Archiv: Vor dem Umbruch

Unternehmen+Management I Spezial IT Ein neues Kürzel elektrisiert die Branche: Die Softwareplattform LAMP wird zum Schrecken von Microsoft, Oracle & Co. 

Steve Ballmer ist bekannt für deutliche Worte. Doch als er das alternative Betriebssystem Linux kurz nach seinem Amtsantritt als Microsoft-Chef in einem Interview als „Krebsgeschwür für die Softwarebranche“ abkanzelte, erntete der Haudegen an der Spitze des weltgrößten Softwarekonzerns sogar im eigenen Haus Kopfschütteln. „Das war eine Nummer zu heftig“, kritisierten hochrangige Mitarbeiter. Dabei galt die Kritik mehr der Wortwahl als der Analyse. Denn in der Tat ist die lizenzkostenfreie Software inzwischen einer der schärfsten Konkurrenten für den Windows-Konzern. Und es könnte für Microsoft noch dicker kommen. 

Während Linux dem Marktgiganten das Leben bisher primär im Geschäft mit Betriebssystemen für Unternehmensrechner schwer machte, entwickelt sich die Software mit dem Pinguin-Logo – im Verbund mit weiteren lizenzkostenfreien Programmen, so genannter Open-Source-Software – für den Softwareprimus nun zum ernstzunehmenden Konkurrenten in einem ganz neuen Geschäftsfeld: der Entwicklung von Unternehmensanwendungen. 

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Das Kürzel, das die Branche elektrisiert, heißt LAMP. Es steht für vier der wichtigsten Softwarekomponenten, die Unternehmen für ihre IT-Infrastruktur nutzen können: Neben Linux als Basissoftware für die Großrechner sind das der Apache-Webserver, eines der erfolgreichsten Programme für den Betrieb von Internetanwendungen, die Datenbank MySQL, Konkurrent unter anderem für Oracle und IBM, sowie die Programmiersprachen PHP, Pearl oder Python. Im Verbund – der Fachmann spricht vom so genannten Software-Stack – oder in Kombinationen einzelner Komponenten dienen diese Programme Softwareentwicklern als Handwerkszeug für die Programmierung selbst komplexer Unternehmensanwendungen. 

Das Geschäft, das sich Microsofts dot-net-Plattform im Wesentlichen mit der von Sun Microsystems entwickelten Java-Technologie teilte, steht nun vor dem Umbruch: „Für viele Programmierer, die bisher nur die Wahl zwischen zwei Angeboten hatten, ist die LAMP-Plattform – zumindest bei der Entwicklung sehr standardisierter, nicht unbedingt überlebenswichtiger Anwendungen – die bessere Alternative“, sagt Stephen O’Grady, Softwareanalyst beim amerikanischen Beratungshaus Redmonk. „Damit steht – zumindest im Massenmarkt – auf Dauer das Geschäftsmodell der gesamten Softwarebranche zur Disposition: Statt wie bisher durch hohe Margen, müssen die Hersteller ihr Geld in Zukunft durch den Verkauf großer Mengen verdienen.“ 

Die bequemen Zeiten des Duopols sind nicht nur in der Programmentwicklung vorbei: Immer öfter sind auch Unternehmensanwendungen, für deren Kauf Firmen bisher Millionen aufwandten, inzwischen via Internet umsonst erhältlich: „Egal, ob Datenbankprogramme oder Internetangebote, Kundenmanagement-Software oder Anwendungen für die betriebswirtschaftliche Unternehmenssteuerung – mittlerweile gibt es in vielen Fällen Open-Source-Alternativen zu den kommerziellen Angeboten etablierter Anbieter wie Microsoft, Oracle, IBM oder SAP“, sagt Andreas Zilch, Vorstand des IT-Beraters Experton Group und Spezialist für Unternehmenssoftware. Zwar böten die kommerziellen Rivalen oft mehr Funktionen. Doch vielen Kunden reiche die Open-Source-Offerte offenbar aus. „Das zeigt sich an deren rapiden Zuwachsraten – quer durch alle Branchen.“ 

Denn Open-Source-Software hat längst das Stadium vor allem von alternativen Software-Freaks betriebener Entwicklungsprojekte überwunden: Die Liste prominenter Nutzer der LAMP-Plattform, einzelner » Komponenten oder darauf basierender Anwendungen umfasst Konzerne wie Airbus und DaimlerChrysler, Disney oder die Lufthansa und reicht bis zu Time Warner, der Internet-Enzyklopädie Wikipedia oder dem Online-Dienst Yahoo. Sergey Brin, Mitgründer der Web-SuchmaschineGoogle, die nahezu komplett auf Linux-Rechnern läuft, sagt offen: „Ohne Open-Source-Software wäre der Erfolg unseres Unternehmens schlicht undenkbar.“ 

Und auch für die Entwickler beginnt sich das Geschäft mittlerweile zu rechnen. Zwar dürfen die – so die Vorgabe des Open-Source-Lizenzmodells General Public Licence (GPL) – für Download und Einsatz ihrer Software kein Geld verlangen. Dennoch machte der amerikanische Linux-Primus Red Hat mit Service, Installation und Anpassung der Programme 2004 knapp 125 Millionen Dollar Umsatz und knapp 14 Millionen Dollar Gewinn. 

Extrem dynamisch entwickelt sich auch das Geschäft beim schwedischen Datenbank-Experten MySQL. Verbuchte das Unternehmen 2002 weltweit gerade einmal fünf Millionen Euro Umsatz, könnten es nach Analystenschätzungen im laufenden Jahr bereits gut 30 Millionen Euro sein. Genaue Zahlen nennt MySQL mit Verweis auf die Finanzierung durch Risikokapitalgeber nicht. Doch das Geschäft laufe, „auch Dank des Erfolgs der LAMP-Plattform“, großartig, sagt Unternehmenschef Mårten Mickos. „Trotz es starken Wachstums haben wir die Schwelle zur Profitabilität in diesem Jahr überschritten.“ 

Keine Frage, gemessen an Umsatz und Ertrag der Softwareriesen sind die Open-Source-Unternehmen noch immer Zwerge. Und dennoch: Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen sind die Open-Source-Angebote interessant. Eine Alternative, die den Branchenriesen – trotz der vergleichsweise geringen Umsätze der Konkurrenten – offensichtlich Sorgen macht: Mittlerweile haben Oracle, IBM und Microsoft entweder die Preise ihrer Datenbanken gesenkt oder spezielle Niedrigpreis-Offerten für kleinere Kunden ins Programm genommen. 

So kündigte beispielsweise Microsoft mit der SQL Server Express Edition jüngst eine Einsteigerversion seiner Datenbanksoftware an: „Damit“, sagt Alfons Stärk, Leiter Plattformstrategie bei Microsoft Deutschland, „reagieren wir natürlich auf den verschärften Wettbewerb durch Open-Source-Angebote, speziell im unteren Marktsegment.“ 

Doch auch bei Großkunden gewinnen LAMP-basierende Programmalternativen immer mehr Anhänger. Zwar sind Datenbanken wie die von Oracle, Microsoft oder IBM wegen spezieller Hochleistungsfunktionen für überlebenswichtige Unternehmensanwendungen unersetzlich. In vielen Einsatzfeldern aber ist der Aufwand auch in Konzernen nicht nötig. „Da fragen sich die Kunden, warum sie tausende Dollar für Lizenzen zahlen sollen, wenn kostenlose Software für Standardaufgaben ausreicht“, sagt Michael Goulde, Analyst beim Marktforscher Forrester. 

Analysten und Investoren von Wagniskapital sagen denn auch den übrigen Komponenten der LAMP-Welt eine Marktentwicklung vorher wie dem Leuchtturm Linux, der im zuletzt rund 49 Milliarden Dollar großen Server-Markt bereits knapp neun Prozent Umsatzanteil erobert hat. Nach Hochrechnungen der US-Marktforscher VentureOne sammelten 20 Open-Source-Firmen im vergangenen Jahr rund 149 Millionen Dollar Risikokapital ein. 

Anfang Oktober stockten Wagniskapitalgeber ihre Beteiligung bei SugarCRM um knapp 19 Millionen Dollar auf. Das Softwarehaus aus dem kalifornischen Cupertino verkauft Software zum Kundenmanagement, entwickelt auf der LAMP-Plattform. Und das ist, glaubt man Ray Lane, Partner beimWagniskapitalinvestor Kleiner Perkins Caufield & Byers, nur eine von vielen Einsatzmöglichkeiten der Open-Source-Programme: „Ich denke nicht, dass es dafür irgendwelche Grenzen gibt“. 

Eine Prognose, die weder Microsofts Haudegen Ballmer noch Oracles nicht minder lautstark formulierender Spitzenmann Larry Ellison als Spinnerei eines durchgeknallten Linux-Freaks abtun dürften. Immerhin war Lane bis Mitte 2000 jahrelang hinter Ellison zweiter Mann bei Oracle. 

thomas.kuhn@wiwo.de 

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