecht auf den Fotos Ende der Zwanzigerjahre: Er posiert im Stil des Maschinenzeitalters mit Lederjacke, kurz geschnittenem Haar und Schiebermütze. Nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt, sieht man den Stückeschreiber dagegen häufig im anonymen Proletarieranzug. 

Max Frisch berichtet in seinem Tagebuch von einer Begegnung mit dem Meister der Verfremdung: „Die Mütze, die Joppe, wie von dem prallen Dessau entliehen; nur die Zigarre steckte authentisch. Ein Lagerinsasse mit Zigarre.“ Die Arbeiterkluft ist für Brecht ein Kostüm, eine Verkleidung. Genauso wie das Plastron für den Antipoden Thomas Mann. Graue Joppe mit Schiebermütze und Anzug mit Weste und Plastron stehen für zwei unterschiedliche Weltsichten: für Sachlichkeit versus Ästhetisierung, für Gleichheit versus Distinktion. 

Schwer zu sagen, welche Richtung Schule gemacht hat. Im Zuge der Studentenrevolte galten die Sympathien der Dichterzunft eher dem antibürgerlichen Habitus eines Brecht. Inzwischen wird der bürgerliche Repräsentations-Stil Thomas Manns besser verstanden, zumal man die Abgründe kennt, die sich dahinter verbergen. „Die Aktualität Thomas Manns“, sagt der Mann-Biograf Hermann Kurzke, „beruht auf der Aktualität der Dekadenz.“ 

Die Dekadenz. Sie war schon immer Komplizin der Mode, die alles Dekadente liebt. Kein Wunder, dass Dolce & Gabbana für ihre neue Frühjahrs- und Sommerkollektion Anleihen bei Vladimir Nabokovs berüchtigtem „Lolita“-Roman machen und den „seelenzerrüttenden, heimtückischen Zauber“ des Nymphchens feiern, die Kindfrau mit der „Koboldgrazie“ und dem „unschuldigen Mund“. 

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